BBC-Moderatorin Katty Kay „Ein trügerisches Gefühl der Sicherheit“

Katty Kay, US-Anchor der BBC, zählt zu den profiliertesten Journalistinnen Großbritanniens. Mit dem Handelsblatt spricht sie über Trump, den Brexit, die Krise der angelsächsischen Welt und den deutschen Wahlkampf.

Katty Kay hat sich dazu entschieden, ihre Sendung „100 Days“ auch nach den ersten 100 Tagen der Regierung von US-Präsident Donald Trump fortzusetzen. Allerdings wurde der Name zu „Beyond 100 Days“ geändert. Quelle: AP

WashingtonMit Ihrer Sendung „100 Days“ wollten Sie den Beginn der Ära Trump begleiten. 100 Tage sind vorbei, aber Sie sind immer noch auf Sendung - warum?
Unser Job ist noch nicht erledigt. Das Interesse an der neuen Ära, an dem Phänomen Trump ist nach wie groß. Das globale Gleichgewicht der Kräfte verschiebt sich, auch in Europa haben Populisten Zulauf. All dem wollen wir nachgehen. Daher heißt unsere Sendung jetzt „Beyond 100 Days“. Eine andere Frage, die nach wie vor wichtig ist, lautet: Wie konnte Trump eigentlich gewinnen? Ich glaube, dass es eine direkte Verbindung zwischen Anschlägen des 11. September 2001 sowie der Finanzkrise auf der einen und der Wahl von Donald Trump auf der anderen Seite gibt. Hier kam die Angst der amerikanischen Wähler zum Vorschein, die Angst vor Terrorismus und die Angst vor wirtschaftlichem Abstieg.

Diese Ängste sind allerdings nicht nur eine Reaktion auf externe Schocks, sie offenbaren auch ein gravierendes strukturelles Problem in den USA: das Abgleiten der Mittelschicht.

Das stimmt. Der Wirtschaftsboom der 90er hat verdeckt, wie tief die Probleme sind – die Einkommensstagnation vor allem. Das Ende des Kalten Kriegs hat Amerika zehn Jahre beschert, die eine gute Zeit zu sein schienen, tatsächlich aber nur eine Anomalie waren.

Die Finanzkrise lässt sich damit erklären, dass billige Kredite die triste Wirklichkeit der Einkommensstagnation übertünchen sollten. Jetzt gibt es Anzeichen, dass sich die Geschichte wiederholt.
Auch darum haben wir uns entschieden, aus 100 Days ein dauerhaftes Format zu machen.

Das entscheidende Motiv für Trump-Wähler war Identität. Gerade weiße Männer befürchten, ihre dominante Stellung in der Gesellschaft zu verlieren.
Das wichtigste Datum ist das Jahr 2044 – das ist das Jahr, in dem in den USA die Minderheiten in der Mehrheit sein werden und die Weißen in der Minderheit. Das ist ein gewaltiger demografischer Umbruch und er wird dadurch noch verstärkt, dass mehr Frauen auf den Arbeitsmarkt Erfolg haben. Bei vielen Männern löst dies das Gefühl aus, zu den Verlierern zu zählen.


„Journalisten haben einen wichtigen Teil der Bevölkerung übersehen“

Wir reden viel über die Krise des Westens. Aber müssten wir nicht konkreter über eine Krise der angelsächsischen Welt reden? Brexit und Trump – das sind doch die beiden großen politischen Erschütterungen.
Sicherlich sind die beiden Länder, in denen es eine populistische Revolte gab, angelsächsische Länder. Die Kräfte, die dabei am Werk waren, ähneln sich: Wähler, die sich zurückgelassen fühlen, die über Migration besorgt sind und die eine Nostalgie nach vergangenen Zeiten verspüren. Das wichtigste Wort in Trumps „Make America Great Again“-Slogan war ja „again“. Auch beim Brexit ging es darum, ein verlorenes Gefühl von Größe, von Souveränität wiederherzustellen. Aber wir können diese Kräfte auch in Kontinentaleuropa erkennen, in den Niederlanden, in Frankreich, auch in Deutschland. Es wäre falsch so zu tun, als ob wir es mit einem rein angelsächsischen Problem zu tun hätten.

Zum ersten Mal seit dem Ende des zweiten Weltkriegs werden Rechtsextreme im deutschen Reichstag sitzen.
Nach dem Wahlsieg von Emmanuel Macron in Frankreich glaubten viele Kommentatoren, die populistische Gefahr sei gebannt. Das aber ist ein trügerisches Gefühl der Sicherheit. Selbst wenn die Populisten nicht an die Macht kommen, verändern sie die politische Landschaft, da sie Mainstreamparteien nach links oder rechts zerren. Denken wir an den Linkspopulisten Bernie Sanders und die US-Demokraten.

Was war Ihre erste Reaktion auf die Trump-Kandidatur, auf den inzwischen historischen Moment, als Trump die Rolltreppe im Trump Tower heruntergefahren kam, um seine Wahlkampagne zu starten?
Mea Culpa, ich lag völlig falsch: Ich bin vor die Kamera getreten und habe gesagt, dass die Verkündung der Kandidatur der Höhepunkt von Trumps politischer Karriere sein würde. Ohne politische Erfahrung, ohne Rückhalt in der Partei dachte ich wie viele andere auch: Er hat keine Chance. Aber wir Journalisten haben einen wichtigen Teil der Bevölkerung übersehen.

Und wann haben Sie zum ersten Mal gedacht: Der kann tatsächlich Präsident werden.
Ich habe zwei Wochen nach dem Brexit einen Artikel für die BBC-Website geschrieben, in dem ich auf die Parallelen zum US-Wahlkampf hingewiesen habe. Das Brexit-Camp hat Emotionen geschürt, die Pro-Europäer haben mit Daten und Fakten dagegengehalten. Genauso war Trump in den USA der Kandidat des Bauchs, der Emotionen. Hillary Clinton war die Kandidatin der Vernunft. Am Ende hat der Bauch über den Kopf triumphiert, wie zuvor in Großbritannien.

Trump gilt bei vielen als unverbesserlich. Aber in den vergangenen Wochen haben wir gesehen, wie er sich auf die Demokraten zubewegt hat. Erleben wir doch einen neuen Trump?

Jeder, der glaubt, dass ein Meinungswechsel oder eine Neuorientierung bei Trump von Dauer sein könnte, hat sich wahrscheinlich noch nicht sehr lange mit Trump auseinandergesetzt. Trump will endlich einen legislativen Erfolg. Das treibt ihn an. Ich weiß von meinen Gesprächen mit Leuten aus dem Weißen Haus, dass Trump über das Versagen der Republikaner, eine Gesundheitsreform zu verabschieden, erschrocken und verärgert war. Daher versucht er jetzt eben, mit dem Demokraten voranzukommen. Aber nächste Woche kann sich auch das schon wieder ändern.

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