Nahost-Konflikt: Israels Wirtschaft wächst – doch die neue Gaza-Offensive wird zum Risiko
Auf den ersten Blick wirkt alles normal – irritierend normal. Über den Rothschild-Boulevard, die inoffizielle Hauptstraße des israelischen Hightechsektors, schieben junge Eltern Kinderwagen, ältere Herren spielen Boule, gebräunte Jogger ziehen vorbei. In den Straßencafés sitzen junge Menschen vor teuren Laptops. Rund um den Boulevard haben sich zahlreiche Start-ups, etablierte Techfirmen und Risikokapitalgeber angesiedelt. Der Hightechsektor – Israels wirtschaftlicher Motor – brummt. Trotz anderthalb Jahren Krieg.
Der Terrorangriff der Hamas, der Gazakrieg, Raketen aus dem Jemen – all das schreckt ausländische Investoren kaum ab. Im ersten Kriegsjahr sammelte die Techbranche rund neun Milliarden US-Dollar ein – fast so viel wie in den Jahren zuvor.
Vier Prozent Wachstum im laufenden Jahr
„Der Krieg hat das insgesamt von israelischen Start-ups aufgebrachte Kapital nicht gebremst“, meldet Israels Innovationsbehörde, die zum Wirtschaftsministerium gehört.
Auch darüber hinaus zeigt sich die israelische Wirtschaft widerstandsfähig. Zwar legte das Bruttoinlandsprodukt im vergangenen Jahr nur um ein Prozent zu – deutlich weniger als in den Vorjahren. Für 2025 rechnet die Zentralbank jedoch mit vier Prozent Wachstum. Die Arbeitslosenquote liegt konstant unter drei Prozent.
„Israels Wirtschaft beweist sich als sehr widerstandsfähig“, sagt der Ökonom Yigal Newman von der Hebräischen Universität Jerusalem der WirtschaftsWoche: „Auf den ersten Blick sieht es aus, als kämen wir mit den Schwierigkeiten gut zurecht.“
Doch Grund zur Beruhigung ist das nicht.
Viele Experten führen das Wachstum vor allem auf gestiegene Rüstungsausgaben zurück. Um diese zu finanzieren, machte die Regierung im vergangenen Jahr 278 Milliarden Schekel (rund 70 Milliarden Euro) neue Schulden – mehr als im Lockdown-Jahr 2022.
Gekürzt wird bei Bildung und Gesundheit
Und mit ihrem neuen Haushalt setzt die rechts-religiöse Regierung fragwürdige Prioritäten: Der Staat kürzt bei Bildung und Gesundheit, tastest aber die zahlreichen Zuwendungen für die ultraorthodoxe Minderheit kaum an. Dabei drängen Ökonomen seit Jahren darauf, ultraorthodoxe Männer, die ihr Leben auf Staatskosten dem religiösen Studium auf Staatskosten widmen, in den Arbeitsmarkt zu integrieren.
„Der Haushalt legt den Großteil der Last auf die arbeitende Bevölkerung“, warnt das angesehene Institut für Nationale Sicherheitsstudien (INSS) in Tel Aviv. Alle drei großen Ratingagenturen – Moody’s, S&P und Fitch – haben Israels Kreditwürdigkeit seit Ende 2023 herabgestuft.
Auch im Hightechsektor ist die Lage weniger rosig, als es den Anschein hat. Brancheninsider berichten, dass es vielen kleineren Start-ups seit Kriegsbeginn schwerer fällt, Geld aus dem Ausland zu bekommen. Wegen großer Investitionen in etablierte Firmen fällt das Leid der Kleinen in der Statistik nicht auf. Zudem leidet die Branche, die viele junge Männer beschäftigt, besonders unter der wiederholten Einberufung von Reservisten. Sollte die Regierung ihre Ankündigung wahrmachen, für eine neue Offensive in Gaza demnächst Zehntausende Reservisten zu mobilisieren, würde sich der Effekt verschärfen.
Und noch einen wichtigen Punkt erfassen offizielle Daten nicht. „Es ist schwer, die aktuelle Lage mit einem theoretischen Szenario zu vergleichen, in dem es keinen Krieg gegeben hätte“, gibt Newman zu bedenken. „Wir können nicht messen, wie viele Start-ups gegründet worden wären, wenn Tausende junge Gründer Zeit gehabt hätten, Geschäftsideen zu entwickeln, anstatt an der Front zu kämpfen.“
Lesen Sie auch: Kasseler Hightech-Kakerlaken locken US-Investoren an