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Klamme Metropole Philadelphias Kampf gegen das Schmuddel-Image

Philadelphias Kampf gegen das Schmuddel-Image Quelle: AP

Kein Geld, keine Müllabfuhr: 2009 schaffte das finanzschwache Philadelphia die Straßenreinigung in Wohngebieten ab. Mit dem Stadtbild ging es bergab, viele Bewohner nehmen die Aufgabe deshalb selbst in die Hand.

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Die Stadt der brüderlichen Liebe war einst Vorreiter in Sachen Sauberkeit auf Straßen und Bürgersteigen. US-Gründervater Benjamin Franklin startete in Philadelphia in den späten 1750-er Jahren eines der ersten Straßenreinigungsprogramme des Landes. 1952 wurde die Stadt zusammen mit Memphis in Tennessee zur saubersten der USA gekürt.

Solche Auszeichnungen sind schon lange Geschichte. Armut und Müll gehen oft Hand in Hand, und die heute als „Filthadelphia“ („Filth“ bedeutet „Dreck“) verunglimpfte Stadt in Pennsylvania ist die ärmste der USA.

Im Zuge der Wirtschaftskrise von 2008 hatte die Stadtverwaltung die Straßenreinigung in Wohngebieten abgeschafft. Eine Rolle spielten dabei auch zunehmende Beschwerden von Anwohnern, die für die Kehrmaschinen nicht mehr ihre Autos umparken wollten. Philadelphia ist nun landesweit die einzige Stadt dieser Größe, in der Wohnstraßen nicht mehr gesäubert werden.

Von diesen sieben Städten können alle anderen lernen
ShenzhenVon Dieselgate keine Spur: Die 12-Millionen-Stadt im Süden Chinas ist weltweit die erste, die im Nahverkehr ihre Busflotte komplett auf elektrische Antriebe umgestellt hat. Mehr als 16.000 Busse, vor allem des heimischen Anbieters BYD, surren mittlerweile täglich durch die Straßen. Das ist nicht nur umweltfreundlich, sondern auch noch preiswert: Im Vergleich zu Dieselbussen kommen die Stromer pro Jahr auf etwa 20.000 Euro geringere Betriebskosten. Als Nächstes sollen in Shenzhen dann sämtliche Taxis aus dem Verkehr gezogen werden, die noch mit Verbrennungsmotor unterwegs sind. Quelle: Laif
BangaloreWer nach einem Ort sucht, an dem Bildung und Know-how den ganzen Unterschied machen – hier ist er. Die indische Metropole ist vor allem eine Universitäts- und IT-Hochburg, die jedes Jahr Tausende Absolventen, noch mehr Ideen und sogar Milliardenkonzerne hervorbringt — etwa den Digitalriesen Infosys. Kein Wunder, dass Google an Ort und Stelle seit einigen Jahren sein größtes Forschungszentrum außerhalb der USA aufbaut. Das Weltwirtschaftsforum listete Bangalore deshalb zu Recht im Ranking der innovativsten Städte der Welt. Quelle: imago images
PittsburghDie ehemalige Kohle- und Stahlhochburg gestaltet mit Start-ups den Verkehr von morgen. Carsharing-Dienste wie Uber teilen ihre Verkehrsdaten mit der Stadt, um herauszufinden, wann Autos wo im Stau stehen; gleichzeitig erfassen andere Apps Risse und sich anbahnende Löcher im Asphalt. Mit diesen Daten lenkt Pittsburgh den Verkehr effizienter – und hebt die Infrastrukturplanung auf ein neues Niveau. Dazu passt, dass die Denkfabrik Brookings der Stadt gerade erst das Potenzial bescheinigt hat, in den Rang einer weltweit führenden Innovationsstadt aufsteigen zu können. Quelle: Getty Images
StockholmDie Start-up-Hauptstadt Europas? Träum weiter, Berlin. Es ist Schwedens Kapitale, die mehr Einhörner, also milliardenschwere Digitalunternehmen, hervorgebracht hat als irgendein anderer Ort in Europa — allen voran den Musikstreaminganbieter Spotify, den Kommunikationsdienst Skype oder das Fintech Klarna. Das Geheimnis des skandinavischen Digital-Ökosystems ist seine Stärke in der Breite: eine besondere Mischung aus viel freiem Kapital, gesellschaftlicher Offenheit und exzellenter Lebensqualität, gepaart mit hervorragenden Universitäten, makelloser Infrastruktur und – Achtung, Berlin! – ebenso agiler wie wohlwollender Politik. Quelle: Laif
La PazStuttgart, aufgepasst: An den Hängen von Boliviens Regierungssitz löst das mit rund 19 Kilometern Länge größte Seilbahnnetz der Welt gleich mehrere Probleme: Es entlastet die verstopfte Stadt, mindert Smog, senkt den Stress der Bewohner, verbindet arme und reiche Viertel. Rund 3000 Passagiere pro Richtung können stündlich transportiert werden. Und das Beste: Ein Touristen-Hotspot ist der „teleférico“ auch noch. Gondeln können also die bessere Metro sein. Quelle: Bloomberg
WienDer britische „Economist“ hat die österreichische Hauptstadt gerade erst zur lebenswertesten Metropole der Welt gekürt. Und zwar nicht wegen der für Großstadtverhältnisse überaus moderaten Mieten oder der berühmten Kaffeehäuser. Sondern für das Konzept „Stadt der kurzen Wege“. Was das bedeutet? Kluge Planung aus Bürgersicht: mit schönen Plätzen, extra breiten Bürgersteigen und einem besonderen Augenmerk auf fußläufig erreichbare Ärzte, Kitas, Supermärkte und Museen werden die innerstädtischen Quartiere aufgewertet. Einkaufszentren am Stadtrand hingegen, die nur mit dem Auto zu erreichen sind, sind out. Kurz gesagt: gut gemachte Urbanität. Quelle: Laif
AtlantaÖkologischer, grüner und sauberer möchten ja alle sein, aber die 500 000-Einwohner-Stadt will bis 2035 Nachhaltigkeitschampion der USA werden. Die Strom- und Wärmeversorgung soll dann ausschließlich aus sauberen Quellen stammen. Die Stadt hat dazu die „Atlanta Better Buildings Challenge“ ins Leben gerufen, die sich zentral um die großflächige Sanierung von Altbauen kümmert. Und alle Neubauten müssen schon jetzt den höchsten US-Ökostandards entsprechen, die den Energieverbrauch weiter spürbar senken. Der gesamte Business-Bezirk in Midtown wurde bereits zum Modellviertel erklärt. Selbst das Mercedes-Benz Stadium, Heimat des Football-Teams Atlanta Falcons, gilt als Energiesparwunder. Quelle: Getty Images

