Jimmy Carter gestorben: „Carter arbeitete vermutlich härter als jeder andere US-Präsident“
US-Präsident Jimmy Carter beim Verlassen der Air-Force-One-Maschine während seiner Präsidentschaft.
Foto: imago imagesJames Earl „Jimmy“ Carter Jr., geboren am 1. Oktober 1924, saß von 1977 bis 1981 als 39. Präsident der Vereinigten Staaten im Weißen Haus. Jetzt ist er im Alter von 100 Jahren gestorben. WirtschaftsWoche-US-Korrespondent Julian Heißler sprach vor dem Todesfall mit Carters Biografen Kai Bird über die Errungenschaften des US-Politikers, sein Scheitern und sein Erbe.
WirtschaftsWoche: Wann immer ein Präsident in Problemen steckt und mit schlechten Umfragewerten zu kämpfen hat, wird er mit Jimmy Carter verglichen. Warum galt er als Beispiel für eine gescheiterte Präsidentschaft?
Kai Bird: Die naheliegende Antwort ist, dass Jimmy Carter nicht zu einer zweiten Amtszeit wiedergewählt wurde.
Das ist auch vielen seiner Vorgänger und Nachfolger nicht gelungen.
Das stimmt. Trotzdem hat sich mit Blick auf Carter ein besonderes Narrativ festgesetzt: Er war ein guter Mann, aber ein gescheiterter Präsident. Ich halte dieses Urteil allerdings nicht für gerechtfertigt. In den mehr als 40 Jahren seit seiner Abwahl ist vergessen worden, wie folgenreich seine Präsidentschaft war. Das macht es faulen Journalisten leicht, ihn in der Rückschau als Beispiel für ein schwaches Staatsoberhaupt heranzuziehen.
Das Urteil über Carter fiel gleichwohl bereits während seiner Amtszeit höchst kritisch aus. Ronald Reagan gewann die Wahl 1980 mit fast zehn Prozentpunkten Vorsprung – und mit einem Erdrutschsieg im Electoral College.
Das stimmt – auch wenn zur Wahrheit gehört, dass die Umfragen noch zwei Wochen vor dem Wahltag ein deutlich knapperes Ergebnis vorhergesagt hatten. Doch dann brachen die Gespräche über die Befreiung der im Iran festgehaltenen amerikanischen Geiseln zusammen – und zwar, weil Reagans Wahlkampfleiter Bill Casey ein Geheimabkommen mit den Iranern geschlossen hatte, um die Krise zu verlängern. Aber es ist richtig, dass sich Jimmy Carter in seinem letzten Amtsjahr mit enormen Problemen herumschlagen musste. Die Inflation war sehr hoch, ebenso die Benzinpreise. Und Carter war hohe politische Risiken eingegangen, um die Probleme zu lösen. Damit hat er viele Wähler verloren.
Wie sah seine Koalition aus?
Bei der Wahl 1976 hatte er Evangelikale Christen gewonnen, die Südstaaten, Gewerkschaftsmitglieder, weiße Männer. Vier Jahre später hatten sich diese Gruppen von ihm abgewandt. Und das waren nicht die einzigen. Bei seinem Wahlsieg konnte er sich beispielsweise auf die Unterstützung von 75 Prozent der jüdischen Wähler stützen. 1980 war diese Zahl auf 45 Prozent gesunken. Die einzige Gruppe, die fest zu ihm hielt, waren Afroamerikaner.
Trotz dieser krachenden Niederlage beschreiben Sie Carter als transformativen Präsidenten. Warum ist es ihm dann nicht gelungen, die Bevölkerung von seiner Politik zu überzeugen?
Carter war 1976 ein guter Wahlkämpfer – aber das war auch ein besonderes Jahr. Der Watergate-Skandal hatte Präsident Nixon erst zwei Jahre zuvor zum Rücktritt gezwungen. Der Vietnam-Krieg war gerade erst beendet worden. Damals waren die Wähler bereit für ein neues Gesicht. Und Carter war genau das. Er präsentierte sich als dieser anständige Erdnussfarmer aus Süd-Georgia – und war damit höchst erfolgreich, vor allem im kleinen Kreis. Doch als Präsident war er kein effektiver Kommunikator. Er war nicht gut darin, Fernsehansprachen zu halten. Sein Südstaatenakzent schreckte viele ab. So wirkte er bald wie die Karikatur eines Provinzsimpels – dabei arbeitete er extrem hart, war hochintelligent und sehr belesen.
