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Gesellschaft Es ist das Narrativ, Dummkopf!

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Die moralische Blindheit des liberalen Staates

Diesem Projekt aber fehlt es ersichtlich an erzählerischem Stoff und narrativer Energie. Zumal dann, wenn es nicht mal mehr herausgefordert wird. Georgi Arbatow, ein Berater von Michail Gorbatschow, hat bereits im Herbst 1989 gewusst, dass der Liberalismus aus sich selbst heraus keinen Sinn zu stiften vermag: „Wir werden Euch etwas Furchtbares antun. Wir werden Euch den Feind nehmen.“

Was Arbatow damit meinte: Der Untergang des Kommunismus bedeutet nicht das „Ende der Geschichte“. Wohl aber, dass der westliche Liberalismus ohne Feindbild nichts Substanzielles über sich zu erzählen weiß, vor allem, dass er das Utopieverlangen der Menschen nicht stillen kann. Gerät dann auch noch die dürre Zentralidee der Zivilisation – der Fortschritt – unter Verdacht, nurmehr ein bloßes, das Alltagsleben vieler Menschen nicht mehr besserndes Fortschreiten zu sein, werden die Orientierungsnöte in der liberalen Gesellschaft leicht zu einer Gefahr: Der untrainierte, von passiver Indifferenz gegenüber dem Anything goes erschlaffte Toleranzmuskel gibt nach – und muckt als Populismus auf.

Natürlich, die narrative Armut des Liberalismus hat zwei gute historische Gründe: Die Aufklärer des 18. und 19. Jahrhunderts arbeiteten im Namen von Vernunft und humaner Selbstemanzipation am Abbau der fiktionalen Überschüsse, die mit dem Christentum im Umlauf waren. Und die Ideologiekritiker des späten 20. Jahrhunderts stellten mit Blick auf die Gräberfelder zweier Weltkriege alle politischen Großerzählungen unter Bann, die versprachen, den Himmel auf Erden zu errichten. Was der Liberalismus im Wege seiner wertvollen Ernüchterungsarbeit aber aus den Augen verloren hat: Es gibt keinen geraden Weg vom Mythos zum Logos, vom Weltgefühl zum Weltverstand – vom (Aber-)Glauben der Überlieferung zur empirischen Gewissheit. Und schon gar nicht löst sich das menschliche Bedürfnis, von einer leitenden Idee getragen zu werden, sein Tun in einem sinnhaften Erzählstrom eingebunden zu wissen, einfach in Luft auf.

Den Denkern der Aufklärung, in denen die Glut der religiösen Moral noch glomm, musste man das nicht erklären. Adam Smith konnte sein Lob auf den Eigensinn nicht ohne Rekurs auf das heilige Gesetz der „unsichtbaren Hand“ singen. Und Johann Wolfgang Goethe schwante Böses mit Blick auf ein Zeitalter, das die literarische Auslegung der Welt zugunsten ihrer zahlenhaften Berechnung unterschlägt. Politisch konkreter wurden Alexis de Tocqueville und John Stuart Mill, für die eine Freiheit ohne Tugendpflege, Pflichtgefühl und Verantwortung noch schier undenkbar war.

Die junge Bundesrepublik hat dann der Staatsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde davor gewarnt, dass die liberale Demokratie auf einen Kanon unbezweifelt geltender Normen angewiesen ist, den sie selbst nicht hervorbringen könne. Böckenförde wusste, dass eine Nation ihr „Grundgesetz“ nicht mit „Verfassungspatriotismus“ beseelen kann. Dass es sich auch bei „Marktwirtschaft“ und „Gewaltenteilung“ um cold projects handelt (Ralf Dahrendorf), um kalte Projekte, die keine emotionale Kraft freisetzen und dem individualistischen Laisser- faire nichts entgegenzustellen haben. Der Wohlstand „hat viele blind dafür gemacht, dass die offene Gesellschaft diese offene Flanke hat“, warnte Joachim Fest 1997: „Sie ist anfällig, ja wehrlos wie keine andere, gegen ihre Feinde.“

Aber ist sie das wirklich? Vielleicht nicht, wenn die Menschen wieder anfingen, sich Geschichten darüber zu erzählen, was unter einem sinnerfüllten Leben zu verstehen sei. Wenn sie wieder darüber stritten, was sich gehört (und was nicht) und warum es einen Unterschied macht, Schiller oder Schätzing zu lesen. Wenn sie wieder eine Identität aus der gemeinsamen Lust an Argument und Widerspruch gewänne statt an gouvernemental gerahmten Schwundformen der Toleranz. Kurzum: Was die liberale Gesellschaft braucht, ist nicht „das richtige“ framing, sondern einen Mythos des Narrativen: eine Schwäche für die vielstimmige Erzählung, in der sie sich wieder und wieder einen Reim auf sich selbst zu machen versucht.

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