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Weltklimakonferenz in Madrid UN-Fachmann: „Nichtstun ist viel teurer“

Martin Frick. Quelle: imago images

Um den Klimaschutz voranzubringen, müssen Unternehmen investieren, sagt Martin Frick, Direktor beim Klimasekretariat der Vereinten Nationen. In Madrid sollen nun neue Impulse geschaffen werden.

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WirtschaftsWoche: Welche Rolle spielen Unternehmen und Finanzbranche beim Umbau, der bei der Klimakonferenz COP25 verhandelt wird – hin zu einer Wirtschaft, die die Erde nicht weiter anheizt?
Martin Frick: Die Summen für einen Umbau sind so enorm, dass sich die Erkenntnis durchsetzt: Wir brauchen zusätzlich zum staatlichen Geld viel privates Kapital. Tatsächlich brauchen wir eher Billionen als Milliarden von Dollar. Es geht wahrscheinlich um zwei bis drei Prozent der globalen Wirtschaftsleistung, um genug zu bewegen. Im Vergleich zum Nichtstun und dem Schaden sonst ist das aber sehr billig. Man kann es auch wie der frühere US-Präsident Clinton ausdrücken: Was ansteht, ist die größte Chance für die globale Wirtschaft seit dem Zweiten Weltkrieg. Alles, was an der Energieerzeugung und am Energieverbrauch hängt, muss neu gemacht werden.

Wo stecken die größten Chancen für Unternehmen?
Ein Land wie Deutschland mit seiner Ingenieurleistung hat da gewaltige Chancen. Außerdem ist in den meisten europäischen Großstädten ein Gutteil der Infrastruktur jetzt an die 100 Jahre alt. Die S-Bahn, die U-Bahn, die Brücken und Leitungssysteme. Es muss also ohnehin investiert werden. Günstig sind weltweit zurzeit auch die Zinsen. Da ist viel Geld, das für Investitionen eingesetzt werden kann.

Was kann die Staatengemeinschaft tun, damit Investitionen ausreichend in Gang kommen und auch Bedürfnissen vor Ort entsprechen?
Wirtschaftsvertreter haben großes Verständnis dafür, welche Innovationen und Investitionen jetzt anstehen. Gerade im deutschen Mittelstand. Familienunternehmen haben besonders gute Voraussetzungen im Klimaschutz, weil sie längerfristig planen und nicht wie gelistete Unternehmen von schnellen Erfolgen abhängen. Das Schwierige ist die Komplexität, alles müsste gleichzeitig passieren und die eine Investition ergibt nur Sinn, wenn andere Innovationen dazu kommen.

Wer muss also beginnen?
Die Wirtschaft sagt, wir brauchen die richtigen Regeln fürs neue Wirtschaften. Die Regulatoren sagen, wir brauchen die Politiker, die die Linie erst festlegen. Die Politiker sagen, wir müssen sicher sein, dass die Menschen mitziehen. Die Leute sagen, wir gehen mit, wenn die Politiker uns eine Orientierung geben. Dafür ist eine Konferenz wie in Madrid so wichtig. Hier lässt sich das Signal aussenden: Wir machen das jetzt und jeder trägt etwas dazu bei.

Wie müsste dann genau der Impuls aussehen, der von Madrid ausgeht?
In Paris 2015 wurden nationale Pflichten vereinbart, was jedes Land einhalten muss, damit die Erderwärmung unter 1,5 Grad zur Zeit vor der Industrialisierung bleibt. Was die Staaten nun als ihre Beiträge melden, reicht noch nicht. Das alles würde nur reichen, die Erwärmung auf etwa drei Grad zu begrenzen. 2020 muss also nachgebessert werden. Die Länder müssen sich zu mehr verpflichten in Madrid.

Und die Hoffnung ist dann, dass Wirtschaftsvertreter einschwenken und sich auch zu höheren Zielen verpflichten?
Genau. Die Technologie ist da, die Kenntnisse sind vorhanden und die Bereitschaft in den Unternehmen ist groß. Viele Unternehmen haben Vertreter nach Madrid geschickt, um das zu vermitteln. So entsteht eine kritische Masse.

