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Erdoğans Zorn Der türkischen Wirtschaft droht der Absturz

Nach der Verhängung des Ausnahmezustands in der Türkei trifft Präsident Recep Tayyip Erdoğan am Montag Oppositionsvertreter. Die Folgen des Putschversuches erschüttern die Wirtschaft des Landes. Für heimische und internationale Unternehmen könnte der Zorn Erdoğans teuer werden. Womit die Wirtschaft rechnen muss.

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AKP-Anhänger feiern das Ende des Putsches in Istanbul. Quelle: Laif

Die Bilder vom Putsch in der Türkei waren frisch, die Teilnehmer des Asem-Gipfels zwischen Europa und Asien wollten am vorvergangenen Samstag rasch nach Hause. Es gab nur ein Problem: Viele konnten den Tagungsort Ulan-Bator in der Mongolei nicht mehr verlassen. Die Chefs kleinerer Teilnehmerstaaten des Gipfels, aber auch EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, der über kein eigenes Fluggerät verfügt, waren auf Linienflüge gebucht – und zwar über Istanbul. Doch alle Flüge am dortigen Atatürk-Flughafen waren gestrichen, türkische Militär-Putschisten hatten ihn besetzt. Kurzerhand entstand auf dem Dschingis-Khan-Flughafen in Ulan-Bator eine Art Mitflugzentrale: Bundeskanzlerin Angela Merkel packte etwa den Schweizer Bundespräsidenten Johann Schneider-Ammann ein.

Ähnlich wie den Politpromis erging es vielen Tausenden Reisenden, die sich vorletztes Wochenende plötzlich in Bodrum, Izmir oder Antalya wiederfanden, obwohl sie dort eigentlich gar nicht hin wollten. Denn rund um den zentralen Umsteigeflughafen der Türkei herrschte Chaos, es flogen Kampfjets statt Linienmaschinen. Wenn sie die Schallmauer durchbrachen, klang das, als fliege ein Teil der Stadt und des Flughafens in die Luft. Die amerikanische Flugbehörde Federal Aviation Administration (FAA) strich sämtliche Flüge nach Istanbul.

Für die wichtigste Fluggesellschaft des Landes, Turkish Airlines, ist die Betriebsstörung eine Katastrophe. Schließlich gilt das unkomplizierte Umsteigen in Istanbul als eines ihrer stärksten Buchungsargumente. Der Atatürk-Flughafen dort sollte Transitstätte für Fluggäste aus der ganzen Welt werden und mit den erfolgreichen Hubs arabischer Airlines konkurrieren.

"Blutvergießen in der Türkei muss ein Ende haben"
Bundeskanzlerin Angela Merkel Quelle: dpa
Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan Quelle: AP
Europaparlaments-Präsident Martin Schulz Quelle: dpa
Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) hat sich „zutiefst beunruhigt“ über den Putschversuch in der Türkei geäußert. „Alle Versuche, die demokratische Grundordnung der Türkei mit Gewalt zu verändern, verurteile ich auf das Schärfste“, sagte Steinmeier in einer ersten offiziellen Reaktion am Samstag in Berlin. Quelle: dpa
Angela Merkel geht in Ulan Bator beim Asien-Europa-Gipfel zusammen mit Regierungssprecher Steffen Seibert zu einer Sitzung. Quelle: dpa
Außenminister Frank-Walter Steinmeier Quelle: dpa
türkische Soldaten am Taksim-Platz in der Nacht zu Samstag Quelle: dpa

Dass dieses Ziel nun akut in Gefahr gerät, kommt für Turkish Airlines zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt. Schon im ersten Quartal 2016 schrieb die Fluglinie gut 500 Millionen Dollar Verlust. Ihre Aktie notiert fast 50 Prozent tiefer als im Vorjahr. Dabei galt Turkish Airlines einst als Vorzeigeunternehmen der türkischen Wirtschaft, sie war mit zweistelligen Wachstumsraten ein Angstgegner europäischer Fluglinien.

2005 übernahm Temel Kotil den damals angeschlagenen Konzern. Kotil gilt als Vertrauter von Präsident Recep Tayyip Erdoğan, beide stammen aus Rize an der Schwarzmeerküste. Zusammen stiegen sie auf – Kotil machte die Fluglinie groß, Erdoğan das Land. Auf vier Säulen ruhte die Wachstumsstrategie der Flugline: mehr Badeurlauber, mehr Städtetouristen, mehr Geschäftsreisende und mehr Passagiere auf Langstrecken. Turkish Airlines drängte in die Welt, als Sponsor der Fußball-EM ebenso wie als Werbepartner des neuen „Batman“-Films, und avancierte damit auch zum schillernden Aushängeschild eines selbstbewussten, aufstrebenden Landes.

Und jetzt? Steht Turkish Airlines wieder beispielhaft für die Türkei – nur diesmal als Symbol eines akuten Vertrauensverlustes. Und eines drohenden Abstiegs.

Schlüsselstaat Türkei

Hubert Braun kennt sich mit Umwälzungen aus. Der Türkeichef des Pharmakonzerns Bayer war in Russland tätig, als dort 1991 das Militär putschte und Boris Jelzin mit seinem mutigen Klettern auf einen Panzer die Demokratie (vorläufig) verteidigte. So schnell bringt ein gescheiterter Putsch Braun nicht aus der Ruhe. „Bayer ist seit 60 Jahren in der Türkei und denkt langfristig, da bleiben wir optimistisch“, sagt er. Aber er sagt auch: „Aktuelle politische Ereignisse mögen unser Geschäft kurzfristig beeinflussen.“

Die Anzeichen dafür mehren sich: Zwei seit Langem geplante Delegationsreisen deutscher Wirtschaftsvertreter in die Türkei wurden kurzfristig abgesagt. Zahlreiche Unternehmen haben ihren Mitarbeitern Reisen in das Land aus Sicherheitsgründen verboten. „Die Wirtschaft blickt unsicheren Zeiten entgegen“, sagt Jan Noether von der deutsch-türkischen Industrie- und Handelskammer in Istanbul.

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