Arbeitsmarkt für Flüchtlinge "Das Schlimmste wäre, die Grenzen zu schließen"

Migrationsexperte Klaus Zimmermann über Jobchancen für Flüchtlinge, notwendige Maßnahmen zur schnelleren Integration in den Arbeitsmarkt und seine Sorge um das überforderte Europa.

WirtschaftsWoche: Herr Zimmermann, laut Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles wird der Flüchtlingsansturm die demografische Delle auf dem Arbeitsmarkt ausbügeln und den Fachkräftemangel beseitigen. Hat sie recht?

Klaus Zimmermann: Diese Erwartung ist reichlich übertrieben. Die meisten Flüchtlinge haben keine Ausbildung, können kein Deutsch und haben kaum eine Chance. Wenn wir von einer Million Flüchtlingen ausgehen, kommen davon langfristig nicht mehr als rund 200 000 für den deutschen Arbeitsmarkt infrage. Davon wird rund die Hälfte nach fünf Jahren, drei Viertel vielleicht nach zehn Jahren in Arbeit kommen. Wären sie kurzfristig alle als arbeitslos registriert, dann stiege die Zahl der Arbeitslosen um knapp acht Prozent und die derzeitige Arbeitslosenquote um weniger als einen halben Prozentpunkt. Die finanziellen Konsequenzen sind signifikant, aber eher klein. Auch wenn der Zustrom in den nächsten Jahren anhält, würde das pro Jahr bei 16 Milliarden Euro liegen, also bei einem halben Prozentpunkt des Bruttoinlandsprodukts.

Zur Person

Was könnten wir tun, um Einwanderer besser in den Arbeitsmarkt zu integrieren?

Es sollte ziemlich früh festgestellt werden, welche Qualifikation der Einzelne hat. Zudem müssen die Verfahren beschleunigt werden, damit die Einwanderer schnell Klarheit über ihren Status erhalten. Die Unternehmen werden den Immigranten nur eine berufliche Ausbildung anbieten, wenn sie sicher sind, dass diese länger bleiben dürfen. Je eher die Immigranten eine Arbeitserlaubnis erhalten, desto besser gelingt die Integration.

Das ifo Institut fordert die Abschaffung des Mindestlohns, um mehr Jobs für Einwanderer zu schaffen ...

Ich bin kein Freund des Mindestlohns, aber der Flüchtlinge wegen würde ich ihn nicht abschaffen. Wenn wir diese mit Langzeitarbeitslosen gleichstellen, sind Eingliederungshilfen eine bessere Hilfe.

Was Flüchtlinge dürfen

Wer länger als ein Jahr ohne Job ist, gilt kaum noch als vermittelbar. Wie soll die Integration von Flüchtlingen nach fünf Jahren noch gelingen?

Die Integrationsanstrengungen müssen ja sofort beginnen. Das kann klappen, weil ein Großteil dieser Leute noch sehr jung ist. Dennoch ist das Verfahren zu starr. Wer für den Arbeitsmarkt geeignet ist, sollte aus dem Asylverfahren herausgenommen werden können und sofort ein Aufenthaltsrecht und eine Arbeitserlaubnis erhalten. Selbst abgewiesenen Bewerbern sollte eine befristete Berufstätigkeit ermöglicht werden, wenn sie nicht sofort abgeschoben werden. Das wäre dann wenigstens eine sinnvolle Integration in das Leben, ein Stück Entwicklungshilfe.

Dafür bräuchte man ein Einwanderungsgesetz?

Gegenwärtig ist die Bereitschaft, noch mehr Einwanderung zuzulassen, leider nicht mehr so groß. Wir sollten aber in der Flüchtlingswelle eine Chance sehen, unsere Einwanderungspolitik so zu reformieren, dass uns das langfristig nützt.

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