Konjunkturpaket: „Eine Vielzahl deutscher Unternehmen wird in China scheitern“
Der Yangshan-Tiefwasserhafen von Shanghai ist der größte Frachthafen der Welt.
Foto: imago imagesIn China zeichnet sich ab, dass das Ende September zunächst gefeierte Konjunkturpaket doch nicht der erhoffte große Wurf ist. Die Hilfen werden zwar zur Stabilisierung der Wirtschaft beitragen, aber nicht für einen kräftigen Wachstumsschub sorgen, von dem auch die deutsche Wirtschaft profitieren könnte. Immer mehr Beobachter sind von diesem Szenario überzeugt.
Der Grund, warum Peking die Hilfen vor einigen Wochen ankündigte, wurde an diesem Freitag deutlich. Das chinesische Statistikamt legte die Wachstumszahlen für das dritte Quartal vor. Mit 4,6 Prozent schwächte sich das Wachstum im Vergleich zu den Vorquartalen weiter ab. Der Führung in Peking dürfte dies bereits im September klar gewesen sein. Die verkündeten Maßnahmen sollten die Stimmung heben. Doch gehe es nicht darum, einen großen Boom auszulösen, glaubt etwa Ökonom Max Zenglein vom China-Institut Merics in Berlin.
„Die Maßnahmen der Führung tragen zwar den Herausforderungen der Wirtschaft Rechnung, der Stimulus ist aber angesichts der Situation noch zurückhaltend, insbesondere um den Konsum anzutreiben“, meint Zenglein. In dem Paket gehe es weniger darum, das Wachstum anzukurbeln, sondern aufkommende Unzufriedenheit in der Gesellschaft und Risiken im Finanzsystem abzufedern. Der Nutzen für die deutsche Wirtschaft: Wahrscheinlich kaum messbar.
Laut einer Analyse von Goldman Sachs sei Chinas Konjunkturpaket zwar für die Wachstumsaussichten Europas „in bescheidenem Maße hilfreich.“ Aber aufgrund seines begrenzten Umfangs und seiner Zusammensetzung kein wesentlicher Faktor. Um 0,1 Prozentpunkte könnte das Wachstum in Europa demnach anziehen. „Deutsche Unternehmen sollten keine allzu hohen Erwartungen haben“, meint auch Zenglein.
„Eine Vielzahl deutscher Unternehmen wird in China zunehmend scheitern – daran ändert auch der Stimulus nichts“, ist der Ökonom überzeugt. Denn die China-Schwäche, etwa in der wichtigen deutschen Automobilbranche, sei vor allem dem sich rapide veränderten Marktumfeld mit zunehmender chinesischer Konkurrenz geschuldet.
Dass der Wettbewerb weiter zunehmen wird, scheint sicher, da sich an Pekings grundlegendem Wirtschaftskurs nichts geändert hat. Davon ist zumindest Arthur Kroeber, Mitbegründer des Wirtschaftsforschungsunternehmens Gavekal Dragonomics, überzeugt.
In einem Beitrag für die „Financial Times“ argumentierte der Ökonom kürzlich, dass das Konjunkturpaket von vielen missverstanden werde. Die Absicht Pekings liege vielmehr darin, die Wirtschaft zu stabilisieren, als eine starke Beschleunigung zu bewirken.
„Xis strategische Ziele haben sich nicht geändert. Er will Kapital vom Immobiliensektor in technologieintensive Fertigung umlenken, die er als Grundlage für Chinas zukünftigen Wohlstand und Macht sieht“, so Kroeber. Xi sei überzeugt, dass langfristiges Wachstum durch Investitionen in Technologie vorangetrieben werde, die gut bezahlte Arbeitsplätze und steigende Einkommen schaffen.
Die Aufgabe bestehe nicht mehr darin, das BIP-Wachstum zu maximieren, sondern eine selbstversorgende, technologisch starke Wirtschaft aufzubauen, die gegen die Bemühungen der USA, Chinas Aufstieg zu bremsen, resistent ist. Ein Vorgehen also, das neue chinesische Weltmarktführer fördert, die auch mit Deutschland konkurrieren werden.
Xi habe laut Kroeber seine Vision nicht aufgegeben, aber eine taktische Änderung akzeptiert. Die jüngsten Wirtschaftsdaten seien schlicht zu schwach gewesen. Nun wolle die chinesische Führung kurzfristige Stabilität erreichen, um den langfristigen Plan zu sichern. „Allerdings werden die Maßnahmen vorsichtig eingeführt, um Fehler zu vermeiden“, meint Kroeber.
Entsprechend vorsichtig kommentieren auch deutsche Wirtschaftsvertreter selbst die Maßnahmen Pekings. „Das Konjunkturpaket signalisiert den Marktteilnehmern, dass die Regierung die wirtschaftlichen Probleme im Land anerkennt und benennt, was in den letzten Jahren nicht unbedingt der Fall war“, so Maximilian Butek, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Deutschen Handelskammer in Ostchina. Es bleibe aber abzuwarten, ob das Paket ausreichen wird: „So bleiben das aktuelle Geschäftsklima und auch der Ausblick für viele deutsche Unternehmen trüb.“
Trotz der angekündigten Hilfen zweifeln Ökonomen daran, dass Peking sein Wachstumsziel von fünf Prozent in diesem Jahr erreichen wird. In einer Umfrage der Nachrichtenagentur „Reuters“ unter 75 regelmäßig befragten Analysten überwiegt jedenfalls Skepsis. Sie rechnen im Durchschnitt trotz Stimulus nur noch mit einem Wachstum für das gesamte Jahr von 4,8 Prozent.
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