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Reiseanbieter Alltours brachte einen Impfnachweis für Urlaubsreisende in Spiel - und erntete einen Shitstorm. Quelle: imago images

Immanuel Kant würde Urlaub bei Alltours buchen

Der effiziente Weg aus der Coronakrise kann am Ende nur über eine faktische Impfpflicht führen. Alles andere ist zu teuer, zu unsicher – und zu egoistisch.

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First Movers leben gefährlich. Wer als Unternehmer auf einen neuen Trend aufspringt, muss damit rechnen, zu scheitern. Kunden, Mitarbeiter und Öffentlichkeit sind halt oft noch nicht so weit. Darum warten viele Chefs erst mal ab, bevor sie springen. Die Coronakrise ändert an diesem Gesetz nichts. Als Konzertveranstalter Eventim vor Kurzem die Impfpflicht für die Besucher ins Spiel brachte, hagelte es Kritik. Als Pauschalreisenanbieter Alltours nun dasselbe für seine Hotelgäste ankündigte, folgte die nächste Entrüstungswelle.

Das böse I-Wort will kaum einer hören, geschweige denn aussprechen. Die ethische Frage nach der Unversehrtheit des eigenen Körpers birgt zu viel Shitstormpotenzial. Doch denken tun es immer mehr. Also redet die ganze Republik um den heißen Brei herum. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder will eine neue App als Test- und Impfnachweis, um das öffentliche Leben zu erleichtern. Selbstverständlich heiße das nicht, dass man sich impfen lassen müsse, schiebt er hinterher – noch. Auch Thomas Mertens, Chef der Ständigen Impfkommission (STIKO), kann sich den Einsatz eines digitalen Impfnachweises bei Kinos, Theatern, Restaurants und auf Fluglinien vorstellen. Und der Ethikrat spricht bereits von einer moralischen Verpflichtung.

Doch mündet das nicht zwangsläufig in eine (faktische) Impfpflicht? Und was wäre die Alternative? Es gibt sie nicht. Keine Volkswirtschaft funktioniert auf Dauer erfolgreich mit einer ständigen Bedrohung. Bereits heute stehen unzählige Firmen am Abgrund. Eine klare Perspektive bedeutet für sie nicht nur eine klare Öffnungsstrategie für die nächsten Wochen, sondern auch eine klare Gesundheitsstrategie für die nächsten Jahre. Es ist absehbar, dass das Coronavirus wie die Grippeerreger ständig mutiert. Sollen wir uns also zu Tode testen? Sollen wir fortan mit der Angst leben, dass ein Hygienekonzept versagt, die Maske unter die Nase rutscht oder einer von den geschätzt 30 Prozent Impfverweigerern gerade am Nebentisch sitzt, gar im selben Pool planscht?



Tatsächlich bedeutet eine Impfpflicht – wie auch immer man sie nennt und konkret ausgestaltet – einen tiefen Eingriff in die Freiheit eines Menschen. Aber die endet laut Immanuel Kant bekanntlich dort, wo die Freiheit des anderen beginnt. Wer sich die Freiheit nimmt, das Impfen zu verweigern und andere möglicherweise anzustecken, nimmt ihnen die Freiheit gesund zu leben. Kant würde seinen Urlaub bei Alltours buchen – garantiert egoistenfrei.

Mehr zum Thema: Verpatzte Impfkampagne, analoge Ämter und stockende Hilfen – Berlin und Brüssel drohen an der „Jahrhundertaufgabe“ Corona zu scheitern. Es geht um nicht weniger als Deutschlands teuerstes Staatsversagen.

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