Wie der Klimawandel Deutschland trifft
Das Jahresmittel der Lufttemperatur ist im Flächenmittel von Deutschland von 1881 bis 2018 um 1,5 Grad Celsius angestiegen – global ist es in dieser Zeit im Mittel rund 1 Grad wärmer geworden. Seit 1881 hat die mittlere jährliche Niederschlagsmenge in Deutschland um 8,7 Prozent zugenommen. Es sind Tendenzen zu mehr Starkniederschlägen in den letzten 65 Jahren zu erkennen, aber aufgrund der Datenlage können die Experten dazu noch keine statistisch gesicherten Aussagen machen. Quelle: imago images
Die Sommer 2003, 2018 und 2019 waren die wärmsten seit Beginn der Aufzeichnungen. Quelle: imago images
Dürren, Hitzewellen und Starkregen dürften zunehmen Quelle: imago images
Deutschland ist ein wasserreiches Land. Aber: Monate mit unterdurchschnittlichen Grundwasserständen werden häufiger, vor allem im Nordosten. Quelle: imago images
Starkregen kann in zugebauten Regionen schlecht ablaufen, immer wieder laufen Gullys über, weil die Kanalisation das Wasser nicht so schnell aufnehmen kann. Quelle: dpa
Bis zu drei Millionen Menschen überwiegend oder zeitweise im Freien, wo sie dem Wetter besonders ausgesetzt sind. Quelle: imago images
Landwirte sind vom Klimawandel besonders betroffen, wenn etwa Dürre die Ernte vertrocknen lässt oder Futter knapp wird. Quelle: imago images

Große Verursacher-Länder bei CO2 verhalten sich aber ganz anders und wenden sich von strikten Klimazielen ab: Die USA, Brasilien und Indien zum Beispiel...
Die US-Regierung will aus dem Pariser Abkommen aussteigen, ja. Tatsächlich stehen aber zwei Drittel der amerikanischen Wirtschaft und etliche Bundesstaaten hinter den UN-Zielen und gehen mit voran.

Aber auch in Ländern wie Deutschland haben Skeptiker des Klimaschutzes und sogar Leugner des menschengemachten Klimawandels Auftrieb. Was halten Sie da entgegen?
Man kann es nicht deutlich genug sagen: Der Klimawandel ist das Thema für die Politik weltweit, das am genauesten erforscht ist. Was wir heute sehen, entspricht präzise den Vorhersagen der letzten 30 Jahre.

Wie erklären Sie den Einfluss der Leugner?
Die Leugner des Klimawandels betreiben keine unschuldige Debatte. Was da vor allem in sozialen Medien verbreitet wird, ist die Arbeit von hochbezahlten PR-Agenturen. Hier werden Zweifel über die wissenschaftliche Grundlage gestreut, ganz wie es damals war bei der Zigarettenindustrie und den Gefahren des Rauchens war. Man muss aber sagen, dass es reichlich absurd ist, wenn so getan wird, als ob hunderttausende Menschen auf der Welt sich zusammengetan hätten, um eine Klima-Verschwörung zu betreiben. Da kann man gleich behaupten, unser Wetter würde von Marsianern beeinflusst.

Andere pochen darauf, dass sie sich nicht einschränken wollen und dass es eben darauf ankomme, schnell klimaschonende Technologien zu entwickeln. Bei der FDP in Deutschland finden sich solche Argumente. Verspricht das Erfolg?
Wir brauchen beides: Jeder muss sein Verhalten wahrscheinlich ändern. Es reicht aber nicht, die Verantwortung ganz auf den Einzelnen oder die Innovationskraft der Industrie zu verlagern. Manches muss gesetzlich geregelt werden. In den Achtzigerjahren war der wirksame Schritt gegen das Waldsterben, dass alle Kohlekraftwerke Schwefelfilter installieren mussten.

Wie sieht heute die richtige Balance beim Klimaschutz aus?
Ich sehe, dass wir eigentlich alles an Technologie haben, damit wir den Klimawandel noch anhalten können bei 1,5 Grad. Das würde aber bedeuten, dass wir ab sofort und jedes Jahr die Emissionen um sieben Prozent verringern. Es fehlt der politische Wille und die Regulierung, die Technik so massiv einzuführen. Wer nur blind auf Lösungen wie in Science Fiction vertraut, der kommt nicht weit. Ich bin bei der Technologie optimistisch, die Zeit der Elektromobilität beginnt ja erst, aber wir brauchen gute Regeln. Obwohl sie einigermaßen gescholten wurde, ist die deutsche Energiewende ein gutes Beispiel für Erneuerung in einem wohlhabenden Industrieland.

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