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Massenproteste in den USA Das Schweigen der Business-Community

Quelle: AP

Irritierend: Die Proteste in großen US-Städten nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd ziehen immer weitere Kreise, doch die US-Wirtschaft hält sich in der Öffentlichkeit auffällig mit Positionen zurück.

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Das Gebäude der Chamber of Commerce in Washington, DC, zählt selbst im an Protzbauten nicht armen Regierungsviertel der amerikanischen Hauptstadt zu den besonders eindrucksvollen Strukturen. Der Business-Tempel mit Säulenfassade liegt direkt gegenüber des Weißen Hauses auf der anderen Seite des Lafayette Parks – also an dem Ort, wo sich seit mehreren Tagen die Demonstranten versammeln, die gegen polizeiliche Übergriffe und Rassismus in den USA protestieren.

Dass es am Rande dieser Kundgebungen auch zu Gewalt kommen kann, bekam zuletzt auch die mächtige Wirtschaftslobbyorganisation zu spüren. In der Nacht zum Montag standen plötzlich Teile ihres historischen Gebäudes in Brand. Verletzt wurde niemand, dennoch war das Feuer ein mächtiges Symbol dafür, dass sich auch die Wirtschaft aus der aktuellen Auseinandersetzung nicht heraushalten kann.

Für die Business-Community sind die Proteste eine Herausforderung. Selbst in den tief gespaltenen USA bestreitet kaum jemand, dass der Auslöser der Demonstrationen, der gewaltsame Tod des schwarzen Amerikaners George Floyd durch vier weiße Polizisten in Minneapolis im Bundesstaat Minnesota, legitime Empörung nach sich zieht. Doch die zunehmende Eskalation der Auseinandersetzung, auch befeuert durch US-Präsident Donald Trump und dessen teils aufgeladene Rhetorik, schadet den Unternehmen erheblich. Geschäfte werden geplündert und zerstört, Unruhen und Ausgangssperren halten Kunden ab, die nach wochenlangem Covid-19-Stillstand gerade wieder vorsichtig begonnen hatten, ans Einkaufen zu denken.

Nur zaghafte Solidaritätsbekundungen der US-Unternehmen

Trotzdem versuchen sich immer mehr Unternehmen vorsichtig an der Seite der Demonstranten zu positionieren. Bereits in der vergangenen Woche verbreiteten Marken wie Nike, Adidas, Amazon, Netflix oder Twitter auf Social Media Botschaften, die Verständnis für die Demonstrationen ausdrückten. Sogar der CEO des Einzelhändlers Target, dessen Geschäfte mehrfach geplündert wurden und dessen Hauptquartier sich im Bundesstaat Minnesota befindet, äußerte Sympathie. Die Chefs von Merck, Citigroup und Blackrock dachten laut über Ungerechtigkeit und Rassismus nach, eine Pizza-Kette in Washington, DC, gab ihren Mitarbeitern gar bezahlte Freizeit, damit sie an den Demonstrationen teilnehmen können.

Ein besonders großes Risiko gehen die Unternehmen mit ihren Solidaritätsbekundungen nicht ein. Umfragen zufolge unterstützt eine breite Mehrheit der Bevölkerung ein Eintreten von Firmen für Bürgerrechte. Schwieriger wird es jedoch, wenn die Konzerne sich zu den Handlungen des Präsidenten verhalten sollen. Da ist es momentan noch auffällig still.

Trumps Rolle in der aktuellen Auseinandersetzung ist höchst umstritten. Nicht erst seitdem er droht, im Zweifel gegen den Willen der Bundesstaaten das Militär einzusetzen, um die Unruhen zu beenden, hagelt es Kritik am Präsidenten. Die ersten Tage der Proteste verbrachte er damit, teils rassistisch aufgeladene Botschaften zu twittern. Zuletzt ließ er Bundespolizisten friedliche Demonstranten vor dem Weißen Haus mit Tränengas und Gummigeschossen vertreiben, um mit einer Bibel vor einer ebenfalls durch Feuer beschädigten Kirche zu positionieren – gegen den Willen des zuständigen Bischofs.

Diesmal ist Rezession

Längst erinnert der Präsident durch sein Vorgehen an eine der dunkelsten Episoden aus der Anfangsphase seiner Amtszeit. Im Sommer 2017 kam es in der Stadt Charlottesville im Bundesstaat Virginia zu Zusammenstößen zwischen Ku-Klux-Klan-Mitgliedern, Neonazis sowie anderen Rassisten auf der einen Seite und Gegendemonstranten auf der anderen. Eine junge Frau, die sich dem rechten Mob in den Weg stellte, wurde umgebracht. Trump sah dennoch „sehr gute Leute“ auf beiden Seiten und brauchte Tage, bis er sich eindeutig von den Rechtsradikalen distanzierte. Bis heute gilt die Episode als ein Tiefpunkt der Trump-Präsidentschaft.

Damals reagierte die Business-Community schnell. Mehrere CEOs traten aus Beratungsgremien des Weißen Hauses zurück und kritisierten den Präsidenten öffentlich. Solche Stimmen sind derzeit noch nicht zu vernehmen.

Das könnte auch daran liegen, dass die wirtschaftliche Situation heute eine andere ist. 2017 boomte das Land. Heute, nach dem Corona-Shutdown, befindet es sich in der Rezession. Zahlreiche Unternehmen sind auf staatliche Hilfen angewiesen, um zu überleben – ein Schritt, den man durch laute Kritik am nachtragenden Präsidenten anscheinend nicht riskieren will. Stattdessen betonten CEOs und Kommunikationsabteilungen vor allem der Verantwortung der Unternehmen, um Ungerechtigkeiten zu verringern und das Land zusammenzubringen. Eine Aufgabe also, die traditionell eigentlich dem Präsident zukäme.

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Kaum ein Land ist so heftig von Corona betroffen wie die USA – auch weil die Pandemie dort nicht von allen ernst genommen wird. Eine neue Studie zeigt: Je mehr Trump-Wähler in einem Ort leben, desto weniger halten sie sich an die soziale Distanz.

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