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Proteste nach George Floyds Tod Bis zu 200.000 Teilnehmer bei Großdemo in Washington erwartet

Tausende Demonstranten gehen in der US-Hauptstadt gegen Polizeigewalt und Rassismus auf die Straßen. In North Carolina wird der Leichnam des getöteten Floyds aufgebahrt.

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In Washington D.C. sind am Samstag Tausende Demonstranten gegen Rassismus und Polizeigewalt auf die Straße gegangen. Behördenvertreter rechneten mit bis zu 200.000 Teilnehmern – das wäre die bisher größte Kundgebung in der US-Hauptstadt seit der brutalen Festnahme und Tötung des Afroamerikaners George Floyd am 25. Mai. Vor dem Protestmarsch sperrten Militärfahrzeuge und Beamte in Tarnanzügen den größten Teil des Zentrums von Washington für den Verkehr.

Am Nachmittag versammelten sich Menschenmengen am Kapitol und in der ausgedehnten National Mall sowie in umliegenden Wohngebieten. Viele Gruppen zog es zum Weißen Haus, das vorab mit zusätzlichen Zäunen befestigt worden war und andere Sicherheitsvorkehrungen ergriffen hatte.

Unter den Demonstranten brach Jubel aus, als Bürgermeisterin Muriel Bowser an einem Abschnitt der 16. Straße entlangging, den sie kürzlich in den Black-Lives-Matter-Platz hatte umbenennen lassen, um die gleichnamige Bewegung (Schwarze Leben zählen) zu würdigen.

In der vergangenen Woche hatte es in Washington täglich zumeist friedliche Demonstrationen gegeben, bei denen Teilnehmer vom Weißen Haus bis zum Kapitol und zum Lincoln Memorial zogen.

Großproteste unter dem Eindruck von Floyds Tod gab es am Samstag außerdem in Metropolen wie London, Paris, Berlin und Sydney. In der britischen Hauptstadt kam es zum Ende der Kundgebung nahe der Downing Street zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Beamten.

Ein weißer Polizist hatte dem gefesselt am Boden liegenden Floyd am 25. Mai in Minneapolis minutenlang sein Knie auf den Nacken gedrückt und dabei Bittrufe des nach Luft schnappenden Mannes ignoriert – auch als dieser bewusstlos wurde. Ein von einer Passantin aufgenommenes Handyvideo von den Szenen sorgte weit über die Grenzen der USA hinaus für Empörung.

Floyd-Leichnam in North Carolina aufgebahrt

In Raeford im Staat North Carolina, einer Kleinstadt nahe Floyds Geburtsort Fayetteville, wurde am Samstag in einer Baptistenkirche ein Sarg mit seinem Leichnam öffentlich aufgebahrt. Vor dem Gotteshaus bildete sich eine lange Schlange mit Menschen, die dem Toten die letzte Ehre erweisen wollten. Später fand eine private Gedenkzeremonie statt. Am kommenden Dienstag soll Floyd in Houston beigesetzt werden, wo er den größten Teil seines Lebens verbrachte.

Die Demonstrationen in Amerika haben in den vergangenen Tagen nicht an Umfang und Dynamik eingebüßt, sind aber bedächtiger geworden. In deren Frühphase nach dem Tod Floyds waren sie häufig noch von Unruhen und Gewaltexzessen überschattet. Inzwischen hat der öffentliche Aufschrei über den Fall Floyd erste Reformen bei Polizeipraktiken nach sich gezogen.

In Minneapolis, dem Schauplatz von Floyds Tod, dürfen Polizisten Verdächtige nicht mehr in den Würgegriff nehmen oder auf andere Weise die Luft abschnüren. Jeder andere Beamte, der ein solches Verhalten sehe, müsse das sofort melden, hieß es in einer Vereinbarung zwischen der Stadt Minneapolis und dem Staat Minnesota.

In Kalifornien wies Gouverneur Gavin Newsom die Verantwortlichen der Schulungsprogramme für Polizeianwärter an, nicht mehr den Würgegriff zu lehren, der die Blutzufuhr zum Hirn abschneidet.

Die Demokraten im Kongress bereiten zudem ein umfassendes Paket mit Polizeireformen vor. Es sieht unter anderem Änderungen bei Regeln zur Straffreiheit von Beamten und die Schaffung einer Datenbank für die Erfassung von Fällen übermäßiger Gewaltanwendung vor. Verbesserte Vorgaben bei der Schulung von Polizisten sind ebenfalls geplant, etwa ein Verbot von Würgegriffen.

Ein Votum zum Paket wird zum Monatsende erwartet. Die Gesetzesentwürfe dürften im Repräsentantenhaus mit großer Wahrscheinlichkeit durchkommen, da dort die Demokraten in der Mehrheit sind. Wie es im von den Republikanern dominierten Senat ausgeht, ist weniger gewiss. Dessen Mehrheitsführer Mitch McConnell erklärte, die Kammer würde die Themen prüfen.

In Buffalo im Staat New York wurden unterdessen am Samstag zwei Polizisten formal der Körperverletzung beschuldigt. Videobilder zeigten, wie sie am Donnerstag bei einer Demonstration gegen Polizeibrutalität einen 75-jährigen Teilnehmer schubsten.

Zu sehen ist, wie der Mann sich zuvor einer Reihe aus Einsatzkräften mit Helmen und Schlagstöcken näherte, die Demonstranten von einem Platz vertrieben. Zwei Polizisten schubsen ihn nach hinten und er schlägt mit dem Kopf auf dem Gehweg auf. Blut fließt, während Polizisten vorbeilaufen. Ein Beamter beugt sich zu dem verletzten Mann herunter, doch ein Kollege drängt ihn zum Weitergehen.

Die beiden Beschuldigten bestritten den Vorwurf der Körperverletzung. Sie wurden ohne Kaution freigelassen. Sie waren am Freitag vom Dienst suspendiert worden, wogegen Dutzende ihrer Kollegen protestierten.

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