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Bassam Tibi "Weitere islamische Staaten werden zerbrechen"

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"Der erste Schritt ist eine Änderung des Menschenbildes"

Die Reformation spielte eine zentrale Rolle bei der Entstehung des Kapitalismus in Europa – so zumindest die Ansicht von Max Weber. Wäre eine islamische Reformation auch die Bedingung für einen dynamischeren Kapitalismus in den betreffenden Ländern?
Ich bin dieser Auffassung. Der erste Schritt dazu ist eine Änderung des Menschenbildes: Nicht mehr der von Gott gesteuerte Mensch, sondern ein für sein Handeln verantwortlicher. Es gab dafür schon im frühen Mittelalter Ansätze. Der islamische Mystiker al-Halladsch berichtete von einem Gespräch mit Gott: „Ich habe ihn gefragt: Wer bist Du? – Er sagte: Ich bin Du“. Gott wird also vermenschlicht und der Mensch damit zum Individuum. Al-Halladsch wurde deswegen im Jahr 920 in Bagdad hingerichtet.

Welche Rolle spielt der Westen für die Rückständigkeit der arabischen und anderen islamischen Länder?
Heute behaupten viele deutsche Islamwissenschaftler ebenso wie die Islamisten, das Problem sei der Westen, der die Entwicklung in der islamischen Welt behindere. Das ist Unsinn. Das große islamische Imperium mit Bagdad als Hauptstadt ist im 13. Jahrhundert untergegangen. Damals gab es keinen Kolonialismus. Einige Leute sagen dann: Es gab den Vorgänger des Kolonialismus, nämlich die Kreuzzüge, die die Entwicklung der Muslime behindert hätten. Aber die Kreuzritter wollten nach Jerusalem, nicht nach Bagdad. In meinem Buch „Kreuzzug und Djihad“ berichte ich die Geschichte eines damaligen Imams in der Moschee von Damaskus, der mitten im Gebet plötzlich eine Flasche Wein trank. Die Gläubigen fielen über ihn her. Da sagte er: Ihr regt euch über Wein in der Moschee auf, aber nicht über unseren Kalifen in Bagdad, der nichts gegen die Kreuzritter tut. Der Kalif wusste eben, dass die nicht zu ihm nach Bagdad wollten. Nein, die Kreuzzüge waren nicht der Grund der Unterentwicklung. Der Niedergang der islamischen Zivilisation hatte interne Ursachen.
Der Iraker Ali Allawi hat ein Buch über „The Crisis of Islamic Civilization“ geschrieben. Er sagt:  Wir müssen aufhören, immer die Schuld bei anderen zu suchen. 90 Prozent unserer Probleme sind selbstverschuldet. Die westliche Dominanz ist ein Faktor, aber die Hauptfaktoren sind innere. Der größte islamische Denker des 19. Jahrhundert, al-Afghani, forderte schon damals: Wir sollten aufhören, den Kolonialismus als Ursache unseres Elends anzusehen. Für ihn war Kolonialismus die Herrschaft von starken Völkern über schwache Völker. Die Herrschaft von Völkern, die über Wissen verfügen, über unwissende Völker. Ich vertrete auch diese Position.

Kommen wir in die Gegenwart zurück. Unterscheiden sich Sunniten und Shiiten in ihren Ansichten über grundsätzliche ökonomische Fragen?
Nein. Die Unterschiede beziehen sich auf sektiererische Fragen. Zum Beispiel ob die Prophetie mit Mohamed zu Ende ging, oder durch die Imame fortgesetzt wird. Aber sie unterscheiden sich nicht in ihrer theozentrischen, also an Gott orientierten Weltanschauung: Die Menschen sind Schachfiguren, Gott ist der Schachspieler. Die europäische Weltanschauung ist am Menschen orientiert. 

Die modernen islamischen Bewegungen, die Muslimbrüder vor allem, behaupten, einen Ausweg aus dem Elend zu kennen.
Die Hauptparole der Islamisten von der Muslimbrüderschaft lautet: Es gibt eine Krise, es gibt Elend und „Al-islam huwa al-hal“ – Der Islam ist die Lösung. John Waterbury, früher Professor in Princeton und dann Präsident der American University of Beirut, hat die Muslimbrüderschaft in seinem Buch „A Political Economy of the Middle East“ sehr genau untersucht, aber er konnte überhaupt keine ökonomische Strategie entdecken. Also sagt er: Nein, der Islam ist nicht die Lösung.

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