Bad in der Menge: Jimmy Carter bei einer Wahlkampfveranstaltung in Pittsburgh im Jahr 1976
Foto: imago imagesAlso wurde er einfach nur missverstanden?
Nein. Carter wollte seine Macht nutzen, um das Richtige zu tun. Und wenn er von etwas überzeugt war, dann setzte er es um – auch wenn seine Berater oder sogar seine Frau Rosalynn davon abrieten. Die politischen Konsequenzen nahm er in Kauf. Ein Beispiel: Teil der Camp-David-Accords, die Frieden zwischen Israel und Ägypten schufen, war ein Abkommen über bestimmte Autonomierechte für die Palästinenser. Es war klar, dass dies ein erster Schritt auf dem Weg zu einem unabhängigen Staat Palästina sein würde. Daran gab es teils heftige Kritik aus der jüdischen Community, aber ohne den Passus wäre das Abkommen wohl nicht zu Stande gekommen. Das Ergebnis: Die Mehrheit der jüdischen Wähler unterstützte 1980 Reagan.
Ein anderes Beispiel: Nachdem die Segregation an öffentlichen Schulen aufgehoben worden war, gründeten evangelikale Gemeinden vor allem im Süden und Mittleren Westen zahlreiche Privatschulen, die faktisch nur weißen Schülern offenstanden. Und als religiöse Einrichtungen wollten diese Einrichtungen keine Steuern zahlen. Carter sah das anders. Er nahm die Position ein, dass diese Schulen vor allem aus rassistischen Gründen gegründet wurden, und lehnte es ab, sie von Steuern freizustellen. Damit brachte er die Evangelikalen gegen sich auf – und verlor ihre Unterstützung. Das zeigt: Er war bereit, schwere politische Entscheidungen zu treffen. Aber er war nicht gut darin, sie so zu erklären, dass die amerikanische Bevölkerung sie unterstützte.
Angesichts dieser Unzufriedenheit in den eigenen Reihen forderte Senator Edward Kennedy Carter 1980 heraus, um ihm die Nominierung für die demokratische Präsidentschaftskandidatur streitig zu machen. Wie konnte Carter diesen Angriff abwehren?
Kennedy war eine ernsthafte Gefahr. Er war nicht nur ein parteiinterner Konkurrent – er war ein Kennedy! Und dieser Name hatte nach der Ermordung seiner beiden Brüder 1963 und 1968 einen besonderen Klang. Der Senator galt zunächst als Favorit, doch er stellte sich als schwacher Wahlkämpfer heraus, dem es nicht gelang, zu erklären, warum er Präsident werden wollte. Trotzdem hat der Wettbewerb Carter sehr geschadet.
Anhänger von Edward Kennedy bejubeln ihn 1980 bei der Democratic National Convention in New York.
Foto: imago imagesCarter hatte zudem mit einem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld zu kämpfen. Die durchschnittliche Inflationsrate während seiner Amtszeit lag bei fast zehn Prozent.
Ja, aber das hatte nur wenig mit seiner Politik zu tun. Die Inflation in den späten 1970er-Jahren ging vor allem auf hohe Rohstoffpreise zurück – vor allem Öl. Die Gründe lagen also vor allem im Nahen Osten. Und Carter tat sehr viel, um die Inflation zu bekämpfen. Allerdings hat nichts davon funktioniert. Deshalb traf er schlussendlich die schwere Entscheidung, und berief Paul Volcker an die Spitze der Federal Reserve Bank. Auch davon hatten ihm seine Berater abgeraten. Sie wussten, dass Volcker die Zinsen stark anheben und damit die Wirtschaft abwürgen würde, um die Geldentwertung zu stoppen. Und genau das ist auch passiert – ausgerechnet in der Zeit, als Carter für eine zweite Amtszeit kandidierte. Trotzdem dauerte es zwei Jahre, bis die Fed die Inflation wieder im Griff hatte. Und wer profitierte davon? Ronald Reagan.
Gab es noch andere wirtschaftspolitische Bereiche, in denen Reagan von Carters Arbeit profitierte?
