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Anders gesagt
Schild an der belgisch-deutschen Grenze Quelle: imago images

Die doppelte Entgrenzung

Ferdinand Knauß Quelle: Frank Beer für WirtschaftsWoche
Ferdinand Knauß Reporter, Redakteur Politik WirtschaftsWoche Online Zur Kolumnen-Übersicht: Anders gesagt

Die Ängste vor Umweltzerstörung und der Auflösung der Nation beherrschen und entzweien die Deutschen. Beide sind Folgen von ökonomisch motivierten Entgrenzungen.

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Die grundlegenden Krisen und gesellschaftlichen Konflikte lassen sich auf einen Begriff bringen. Es geht um Grenzen. Auch, aber längst nicht nur um Staatsgrenzen, sondern um das Begrenzende schlechthin. Unser Zeitalter ist, wie Kurt Biedenkopf feststellt, das der „Begrenzungskrisen“.

Sie entstehen, vereinfacht gesagt, wenn Kollektive bisherige, durch kulturelle Vorgaben oder aber die Natur gegebene Begrenzungen erreichen – und sie überwinden oder gar völlig abschaffen wollen. Dieser Wille ist das Ergebnis eines maßlosen Prinzips, das den Menschen die Lösung aller Probleme und höchstes Glück auf Erden verheißt.

Die alten Griechen sprachen von „Hybris“. Sie ist der Kern der griechischen Tragödie: Der Protagonist glaubt, die göttlichen Gesetze nicht einhalten zu müssen, vielleicht sogar selbst wie die Götter werden zu können. Am Ende wird er für diesen Entgrenzungsversuch von der Göttin Nemesis bestraft – in der Regel mit dem Tod. Die Botschaft ist dieselbe, die auch über dem Orakel von Delphi stand: „mēden agan - nichts im Übermaß“.

Das maßlose Prinzip der Gegenwart ist: die Ökonomie. Herstellung, Verteilung und Konsum von immer mehr und immer besseren materiellen Gütern und Dienstleistungen haben die Religion – zumindest außerhalb der Umma, der Gemeinschaft der Muslime – als Heilsversprechen abgelöst.

Über 200 Jahre lang hat die durch die Säkularisierung und Aufklärung entfesselte kapitalistische Wachstumswirtschaft im Schulterschluss mit dem politischen Liberalismus eine gewaltige Produktivkraft entfaltet, die das Antlitz der gesamten Erde und das Leben zunächst der Europäer und schließlich aller Menschen umgreifend verändert hat. Dieser gewaltige Weltveränderungsprozess ist aber nicht nur ein schöpferischer, sondern auch ein zerstörerischer. Er schafft Wohlstand und eröffnet Freiheiten, mindert Leiden und verlängert Leben. Aber er beruht von Anfang an auch auf zweierlei: dem übermäßigen Raubbau an der Natur einerseits und der Auflösung traditioneller Bindungen zwischen Menschen andererseits, wie Karl Polanyi in „The Great Transformation“ (1944) zeigt. Die ökonomische Verwertungsrationalität drängt zur „Überwindung“ politischer, nationaler Grenzen, die ihr nur Handelshemmnisse sind. Sie giert nach ungebremstem Zugang zu Ressourcen und Märkten und Freizügigkeit für Menschen jeglicher Herkunft als Arbeitskräfte.  

Beide Tendenzen, die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen durch ein nicht nachhaltiges Wirtschaftssystem und die Auflösungserscheinungen der traditionellen, nationalen Bindungen durch Einwanderung und EU sind entgrenzend. Beide Prozesse – Naturzerstörung und Migration – verändern die Lebensbedingungen in Deutschland schon jetzt und werden sie noch viel stärker verändern. Beide Ängste der deutschen Gesellschaft des frühen 21. Jahrhunderts haben unbestreitbare Bezüge zur erlebbaren Wirklichkeit.

Beide Ängste treten allerdings erstaunlicherweise bei den meisten Menschen in Deutschland sowie in anderen westlichen Gesellschaften nicht gemeinsam auf. Das Überschreiten von Grenzen kann befreiend wahrgenommen werden, aber auch als große Verunsicherung, die Angst macht. Die Angst vor Umweltzerstörung und der Ruf nach scharfer Überwachung von "Grenzwerten" ist vor allem unter Anhängern der Grünen verbreitet, die zugleich oft jegliche Einwanderung uneingeschränkt als Bereicherung begrüßen. Andererseits bezweifeln viele von denjenigen, die die Auflösung der eigenen Nation durch die EU und unbegrenzte Zuwanderung fürchten, zugleich die Existenz des Klimawandels oder zumindest, dass er menschengemacht und gefährlich sei.  Die einen fürchten sich als Weltbürger, die anderen als bekennende Deutsche vor dem Verlust einer Behausung: der natürlichen Lebensgrundlagen auf der einen, der Nation auf der anderen Seite.

Zu viele Menschen halten eine der Ängste für allein entscheidend und die andere für moralisch illegitim oder naiv. Es wird aber keinen politischen Frieden im Zeitalter der Begrenzungskrisen geben, solange nicht beide Ängste ernst genommen werden.

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