Anne Spiegel: Die Lüge ist nicht weiblich

Gut 100 Tage nach Beginn ihrer Arbeit hat die Ampel-Koalition im Bund ihre erste Ministerin verloren. Familienministerin Anne Spiegel (Grünen) trat Am Montag zurück. Die Grünen-Politikerin hatte am Sonntagabend dann in einem sehr emotionalen Statement zunächst ihren Urlaub als Fehler bezeichnet und dafür um Entschuldigung gebeten.
Foto: imago imagesDie Politikergeneration Kohl oder Schäuble war gefühlt immer im Einsatz. Deren Frauen wuppten sehr allein erziehend die Familien. Zum Glück ist das passé. Es geht beim Rücktritt von Bundesfamilienministerin Anne Spiegel ((Grüne)) deshalb nicht um ihren angeschlagenen Mann und die pandemiebelasteten Kinder. Alles sollte tatsächlich Platz im Leben von Politprofis haben.
Nein, bei diesem Rücktritt geht es darum, wie wir mit Lügen umgehen. Und dennoch mit zweierlei Maß messen. Spiegel wurde von ihrem Management als Umweltministerin in Rheinland-Pfalz eingeholt. Sie war in der Nacht der existenzzerstörenden Ahrflut offenbar schwer erreichbar, kümmerte sich zunächst um ihr Image. Sie war dann lang im Urlaub und behauptete doch, im Kabinett zugeschaltet gewesen zu sein. Unwahr. All das lässt sich betroffenen Menschen schwer vermitteln.
Aber: Nach diesem Maßstab müssten auch manche Männer zurücktreten. Das hätte etwa für den vorigen Verkehrsminister Andreas Scheuer gegolten, den CSU-Männerbündelei schützte. Er verschwendete wohl nicht nur Millionen Euro durch hinfällige Mautverträge. Er sagte nach Erkenntnissen im Untersuchungsausschuss auch viel. Aber eher nicht die Wahrheit.
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