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Berufsbildungsbericht Die Berufsbildung aufzuhübschen reicht nicht

Anja Karliczek (CDU), Bundesministerin für Bildung und Forschung, äußert sich bei einer Pressekonferenz zum Berufsbildungsbericht 2019. Quelle: dpa

Anja Karliczeks Berufsbildungsbericht ist einer von zahlreicher werdenden Versuchen, das Image der beruflichen Bildung zu polieren. Doch das funktioniert nur, wenn zugleich der Akademisierungswahn beendet wird.

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Die Auswahl der Bilder auf dem Titelblatt des aktuellen Berufsbildungsberichts, den Bundesbildungsministerin Anja Karliczek heute im Bundeskabinett vorstellte, ist sicher nicht zufällig. Während der Bericht des vergangenen Jahres eine Frau an einer Bohrmaschine zeigt, sieht man auf dem aktuellen gleich sechs Bilder, die ganz offensichtlich die Vielfalt der beruflichen Bildung belegen sollen: Eine Geigenbauerin, einen Azubi im Rollstuhl, eine Schneiderin, eine Hebamme, einen Winzer.  

„Dieser Bericht zeigt, wie beliebt die Ausbildung ist“, sagt Karliczek dazu in ihrem Vorwort. Nun ja, das heißt aber eben nicht, dass sie besonders beliebt ist. Wie man in den letzten Tagen wieder andernorts lesen konnte, ist die akademische Bildung mittlerweile eindeutig beliebter.

Dass im vergangenen Jahr noch einmal mehr junge Frauen und Männer einen Ausbildungsvertrag abgeschlossen haben als im Vorjahr und gleichzeitig die Betriebe mehr Ausbildungsplätze angeboten haben, liegt einerseits an der – zumindest 2018 noch – boomenden Konjunktur und andererseits an der Zuwanderung junger Migranten, die einen wachsenden Anteil der Auszubildenden stellen.

Die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge ist 2018 im Vergleich zum Vorjahr leicht gestiegen und liegt nun bei 531.400. Das Verhältnis von angebotenen Ausbildungsplätzen zur Nachfrage liegt bei 106. Es stehen also 106 Ausbildungsangebote 100 Ausbildungssuchenden gegenüber. Dementsprechend ist 2018 die Zahl der unbesetzt gebliebenen betrieblichen Ausbildungsstellen weiter gestiegen auf knapp 57.700. Besorgniserregend ist, dass zugleich auch die Zahl der unversorgten Bewerber auf etwa 24.500 stieg. Die Zahl der unter 34-Jährigen in Deutschland ohne abgeschlossene Berufsausbildung hat damit ein Rekordhoch erreicht: 2,12 Millionen. Das sind 130.000 mehr als noch im Jahr zuvor.

Ehrlicher als der zur Schau getragene Optimismus Karliczeks ist ihr Hinweis darauf, „wie schwer es für viele Betriebe ist, ihre freien Stellen zu besetzen und dafür passende Bewerber zu finden“. Die Autoren des Berichts in Karliczeks Ministerium ziehen aus diesen Zahlen die Lehre der „Notwendigkeit einer intensiveren beruflichen Orientierung und Berufsberatung“. Und in diesem Sinne sind vermutlich auch die Bilder mit eher untypischen Ausbildungsberufen auf dem Titelblatt zu verstehen. Es gehe darum, so der Bericht, dass jungen Menschen „weniger bekannte Alternativen zum Wunschberuf aufgezeigt werden, die ihrer Neigung, Eignung und Leistungsfähigkeit entsprechen“.

Karliczek hat sich erkennbar vorgenommen, die berufliche Bildung aufzuhübschen - nach vielen Jahren der sträflichen Vernachlässigung im Zeichen der bedingungslosen Akademisierungspolitik. Der aktuelle Berufsbildungsbericht ist eines von mehreren Zeugnissen dieser Werbekampagne für die berufliche Bildung. Ob sich junge Menschen davon beeindrucken lassen, ist zu bezweifeln.

Für die Autoren im BMBF gehört dazu „die Aufwertung der Gesundheits-, Erziehungs- und Sozialberufe“. Außerdem soll „mit einem Wettbewerb durch innovative Ansätze die Attraktivität, Qualität und Gleichwertigkeit der beruflichen Bildung gesteigert werden“. Darin steckt allerdings auch die implizite Annahme, dass die berufliche Bildung bislang nicht „gleichwertig“ ist.

Eine sinnvollere, nachhaltigere Politik für berufliche und akademische Bildung würde sich nicht in der oberflächlichen Image-Politur für erstere erschöpfen, sondern muss beide im Blick haben. Dazu gehörte erstens eine Modernisierung der beruflichen Bildung, wie sie hoffentlich von der Enquete-Kommission des Bundestages angestoßen werden wird, und schließlich vor allem eine grundlegende Korrektur der bisherigen Akademisierungspolitik. An den Universitäten entscheidet sich auch das Schicksal der beruflichen Bildung.

Eine Bildungspolitik, die weiterhin die Zugangshürden für Hochschulen einreißt und zugleich seit Jahrzehnten jungen Menschen den Eindruck vermittelt, dass ein lebenswertes Leben erst mit Abitur oder besser noch Studienabschluss beginnt, wird wohl kaum gleichzeitig die berufliche Ausbildung stärken können. Die berufliche Bildung wird erst dann wieder ihre bewährte Funktion als Garant für die weltweit erstklassige Qualifikation der Beschäftigten in Deutschland ausfüllen, wenn an den Universitäten wieder die wissenschaftliche Exzellenz absolute Priorität erhält. Und diese nicht mehr wie in den vergangenen Jahren de facto geschehen als – vermeintlich - bessere Berufsausbildungsstätten mit Employability-Fokus verstanden werden.

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