US-Handelspolitik: „Unternehmen werden für diese Art von Arbeit keine hohen Löhne zahlen“
Am „Tag der Befreiung“ verkündete der US-Präsident Donald Trump: Die massiven Zollerhöhungen würden „rauschend Arbeitsplätze in unser Land zurückholen“. Wenig später betonte Handelsminister Howard Lutnick in einem Fernsehinterview: „Die Heerscharen von Menschen, die kleine Schrauben in iPhones drehen – diese Art von Arbeit wird nach Amerika kommen.“
Nun ja.
Ich für meinen Teil bezweifle, ob die USA überhaupt mehr Industriearbeitsplätze schaffen müssen. Aber selbst wenn ich hinter dem Ziel der US-Regierung stehen würde – der Handelskrieg zahlt nicht auf dieses Ziel ein. Im Gegenteil, die Zölle werden die Industrie nicht wiederbeleben. Dafür gibt es (mindestens) fünf Gründe.
Erstens: Trumps Zölle senken die Wettbewerbsfähigkeit der amerikanischen Produzenten. Zölle wirken eben nicht nur als Konsumsteuer, wie gerade vielfach diskutiert. Sondern auch als Steuer auf Unternehmensinvestitionen. Gut die Hälfte aller US-Importe gehen auf Industriegüter und -materialien oder Kfz-Teile zurück.
Werden diese Vorprodukte teurer, können amerikanische Hersteller kaum ihre niedrigen Preise beibehalten, geschweige denn ihre Produktion hochfahren oder neue Mitarbeiter einstellen.
Das ist nicht nur eine Theorie. Der erste, vergleichsweise kleine Trumpsche Handelskonflikt 2018 und 2019 liefert genügend Beweise, um den aktuellen Konflikt zu bewerten. So schätzen die US-Notenbankökonomen Aaron Flaaen und Justin Pierce, dass der Verlust an Industriearbeitsplätzen aufgrund höherer Inputkosten fünfmal höher war, als der Zugewinn an Jobs durch den Schutz vor Importen.
Zweitens: Betroffene Länder werden mit Vergeltungsmaßnahmen antworten. Das trifft amerikanische Exporteure, die ebenfalls kaum neue Jobs schaffen werden. Auch diesen Fall haben die Ökonomen Flaaen und Pierce für den Handelskonflikt 2018 und 2019 untersucht: Jobverluste in der Industrie waren durch diesen Effekt fast dreimal so hoch wie die Zahl neuer Jobs durch den Schutz vor Importen.
Wie Zölle die amerikanische Industrie treffen
Trump ist eindeutig besorgt über Vergeltungsmaßnahmen. Vor wenigen Tagen postete der US-Präsident, dass China in seiner ersten Amtszeit „brutal zu unseren Landwirten war“. Die Landwirte „belohnte“ Trump deshalb mit einem 28 Milliarden Dollar schweren Rettungspaket.
Der Post wirkt zwar wie ein Versprechen, die Landwirte auch in diesem Handelskrieg zu unterstützen. Aber die Landwirtschaft wird nicht der einzige Wirtschaftszweig sein, auf den die Gegenmaßnahmen anderer Länder abzielen. Eine ganze Reihe an Waren – von Getreide über Kleidung bis hin zu Metall und Whiskey – ist schon zur Zielscheibe geworden.
Der dritte Grund, warum Zölle keine Industriearbeitsplätze schaffen, ist: die Zeit. Auch wenn der US-Präsident Zölle so schnell erlassen kann, wie es braucht, um ein Dekret zu unterschreiben. Fabriken aufzubauen dauert mehrere Jahre, egal ob für Autos, Medikamente oder Halbleiter.
Viele Industriejobs sind mittlerweile unattraktiv
Das führt zum vierten Grund. Welcher Unternehmer verpflichtet sich unter den aktuellen politischen Rahmenbedingungen für ein großes, langfristiges Investitionsprojekt? Da die US-Hersteller stark auf Zwischenprodukte aus dem Ausland angewiesen sind, wirken wilde Zollschwankungen sehr verunsichernd. Wenn Unternehmen nicht wissen, wie hoch ihre Kosten ausfallen, wie sollen sie dann wissen, welche Investitionen sich lohnen? Deswegen überrascht es nicht, dass US-Unternehmen ihre Einstellungspläne seit Trumps Amtsantritt zurückgeschraubt haben.
Und schließlich: Wer nimmt diese neuen Jobs überhaupt an? Die Arbeitslosenrate in den USA wird nicht unter das jetzige Niveau fallen. In den vergangenen Jahren konnte praktisch jeder einen Job bekommen, der danach gesucht hat. Ja, es gibt eine große Zahl an Menschen, die dem Arbeitsmarkt nicht mehr zur Verfügung stehen. Aber damit diese Menschen wieder anfangen zu arbeiten, müssten die Löhne vermutlich deutlich höher sein.
Neue Industriearbeitsplätze werden dieses Problem nicht lösen. In Amerika verdient der durchschnittliche Metallarbeiter bereits weniger als der durchschnittliche Mitarbeiter im Dienstleistungssektor. Entstehen wirklich, wie Trump plant, mehr Industriearbeitsplätze in den USA, würde der durchschnittliche Lohn im verarbeitenden Gewerbe weiter fallen. Lutnick möchte vielleicht, dass die Amerikaner „kleine Schrauben eindrehen“ – aber Unternehmen werden für diese Art von Arbeit keine hohen Löhne zahlen.
Es gibt viele Gründe, warum wir uns nicht wünschen sollten, dass Heerscharen von Amerikanern in Fabriken Turnschuhe zusammennähen. Eine der wichtigsten ist: Es sind Niedriglohnjobs.
US-Zölle wirken wie eine Steuererhöhung
Trumps Handelskrieg wird die Beschäftigung im verarbeitenden Gewerbe nicht wiederbeleben. Ganz im Gegenteil: Die Industriearbeitsplätze werden abnehmen, während gleichzeitig die Preise steigen, sich das Wirtschaftswachstum verlangsamt und die Arbeitslosigkeit zunimmt.
Gegen Handelsabkommen zu verstoßen, schwächt die Rechtsstaatlichkeit und die Verfassung der USA. Trumps Zölle sind die höchste Steuererhöhung in Friedenszeiten in der modernen Geschichte. Dabei gibt die Verfassung dem Kongress, und nicht dem Präsidenten, die Befugnis, Steuern zu erhöhen.
Amerikas Bündnisse leiden und die Glaubwürdigkeit der wirtschaftlichen und finanziellen Führung der USA mit ihr.
Viele Trump-Anhänger haben den Handelskonflikt mit dem Argument verteidigt, es handele sich um einen klassischen Fall von konzentrierten Vorteilen und diffusen Kosten: Arbeitnehmer in der Industrie profitieren stark, während der Rest von uns ein bisschen leidet. Das ist in zweierlei Hinsicht falsch, denn Trumps Handelskrieg ist eine Lose-Lose-Situation. Und die Verlierer, einschließlich der Industriearbeiter, werden viel mehr verlieren, als Trumps Verteidiger zugeben wollen.
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