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Bargeld Freiheit für das Portemonnaie! Schafft die kleinen Cent-Münzen ab!

Ein- und Zwei-Cent-Münzen: Schafft die kleinen Münzen ab! Quelle: imago images

Ein- und Zwei-Cent-Münzen werden sinnlos gehortet, verstopfen das Portemonnaie und verursachen hohe Kosten. Gut, dass die EU-Kommission jetzt über die Abschaffung des Klimpergelds nachdenkt. Ein Kommentar.

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Heute morgen wog mein Portemonnaie gefühlte zwei Kilo und drückte in der Hosentasche. Es war prall gefüllt; leider nicht mit großen Scheinen, sondern mit Centstücken, die mir Verkäuferinnen bei Netto und Rewe und der Kioskverkäufer meines Vertrauens bei meinen jüngsten Einkäufen in die Hand gedrückt hatten. Ich kippte das Metall genervt auf den Schreibtisch und fragte mich: Warum gibt es dieses Zeug eigentlich noch? Angeblich sollen die Deutschen mittlerweile 30.000 Tonnen an Kleinstmünzen mit sich herumtragen, in Schubladen lagern oder in Gurkengläsern sammeln, das entspricht in etwa dem Gewicht von 15.000 Nashörnern.

Zu D-Mark-Zeiten gab es den „Glückspfennig“ und den schönen Brauch, diesen zu verschenken. Aber ich habe noch nie gehört, dass jemand einen „Glücks-Cent“ verschenkt. Ich benutze zwar bisweilen den wunderbaren Spruch von Grete Schickedanz „Der Pfennig ist die Seele der Milliarde“, um meinen Söhnen den Wert des Sparens nahe zu bringen. Aber ehrlich gesagt: Für die Spardose sind Centstücke völlig unbrauchbar. Manche Banken lehnen größere Kleingeldeinzahlungen in bar mittlerweile ab.

Also lieber ausgeben? Für zwei Cent kriegt man am Büdchen noch nicht mal mehr einen Weingummi-Schlumpf. Parkuhren und Ticketautomaten nehmen die kleinen Eisenstücke im Kupfermantel nicht an. Wer im Laden etwas mit Ein- und Zwei-Cent-Stücken bezahlen will, das teurer ist als 50 Cent, erntet wütende Blicke des Einzelhändlers oder darf sein Geld gleich behalten: Eine EU-Verordnung legt fest, dass ein Händler maximal 50 Einzelmünzen von einem Kunden annehmen muss. Da kann es bereits schwierig werden, ein Wassereis mit Ein- und Zwei-Centstücken zu bezahlen.

Sehen wir uns die ökonomischen Fakten an: Aktuell kursieren in Europa über 36 Milliarden Ein-Cent-Münzen und rund 28 Milliarden Zwei-Cent-Stücke. Die Staaten (und damit die Steuerzahler) kommt dies teuer, denn die Produktions- und Transportkosten der Münzen übersteigen deren Wert deutlich. Genauer gesagt: Die Herstellung einer Ein-Cent-Münze kostet rund 1,65 Cent, das ist kein überragendes Geschäftsmodell. Das rote Klimpergeld sei „ein erhebliches Verlustgeschäft für das Euro-Währungsgebiet“, mahnte die EU-Kommission schon 2013. Laut Brüssel ist der Euro-Zone kleingeldbedingt allein bis 2013 ein Verlust von 1,4 Milliarden Euro entstanden.

Der Handel profitiert zwar einerseits von den Mini-Münzen, da sie ihm Schwellenpreise ermöglichen, die knapp unter einem runden Betrag liegen (etwa 1,99 Euro) und suggerieren, die Produkte seien besonders günstig. Aber besonders praktisch ist das Kleinstgeld auch für die Händler nicht. Bei manchen Händlern enden die Preise daher schon jetzt auf 0 oder 5, um die Kassenabläufe zu beschleunigen.

Und was ist mit geldkulturellen Aspekten? Verehren nicht gerade die Deutschen ihr Kleingeld? Womöglich gibt es hier einen Bewusstseinswandel. Bei einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov für das „Handelsblatt“ waren 63 Prozent der Befragten für die Abschaffung der Ein- und Zwei-Cent-Münzen.

Andere Staaten beweisen längst, dass es ganz ohne die Centchen geht. Euro-Länder wie Finnland, Belgien, Irland und die Niederlande haben Rundungsregeln eingeführt, die Ein- und Zwei-Cent-Stücke überflüssig machen. Genauso verfahren mit ihren nationalen Währungen die EU-Mitglieder Dänemark, Schweden und Ungarn. Wie der Einkauf in diesem System funktioniert? Bei einem Supermarkteinkauf von 19,99 Euro muss der Käufer 20 Euro zahlen, bei 19,93 Euro wird auf 19,90 abgerundet. Zwar wittern manche Verbraucherschützer hier ein Einfalltor für Tricks zu Lasten des Kunden. Doch am Ende des Tages dürften sich Auf- und Abrundungen in etwa ausgleichen.

Also: Weg mit den kleinen Münzen! Freiheit für das Portemonnaie! Und damit wir uns richtig verstehen: Das ist kein Plädoyer für die Abschaffung des Bargelds allgemein. Bei den dahingehenden Vorschlägen mancher Ökonomen bin ich überaus misstrauisch. Da dürfte es eher darum gehen, die Macht der Notenbanken auszuweiten und ihnen die Möglichkeit zu geben, Sparer durch Negativzinsen zu enteignen, indem man ihnen den Fluchtweg Bargeldhaltung verbaut.

Bargeld ist etwas Feines. Aber nur, wenn man sich davon etwas kaufen kann.

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