Mehrere Viertel haben nun beschlossen, den Kampf gegen den Müll selbst in die Hand zu nehmen. Eine gemeinnützige Nachbarschaftsgruppe im Stadtteil Germantown sammelte im Februar mit einem eigenen Müllauto Unrat ein. Andere Viertel haben aus eigener Tasche Straßenfeger oder professionelle Müllabfuhr-Unternehmen angeheuert.

Neben den Müllbergen leiden die Bewohner des einkommensschwachen Germantown auch unter Waffengewalt, Verschandelung und manchmal einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Man wolle helfen, das Problem zu lösen, weil die Stadt die Straßenabfälle alleine nicht in den Griff bekomme, erklärt Jordan Ferrarini, dessen Gruppe „Trades for a Difference“ den Müllwagen für Germantown anschaffte.

Die Organisation wirbt junge Leute aus dem Viertel für die Müllsammlung an und will ihr Angebot auf Verschönerungsprojekte und Pflanzaktionen ausweiten. Ziel sei es, Jobs in der Nachbarschaft sowie ein Gemeinschaftsgefühl zu schaffen, sagt Ferrarini.

Die Stadt hat keine Probleme damit, dass sich Nachbarschaftsverbände mit eigenen Müllautos an der Straßenreinigung beteiligen. Carlton Williams vom Straßenbauamt sagt, die Gruppe in Germantown wolle die städtische Abfallentsorgung nicht ersetzen, sondern nur ergänzen. Das befürworte er.