Da wäre zum Beispiel die Deregulierung. Anders als viele andere Demokraten dieser Zeit hatte Carter eine neoliberale Ader. Er war pragmatisch, ein Problemlöser. Und so erkannte er, dass einige amerikanische Wirtschaftssektoren völlig überreguliert waren – beispielsweise die Luftfahrtindustrie. Also baute seine Administration hier Hürden ab, sorgte so für mehr Wettbewerb und niedrigere Preise. Das führte dazu, dass die amerikanische Mittelschicht plötzlich mit dem Flugzeug reisen konnte. Doch auch davon hat Carter nicht profitiert. Denn die Deregulierung schwächte die Gewerkschaften, da viele der neuen Marktteilnehmer Personal einstellten, das nicht gewerkschaftlich organisiert war. Damit brachte er wieder einen wichtigen Teil der demokratischen Koalition gegen sich auf. Und trotzdem gilt Reagan heute als der Präsident, der die US-Wirtschaft deregulierte und sie so effizienter und wettbewerbsfähiger machte.
Schauen wir auf Carters außenpolitisches Erbe. Was für eine Welt hinterließ er seinen Nachfolgern?
Carter stellte Menschenrechte ins Zentrum seiner Außenpolitik. Das war ein außergewöhnlicher Bruch mit seinen Vorgängern. Zuvor hatten eher kaltherzige Kalkulationen das Handeln Amerikas in der Welt bestimmt – ganz im Sinne von Henry Kissinger. Carter änderte das. Seine Administration sprach Menschenrechtsverletzungen immer wieder an – sei es in Mittelamerika oder in Osteuropa. Das hat neue Standards gesetzt. Seitdem kann es sich kein Präsident mehr erlauben, das Thema zu ignorieren. Man erwartet, dass die USA sich für ihre Werte einsetzen – und sei es auch nur rhetorisch. Doch unter Carter hatte dieser Einsatz ganz reale Folgen. Er drängte etwa die Junta in Argentinien dazu, ihr Regime zu liberalisieren. Und ich denke auch, dass Carters Menschenrechtspolitik einer der Ausgangspunkte für das Ende des Kalten Kriegs war. Er bestand darauf, in Ländern wie Polen oder der Tschechoslowakei über Menschenrechte zu sprechen – und ermutigte so Gruppen wie Solidarnosc. Das machte den Aufstieg von Gorbatschow und schließlich das Ende der Sowjetunion erst möglich. Wieder so etwas, das Reagan zugerechnet wird. Aber seinen Ausgangspunkt hatte diese Entwicklung unter Carter.
Welche Schwächen hatte Carter?
Sein Organisationstalent gab Anlass für Diskussionen. Carter arbeitete vermutlich härter als jeder andere US-Präsident. Er war jeden Tag um 6:30 Uhr im Oval Office, arbeitete zwölf Stunden, las täglich 200 bis 300 Seiten Memos, konzentrierte sich auf jedes Detail. Dabei konnte er das große Ganze aus den Augen verlieren. Er hätte wohl früher einen Stabschef gebraucht, doch erst 1979 installierte er seinen langjährigen Berater Hamilton Jordan formal in dieser Position.
Anders als sämtliche anderen Ex-Präsidenten hat Carter nach seiner Amtszeit darauf verzichtet, seinen Status zum Geldverdienen zu nutzen. Stattdessen konzentrierte er sich auf humanitäre Arbeit, erwarb sich so den Ruf, der „beste Ex-Präsident“ zu sein, den die USA jemals hatten. Konnte er diesen Ehrentitel genießen?
Nein. Er hat ihn gehasst. Er hasste das Urteil, er sei als Präsident gescheitert und habe nur als Elder Statesman reüssiert. Carter glaubte, er sei ein hervorragender Präsident gewesen, der sehr viel erreicht hat und eine zweite Amtszeit verdient hätte. Denn in vier weiteren Jahren hätte er noch viel mehr schaffen können. Er sah seine Präsidentschaft als unvollendet an – und hat deshalb mehr als vier Jahrzehnte nach seinem Auszug aus dem Weißen Haus noch an den Themen gearbeitet, mit denen er sich auch im Oval Office beschäftigt hatte. Menschenrechte. Frieden im Nahen Osten. Die Bekämpfung von Krankheiten. Carter verstand seine Post-Präsidentschaft als eine Fortsetzung von dem, was er auch vorher stets angestrebt hatte: Das Richtige tun.
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Hinweis: Dieses Interview erschien zuerst im Oktober 2024 anlässlich des 100. Geburtstags von Jimmy Carter. Aufgrund seines Todes zeigen wir den Artikel erneut.