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Freytags-Frage

Was bleibt von den Olympischen Spielen?

Die Winterspiele in Sotschi nähern sich dem Ende. Was bleibt sind horrende Kosten für den Steuerzahler und Umweltschäden. Die Bürger gehören zu den Verlierern der Spiele.

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Die Olympischen Spiele in Sotchi sind die teuersten aller Zeiten. Rentieren wird es sich für Russland aber nicht Quelle: dpa

Die Olympischen Winterspiele 2014 gehen in ihre letzten Tage. Die Jugend der Welt (z.B. Frau Pechstein) hat sich im fairen Wettkampf gemessen, und es gab viele verdiente und viel überraschende Sieger zu feiern; manche Favoriten stürzten im übertragenen und im wörtlichen Sinne. Insgesamt schöner Sport.

Also alles in Ordnung? Meines Erachtens nicht. Gerade die Winterspiele in Sotschi geben Anlass zum Nachdenken. Zum ersten sind sie die teuersten in der Geschichte der Winterspiele; ihre Kosten sollen etwa bei der Summe aller anderen Winterspiele der Neuzeit liegen. Von mindestens 30 Milliarden US-Dollar ist die Rede, die entweder direkt vom russischen Steuerzahler oder von Staatsunternehmen getragen, also letztlich auch vom Steuerzahler. Einige private Investoren kommen hinzu. Die Auftragsvergabe soll nicht völlig ohne Nepotismus und Korruption vorgegangen sein, auch keine echte Überraschung.

Damit reiht sich dieses Olympia in Sotschi in die vielen sportlichen Großereignisse ein, die für die veranstaltenden Länder finanziell einen massiven Verlust brachten. Die Veranstaltungsorte selber haben bisweilen gewinnen können, so z.B. München von den Olympischen Sommerspielen 1972 oder Hannover von der WM 2006 (wohl in Verbindung mit der Expo 2000). Manche Sportstätten werden aber nur für die Spiele selber gebaut und anschließend kaum noch genutzt; man denke an das Stadion in Kapstadt, das im Grunde ungenutzt ist (von einigen Rockkonzerten abgesehen). Volkswirtschaftlich sind sportliche Großveranstaltungen kein überzeugendes Geschäftsmodell.

Russland schneidet schlechter ab als Südafrika

Wie verhält es sich zweitens mit den politischen Erträgen? Im Falle der Fußball-WM 2010 kann man wohl mit Recht von einem Imagegewinn der Gastgeber sprechen. Alle vorher geäußerten Befürchtungen – Gewalt, leere Stadien, Verkehrschaos, Stromausfälle – haben sich nicht bewahrheitet. Stattdessen gab es gute Spiele mit fairem Publikum; sogar die Bafana Bafana, die südafikanische Nationalmannschaft, konnte einigermaßen überzeugen. Im Falle der diesjährigen Winterspiele kann man sich da nicht so sicher sein. Protzige, aber oftmals schlecht funktionierende Bauten, extremste Sicherheitsvorkehrungen und offenbar unterdrückte Meinungsfreiheit, die zudem noch durch das Internationale Olympische Komitee (IOC) unterstützt wird – sogar Trauerflor war als politische Meinungsäußerung nicht gestattet –, werfen kein gutes Licht auf die russische Regierung.

Das hat sogar dazu geführt, dass die sonstigen Gewinner solcher Großveranstaltungen, nämlich die Regierungsvertreter der Teilnehmerländer ihre Reisetätigkeit weitgehend eingestellt haben. Wer erinnert sich nicht gerne an jubelnde Minister, Bundeskanzlerinnen in Fußballerkabinen und ähnlich schöne Bilder? Sie fehlen dieses Mal. Bundespräsident Gauck hat ein Zeichen gesetzt, indem er seine Teilnahme abgesagt hat; Präsident Obama hat eine homosexuelle ehemalige Spitzensportlerin als Botschafterin der USA gesandt. Diese Gesten sollten nicht unterbewertet werden. Auf jeden Fall sind deutsche Spitzenpolitiker deutlich gehemmt, ihr übliches Brot-und-Spiele-Verhalten an den Tag zu legen. Gut so!

Korruption beim IOC

DOSB zieht Halbzeitbilanz in Sotschi

Ein weiteres Übel derartiger Großveranstaltungen ist das Verhalten der Sportfunktionäre. Nicht nur, dass viele Mitglieder des IOC, der FIFA oder anderer Weltsportverbände als notorisch korrupt aufgefallen sind! Auch die Vergabepraxis an Länder, deren politische Regime undemokratisch sind, sodass es leicht ist, zivilgesellschaftlichen Widerstand zu unterdrücken und ökonomisch unsinnige, aber für die Verbände und ihre Funktionäre lukrative Bedingungen durchzusetzen, ist ein Ärgernis. Sogenannte Premium-Partner werden zulasten der lokalen Bevölkerung gepäppelt; so musste die Betreiber von Marktständen in Kapstadt während der WM 2010 den Marktplatz verlassen – stellen Sie sich vor, Sie würden von der FIFA mit einem vierwöchigen Berufsverbot belegt!

Damit sind wir explizit bei der Gruppe, die vermutlich am wenigsten von sportlichen Großveranstaltungen haben, wenigstens solange sie nichts zu vermieten oder verkaufen haben – die lokale Bevölkerung. Ihre Belange werden entweder nicht berücksichtigt oder ausdrücklich unterdrückt (siehe Kapstadt als harmloses, weil rein wirtschaftliches Beispiel). Für sie fällt wenig ab, gelegentlich sogar nur Nachteile.

Münchens gute Entscheidung

Diese Situation hat dann natürlich Auswirkungen auf die Umwelt. Der Bau neuer Sportstadien ist oftmals nicht mit der Bewahrung einer intakten Umwelt in Einklang zu bringen. Die ökologischen Konsequenzen dieser Winterspiele sind noch nicht abzusehen, aber es mutet schon komisch an, dass die schneeärmste Gegend Russlands ausgewählt wurde; und Skilaufen bei 15 Grad ist ein zweifelhaftes Vergnügen.

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Umso mehr gefällt dem Kolumnisten, dass die Bewohner der Großregion München auf eine Bewerbung für die Winterspiele 2022 verzichtet haben. Sie waren nicht bereit, sich in die Fänge des IOCs zu begeben, und verzichten darauf, noch größere Liftanlagen und Sprungschanzen zu bekommen, und damit natürlich auch auf viele Jahre Bautätigkeit in der unmittelbaren Umgebung mit zweifelhaften Langzeitwirkungen sowohl für die Umwelt als auch für wirtschaftliche Entwicklung.

Fasst man zusammen, so sieht man eine Allianz von korrupten Sportfunktionären, undemokratischen Regimen, demokratischen Politikern und Weltkonzernen, die jeweils auf eigene Weise Nutzen aus diesen Großveranstaltungen ziehen wollen. In Sotschi hat dies nicht für alle in gewünschtem Umfang funktioniert. Das gibt einen Funken Hoffnung für die Zukunft, aber auch nicht mehr, denn die Fußball-Weltmeisterschaften in Russland 2018 und Katar 2022 dürften nicht allzu weit vom Muster Sotschi abweichen. Dennoch: Man kann ein Sportereignis auch ein wenig bescheidener und entspannter durchführen – denn immerhin geht es nur um Sport, eine schöne Sache, aber nur eine Nebensache, wenigstens für die meisten von uns.

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