Rundgang in Bildern: Detroits Auferstehung hat begonnen
Detroit, einstige Wiege der amerikanischen Autoindustrie, meldete im Juli 2013 als bislang größte Stadt in den USA die Zahlungsunfähigkeit an. Quelle: dpa
Detroit Quelle: dpa
Infolge der Pleite litten die Einwohner Detroits unter den Folgen des Bankrotts. Quelle: imago images
Viele Häuser standen leer, waren zerstört und wurden als Müllkippe missbraucht. Quelle: REUTERS
Nach der bisher größten Städtepleite der US-Geschichte konnte Detroit seine Finanzen neu ordnen. Quelle: dpa
Einige Wochen nach der Entlassung aus der staatlichen Zwangsverwaltung stufte die Ratingagentur Moody's Detroits Kreditwürdigkeit in diesem Frühjahr nach oben. Quelle: REUTERS
Zunächst sollten mindestens 3300 der insgesamt mehr als 40.000 leerstehenden Gebäude abgerissen werden. Quelle: REUTERS

„Müll ist eine gemeinschaftliche Aufgabe“, sagt er. „Das ist der Schlüssel zum Erfolg, und es ist toll, dass sie sich ehrgeizige Ziele setzen. Wir unterstützen das voll und ganz.“

In der ganzen Metropole haben sich Einwohner von arm bis reich Wege überlegt, um ihre Straßen sauber zu halten. Bürgermeister Jim Kenney kündigte kürzlich in seiner Rede zum neuen Haushalt der Stadt an, wieder in die Straßenreinigung investieren zu wollen. Losgehen soll es in diesem Frühjahr als Pilotprogramm in einer Handvoll Viertel.

Allerdings hat die Stadt nicht vor, Anwohner zum Umparken der Autos zu zwingen. Stattdessen sollen vor den Kehrmaschinen Arbeiter mit Laubbläsern herlaufen und Müll von Bordsteinkanten und unter Autos hervor pusten, wie der Straßenbau-Beauftragte Williams erklärt.

„Es ist schwer, einen Parkplatz zum Umparken zu finden“, sagt er. „Man kann nicht einfach auf die andere Straßenseite wechseln, und das ist in einigen Teilen der Stadt eine schwierige Herausforderung.“

Anderen dicht besiedelten Städten wie New York gelingt es jedoch, ihre Einwohner davon zu überzeugen, Autos umzuparken und der Straßenreinigung Vorrang zu geben. Williams zeigte sich offen dafür, sich bei den Behörden von New York City Rat in der Frage einzuholen.

Der Bürgermeister von Philadelphia rief 2016 ein Programm mit dem Ziel ins Leben, die Stadt bis zum Jahr 2035 zu 90 Prozent müllfrei zu machen. Im Mittelpunkt stehen der Kampf gegen Umweltverschmutzung und illegale Abfallentsorgung.

„Es ist schwierig, den Menschen zu sagen, dass sie ihren Müll nicht in die Gegend werfen sollen, wenn sie sehen, dass Leute in ihr Viertel kommen und LKW-Ladungen an Bauschutt auskippen“, sagt der Direktor des Programms „Zero Waste and Litter“, Nic Esposito.

Die Stadt hat Kameras an Orten installiert, an denen häufig Müll abgeladen wurde, um die Täter ermitteln und belangen zu können. Neue Auflagen sollen zudem Bau- und Abrissfirmen verpflichten, als Voraussetzung für die Genehmigung eines Projekts vorab einen Plan für die Schuttentsorgung vorzulegen.

Politiker haben im Laufe der Jahre verschiedene Ansätze ausprobiert. So startete der frühere Bürgermeister Michael Nutter 2007 einen stadtweiten Frühjahrsputz. Die Veranstaltung hat sich etabliert, in diesem Jahr findet sie am 6. April statt.

Experten halten die Beteiligung von Bürgern wie der gemeinnützigen Gruppe mit ihrem Müllwagen für eine aussichtsreiche Strategie im Kampf gegen Abfallberge und für ein Umdenken in einem Viertel.

„Nichts wird jemals so erfolgreich wie Basisbewegungen sein“, sagt Steven Stein, der eine auf die Müllproblematik spezialisierte Forschungsfirma namens Environmental Resources Planning betreibt. Das Unternehmen dokumentiert die Folgen von illegaler Abfallentsorgung.

„Wer das für eine aussichtslose Sache hält, irrt sich“, erklärt Stein. „Es ist machbar, weil die Leute sich dafür entscheiden.“

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