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Görlachs Gedanken
Quelle: dpa

Was heißt es eigentlich, ein Kosmopolit zu sein?

Immer größere Krisen bedrohen Teile der Menschheitsfamilie. Wie wir als Gemeinschaft reagieren sollten.

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Die Antwort auf die Frage, was es heißt, Kosmopolit zu sein, hat zwei Komponenten: Zum einen, so sagt der römische Redner und Staatsmann Cicero, geht es darum, zu erkennen, dass wir alle unser Menschsein teilen und miteinander verbunden sind. Das bedeutet in der Praxis, jeden Menschen zu respektieren und gut mit ihm umzugehen. Wir können uns auch heute mit vielen Menschen darauf einigen, dass Cicero hier weise Worte gesprochen hat.

Die zweite Komponente aber ist viel schwieriger. Sie fragt danach, was wir diesen anderen Menschen schulden. Was also tun, wenn das Nachbarland von einem Erdbeben oder eine Hungersnot heimgesucht wird. Helfen ja, würde auch Cicero sagen, aber wie viel Unterstützung ist angemessen und wo verläuft die Grenze zum eigenen Erhalt?

Wir haben uns in Europa diese Frage angesichts der Flüchtlingskrise gestellt, die aufgrund des syrischen Bürgerkriegs ausgebrochen war: Humanitäre Hilfe ja, aber wie viel und wie genau soll sie aussehen? Ein solches Abwägen ist insofern immer ein Spagat, weil sie auf dem schmalen Grat stattfindet zwischen der Würde, die wir allen Gliedern der Menschheitsfamilie zuschreiben, und der materiellen Unterstützung, die wir denen, denen wir näher stehen, eher gewähren (sollen und müssen wie auch Cicero sagen würde), als jenen, die weit weg von uns sind.

Gleiches wird also nicht gleich behandelt.

Diese Frage wird heute vor allem bedeutend, wenn es darum geht, dem Klimawandel zu begegnen. Er wird nicht umsonst als die große Herausforderung unseres Jahrhunderts betrachtet. Abermillionen sogenannte Klimaflüchtlinge sind Schätzungen zufolge in den kommenden Jahrzehnten zu erwarten. Viele dieser Menschen sind in Regionen fern unserer Welt betroffen. Der Unterschied aber zur antiken Abwägung ist: Ihre Länder sind mit Überschwemmungen und Dürren und steigenden Meeresspiegel konfrontiert, weil wir hier, in der sogenannten entwickelten Welt, Jahrzehnte über unsere Verhältnisse gelebt haben.

Die Ressourcen der Welt sind aufgebraucht. Und so taumelt die Weltwirtschaft, weil ihr Fluidum, Zinsen und Profit, immer schwerer zu erlangen sind. In solchen Zeiten, echten oder antizipierten Mangels, nimmt die „kosmopolitische“ Bereitschaft, denen in der Ferne zu helfen, ab. Gleichzeitig ist die Menschheitsfamilie heute so miteinander verbunden und damit von einander abhängig, wie es sich Cicero und seine antiken Mitdenker nicht im entferntesten hätten träumen lassen.

Wir hören oft, dass Klima und Flüchtlinge die zwei Beispiele seien, die belegen, dass ein Land alleine heute nicht mehr völlig handlungsfähig und in der Lage ist, ein so großes Problem bewältigen zu können. Das ist richtig. Wir müssen den Blick aber um ein weiteres Handlungsfeld weiten, das nicht minder entscheidend ist, nämlich das der Weltwirtschaft. Ihr auf Wachstum ausgerichtetes Paradigma hat sich erledigt, es geht nicht mehr um den Wettbewerb um die besten Produkte und Dienstleistungen, sondern darum, es so zu gestalten, dass es den Fortbestand der Menschheitsfamilie garantiert.

Der Talmud lehrt, dass, wer einen Menschen rettet, in ihm die ganze Menschheit rettet. Umgekehrt gilt meiner Meinung daher, dass, wer aufgrund von Unterlassung und Zynismus, den Tod auch nur eines anderen Menschen in Kauf nimmt, mit diesem die gesamte Menschheit tötet.

Was in der Antike noch häufig als theoretische Überlegung daherkam, wer schuldet wem was, ist heute überpraktisch und überlebensnotwendig. Warum die Nationalisten dem Kosmopolitismus das Totenglöckchen läuten wollen, liegt auf der Hand: Ihnen geht es darum, dass nur ihre Gruppe überlebt, die anderen Menschen sind ihnen egal. Auch deshalb feiert Rassismus und ethnischer Exklusivismus heute traurige Urständ.

Die New York Times hat einen Artikel zu diesem Thema einmal mit dem schockenden Schlagwort „Klima-Genozid“ in der Überschrift versehen. Es wird Zeit, die Zusammenhänge zu verstehen und zu handeln, auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene. Dabei muss das Wohl der Menschheitsfamilie im Mittelpunkt stehen und nicht die Maximen großer Korporationen oder privater Interessen.

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