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Erdoğans Zorn Der türkischen Wirtschaft droht der Absturz

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Touristen bleiben aus

Besonders schwierig ist die angespannte politische Lage für den Tourismus der Türkei, der rund ein Zehntel zur Wirtschaftsleistung beiträgt. Die Branche schwächelt schon länger, weil russische Touristen nach den Sanktionen von Präsident Wladimir Putin gegen die Türkei das Land mieden, ihre Buchungen brachen um 92 Prozent ein. Aber auch 30 Prozent weniger deutsche Touristen kamen zuletzt. „Depressiv“ nennt Helena Schönbaum vom Tourismus-Netzwerk in Antalya die Stimmung. „Neue Verhaftungswellen werden das Bild der Türkei im Rest Europas weiter beschädigen“, sagt Schönbaum.

Auch bei Bosch Siemens, mit rund 30.000 Beschäftigten der größte deutsche Arbeitgeber in der Türkei, ist man nervös: „Wir beobachten die Lage genau“, heißt es dort. Mercedes-Benz Türk, zuständig für eine Omnibus- und Lkw-Produktionsstätte im Land, gibt sich ebenfalls „sehr besorgt“. Namentliche Zitate lehnten die Konzerne ab, zu groß ist die Angst, sich politisch zu äußern.

Moritz Marwein gibt sich offener. Der junge Deutsche betreibt mit seiner Partnerin, einer Halbtürkin, in Istanbul einen kleinen Lieferdienst namens Jüs. Die beiden verkaufen und liefern gepresste Säfte an die kosmopolitische Elite der Stadt. Sie leben und arbeiten in Cihangir, einem weltoffenen Viertel. Doch dort kommt es seit Tagen zu Krawallen zwischen Anhängern von Erdoğan und dessen Gegnern. Marwein denkt nun nach, ob ein Franchise-Unternehmen in Deutschland sinnvoll sei, als „Ausstiegsoption, falls es noch schlimmer wird“.

So wie der deutsche Unternehmer klingen viele säkulare Türken und Ausländer. Sie fürchten, dass die zornigen Massen, die gerade auf den Straßen Istanbuls die Wiedereinführung der Todesstrafe fordern, sich vielleicht bald gegen andere Minderheiten richten – oder gegen sie selbst.

Das ist die Gülen-Bewegung

Unruhe und Instabilität sind für keinen Wirtschaftsstandort gut. Die Türkei aber ist als Schwellenland besonders verwundbar. Das Land ist auf ausländisches Kapital angewiesen, denn die Sparquote im Land bleibt gering, die Abhängigkeit von Rohstoffimporten hoch. Um das chronische Leistungsbilanzdefizit, gemessen an der Wirtschaftsleistung 4,5 Prozent, auszugleichen, braucht die Türkei ausländisches Kapital. Noch am Samstag sackte die türkische Lira um fast fünf Prozent ab. Danach erholte sie sich zwar leicht, was aber nur auf die Erklärung der Zentralbank zurückzuführen ist, „unbegrenzt Liquidität“ zur Verfügung zu stellen.

Die Mutter aller Säuberungen

Das Vertrauen des Auslands schwindet in dem Maße, wie die Regierung rabiat auf den Putsch reagiert: Statt auf Versöhnung zu setzen, spaltet sie das Land weiter. Erdoğan nutzt die Situation für „Säuberungen“ in bislang kaum vorstellbarem Ausmaß. Rund 50.000 Menschen – Polizisten, Militärs, Richter, Lehrer – saßen bereits Mitte der Woche in Haft oder wurden suspendiert. Die türkische Hochschulverwaltung erteilte Akademikern pauschal ein Ausreiseverbot.

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