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Ukraine-Krise Irrfahrt ins Unglück

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Der Einfluss des Oligarchen Achmetow

Jetzt weigert er sich, seine Unternehmen im Donbass der Herrschaft der Separatisten zu unterstellen, weshalb diese wiederum mit Zwangsverstaatlichung drohen. Beobachter sind sich sicher, dass der nun in Kiew residierende Krösus Schutzgelder an die „DNR“ entrichtet – „anders lässt sich nicht erklären, wieso die Rebellen seine Immobilien und Unternehmen nicht anrühren“, sagt einer, der ihn kennt.

Tatsächlich ist die unsichtbare Hand von Achmetow überall zu spüren. In der Straße des Friedens drängen sich Menschen vor einem schlichten Bürobau. Der Oligarch gibt hier wie auch im Fanshop seines Fußballclubs Schachtjor Hilfsgüter aus. Zweimal im Monat erhalten die gänzlich Mittellosen ihre Rationen in Plastiktüten – Milch, Mehl, Mais, alles, was sich halbwegs hält. „Brot müssen sie selber backen“, sagt Valentina, eine Frau von Anfang 40, die in der orangenen Jacke des Fußballvereins Lebensmittel verteilt. Die arbeitslose Buchhalterin hofft, dass die Leute bald ihre Renten wieder bekommen und sich alles selbst kaufen können. „Wir glauben an unsere neue Regierung, alles wird gut.“ Aber erst müsse der Krieg aufhören.

Bürger leben jeden Tag in Todesangst

An diesem Vormittag geht er erst mal wieder los. Gar nicht weit weg schießt jemand Granaten Richtung Flughafen, die dumpfen Schläge sind selbst im Gebäude zu hören, wo Achmetow Lebensmittel verteilen lässt. Niemand zuckt mehr zusammen, an den Sound des Krieges haben sie sich gewöhnt. Als die Kämpfe begannen, saß Valentina mit ihrer Familie auf gepackten Koffern. „Aber dann haben wir uns gefragt, wohin wir flüchten sollen. Wir sind doch hier zu Hause!“ Ihre Schwester lebe in Poltawa im friedlichen Nordosten der Ukraine. „Die halten uns dort für ihre Feinde, obwohl wir jeden Tag in Todesangst leben“, klagt sie.

"Wir haben in der Ukraine nichts zu suchen"
"Viele finden Putin toll"Auf den letzten Metern des Europawahlkampfs lassen die Grünen mit dem ehemaligen deutschen Außenminister Joschka Fischer eine ihrer Ikonen über die Ukraine-Krise zu Wort kommen. Auf einer Diskussionsveranstaltung mit Grünen-Chef Cem Özdemir und Spitzenkandidatin Rebecca Harms zum Thema "Friedensmacht Europa - Herausforderung Ukraine" attackierte der ehemalige deutsche Außenminister Wladimir Putin und verteidigte die Maidan-Revolution. Von der Europäischen Union fordert er eine Politik der Stärkegegenüber Russland – sie müsse klarer zeigen. wo sie steht. Für die deutschen „Putin-Versteher“ hat Fischer indes nicht besonders viel übrig und zeigt sich schockiert: "Viele finden Putin auch toll, weil er es den Amerikanern mal richtig zeigt. Das finde ich erschütternd." Für Fischer ist diese Haltung schlicht anti-westlich und anti-europäisch. Quelle: dpa
"Das ist Größenwahn"Auch Altkanzler Helmut Schmidt übt in einem Interview mit der "Bild"-Zeitung scharfe Kritik an der Russlandpolitik des Westens und wirft ihr vor, die Spannungen in der Ukraine-Krise mitverursacht zu haben. Die EU-Kommission hält er aufgrund ihrer Ukraine-Politik für unfähig und straft ihren Versuch, die Ukraine anzugliedern, als "Größenwahn" ab. Quelle: REUTERS
"Der grundlegende Fehler lag in der EU-Assoziierungspolitik"Ex-Kanzler Gerhard Schröder (SPD), der ohnehin als guter Freund von Kremlchef Putin gilt, plädierte kürzlich für mehr Verständnis für den russischen Präsidenten und macht die Europäische Union für die Zuspitzung der Ukraine-Krise verantwortlich. Zwar sieht er im Vorgehen Russlands grundsätzlich "ein[en] Verstoß gegen das Völkerrecht", dennoch wolle er Wladimir Putin, dessen Vorgehen er in den Sanktionsdrohungen der EU und der USA gegen Russland in der Ukraine-Krise begründet sieht, nicht verurteilen. Quelle: dpa
"Solche Methoden hat schon der Hitler im Sudetenland übernommen"Besonders brisant war der Vergleich von Russlands Vorgehen auf der Krim mit der Politik Hitlers. Auf einer Schüler-Veranstaltung des EU-Projekttags 2014 der Bundesregierung hat Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble öffentlich Parallelen zwischen der Annexion der Krim durch Wladimir Putin und dem Anschluss des Sudetenlandes durch Adolf Hitler gezogen. Gemeint hatte der die Argumente, die die russische Regierung als Rechtfertigung für die Annexion der Krim anführt. Quelle: dpa
"Zusagen hat es nicht gegeben"Hans-Dietrich Genscher, ehemaliger Bundesaußenminister (FDP), bringt eine neue Definition Europas in die Diskussion ein. Für ihn ist Europa keinesfalls mit der Europäischen Union gleichzusetzen - Europa geht über die Strukturen der EU hinaus. Alle europäischen Völker sollen frei entscheiden können, ob sie der EU oder Russland angehören, oder ob sie unabhängig bleiben wollen. Es müssen Strukturen und Ordnungen geschaffen werden, die ein solches Leben in Freiheit sicherstellen. Quelle: dpa

Nur einmal schweigen die Granaten in diesen Tagen. Es ist jener Sonntag, an dem gewählt wird. Neben dem Lenin-Denkmal haben sie eine Bühne aufgebaut, davor vielleicht 300 Menschen, die eifrig mit Papierfähnchen in den „DNR“-Farben wedeln. Eine Volkstanz-Gruppe aus Kasachstan hat ihren Auftritt, anschließend tanzen die Besucher bei Temperaturen um den Gefrierpunkt zu russischen Folkloreliedern. Für einen Moment ist der Krieg vergessen, eine abtrünnige Provinz feiert sich selbst – so als wäre der Niedergang weit weg. Auf dem Banner über der Bühne steht in breiten Lettern: „Die Zukunft beginnt heute.“

Janukowitsch war zumindest „ihr“ Präsident

Für die Ukraine, diese These sei gewagt, ist der Donbass verloren. Das ist zum Teil Folge der Bombardierung – durch „ukrainische Truppen“, wie die Bevölkerung überzeugt ist. Die mögen zwar selten sein und häufig den Beschuss der Separatisten aus ihren Stellungen in Wohngebieten beantworten. Aber so weit differenzieren die Menschen nicht, zumal die Deutungshoheit über den Krieg bei antiukrainischen russischen Staatssendern liegt. Aber selbst ohne Krieg und Propaganda wird die Regierung in Kiew als Regierung „der anderen“ wahrgenommen, die „ihren“ Präsidenten seinerzeit gestürzt und ins Exil getrieben hat. Die prowestlichen Politiker aus Kiew haben von Beginn an wenig unternommen, um den Landsleuten im Osten ihren West- und Reformkurs gründlich zu erklären. Der geschasste Präsident Viktor Janukowitsch war zwar auch für die Donezker ein korrupter Gauner, aber er war eben ihr Gauner.

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