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„Unsere Demokratie steht im Fadenkreuz“ US-Politiker wehren sich gegen Cyberattacken im Wahlkampf

In den vergangenen anderthalb Jahren entdeckten die Mitarbeiter der US-Senatorin Kamala Harris pro Monat im Durchschnitt drei bis fünf gefälschte Facebook-Profile unter Harris' Namen. Quelle: AP

Falsche Facebook-Profile, Hackerangriffe und Fake News: Vor den Zwischenwahlen in den USA werden täglich Kandidaten – vor allem Demokraten – Opfer digitaler Attacken. Im Kampf gegen die Angreifer sind sie weitgehend auf sich gestellt.

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Seit ihrem Amtsantritt als US-Senatorin ist Kamala Harris das Ziel von Fake-News-Kampagnen in den sozialen Medien. In den vergangenen anderthalb Jahren entdeckten ihre Mitarbeiter pro Monat im Durchschnitt drei bis fünf gefälschte Facebook-Profile unter Harris' Namen, wie das Büro der demokratischen Politikerin mitteilte. Die Seiten enthalten oft falsche Angaben über ihre politischen Positionen. Wer dahinter steckt, ist nicht bekannt.

Solche Cyberattacken sind in der US-Politik inzwischen weit verbreitet. Facebook gab vor wenigen Tagen bekannt, auf seiner Plattform technisch ausgefeilte Versuche aufgedeckt zu haben, die Politik in den Vereinigten Staaten zu beeinflussen. Möglicherweise säßen die Urheber der Angriffe in Russland. Ranghohe Vertreter der US-Geheimdienste sprachen am Donnerstag von einem stillen Krieg gegen Wahlkampfkampagnen und Wahlsysteme in den USA.

Dennoch wird deutlich: Drei Monate vor den Zwischenwahlen im Kongress stehen die Wahlkämpfer weitgehend alleine vor der immer schwierigeren Aufgabe, vertrauliche Informationen zu schützen und gegen falsche oder irreführende Inhalte in sozialen Medien vorzugehen. Das Nationalkomitee der Demokraten (DNC) bemüht sich verstärkt um den Schutz seiner internen Sicherheitsprotokolle, wie Technologiechef Raffi Krikorian sagt, der früher für Uber und Twitter arbeitete. Die nationale Organisation ermunterte auch die demokratischen Parteien auf Staatsebene, ähnliche Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen. Denn für das DNC sei es schwierig, Tausende demokratische Wahlkämpfe im ganzen Land zu überwachen, räumt Krikorian in einem Interview ein. Vor allem für kleinere Kampagnen sei es ohne Zweifel ein „schwerer Kampf, wenn wir es mit einem ausländischen Feind zu tun haben“, sagt er.

Auch die Republikaner verstärkten ihre Schutzmaßnahmen zur Cybersicherheit, obwohl die bisher bekannt gewordenen Fälle fast nur Demokraten betrafen. Dem technischen Team des DNC gehören inzwischen 40 Mitarbeiter an. Geführt werden sie von Krikorian und anderen Silicon-Valley-Veteranen, die nach der russischen Hackerattacke auf das E-Mail-System der Partei angeheuert wurden. Die Angreifer hatten in den Monaten vor dem Wahlsieg Präsident Donald Trumps 2016 eine Serie schädigender Nachrichten veröffentlicht. Ranghohe Vertreter des US-Geheimdienstes und der Regierung warnten am Donnerstag eindringlich vor neuen Versuchen aus dem Ausland, die Wahlen 2018 und 2020 zu beeinflussen. Heimatschutzministerin Kirstjen Nielsen sagte in einer Pressekonferenz im Weißen Haus: „Unsere Demokratie steht im Fadenkreuz.“ Der nationale Geheimdienstkoordinator Dan Coats fügte hinzu: „Wir sehen weiterhin eine umfangreiche Kampagne, mit der Russland versucht, die Vereinigten Staaten zu schwächen und zu spalten.“

Facebook entfernte nach eigenen Angaben 32 Accounts aus dem Netzwerk sowie von der Plattform Instagram, da diese Teil eines „koordinierten“ politischen Vorgehens und mutmaßlich gefälscht gewesen seien. Fast 30.000 Nutzer folgten mindestens einem der Accounts, die offenbar auf eine Manipulation bestimmter Wählergruppen abzielten.

In zahlreichen Fällen beginnen politische Kampagnen des Senats und des Repräsentantenhauses gerade erst damit, grundlegende interne Sicherheitsprotokolle aufzubauen. Dazu gehören die zweistufige Verifizierung aller E-Mails, Speicher und Social-Media-Accounts sowie die Nutzung verschlüsselter Messenger-Dienste. Um Angriffe mit Fehlinformationen in den sozialen Medien zu überwachen, gibt es indes noch kein spezielles Protokoll für Kampagnen oder Parteien. Auch die Strafverfolgungsbehörden verfolgen dabei im Tagesgeschäft offenbar keine proaktive Strategie zum Schutz von Politikern vor Einmischung. Hier seien die Betroffenen weitgehend auf sich gestellt, sagt der ehemalige ranghohe FBI-Beamte Shawn Henry, der heute eine Firma für Cybersicherheit leitet.

Klagen kommen von zahlreichen Politikern. Die demokratische Senatorin Claire McCaskill aus dem US-Staat Missouri sagt, russische Hacker hätten im vergangenen Jahr erfolglos versucht, in ihr dienstliches Computernetzwerk einzudringen. Auch der frühere demokratische Abgeordnete Brad Ashford aus Nebraska bestätigte kürzlich, dass seine Wahlkampf-E-Mails 2016 von russischen Agenten gehackt worden seien. Zudem sei er einer Serie von anonymen Angriffen in sozialen Medien ausgesetzt gewesen.

Doch Wahlkampfteams sind schon von Natur aus schwer vor Cyberattacken zu schützen. Denn hinter den Teams stehen im Prinzip Pop-up-Organisationen, die stark auf Freiwillige angewiesen sind und sich bloß auf ein Ziel konzentrieren: den Wahlsieg. Oftmals haben sie nur ein kleines Budget und IT-Expertise kostet Geld. So haben einige Kampagnen für die bevorstehenden Zwischenwahlen noch gar keine Mitarbeiter für die Kommunikation angeheuert.

Im Fall der kalifornischen Senatorin Harris, die als mögliche Präsidentschaftskandidatin 2020 gilt, will deren Büro selbst gegen gefälschte Social-Media-Profile vorgehen. Kontakt zum FBI haben die Mitarbeiter nicht. Sie meldeten Facebook jeden einzelnen Fall.

Patrick McHugh, früherer Mitarbeiter einer Senatskampagne, gibt zu, dass viele Wahlkämpfer heute vor einer gewaltigen Herausforderung stehen. „Es muss nur eine Person im Team einen Fehler machen“, sagt er, der heute eine den Demokraten nahestehende Lobbygruppe leitet. „Man steht einem ausländischen Staat gegenüber. Das ist ein ziemlich großer Gegner, der alles tun kann und wird, um sein Ziel zu erreichen.“

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