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Biografie der Kanzlerkandidatin Baerbock inszeniert sich zwischen staatstragend und bodenständig

Im Hinterkopf das Kanzleramt: Grünen-Chefin Baerbock bringt ein Buch in ihren Wahlkampf ein. Quelle: dpa

Annalena Baerbocks Buch ist voller persönlicher Passagen, die sie als bodenständig zeigen sollen. Mit den Erfahrungen als Familienmensch, Mutter und Sportlerin erklärt sie ihren Politikstil, der zuletzt in die Kritik geriet.

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Bücher im Wahlkampf sind immer politische Selbstinszenierung. Das gilt auch für Annalena Baerbock, erste Kanzlerkandidatin der Grünen. Die 40-Jährige hat die ersten harten Wochen der Kritik in diesem „Kampf“ gerade schon erlebt. Auf 240 Seiten im Buch „Jetzt. Wie wir unser Land erneuern“ (Ullstein-Verlag) nutzt sie die Gelegenheit, sich jenseits von Kurzstatements und ohne Filter der Medien interessierten Wählerinnen selbst vorzustellen. Entstanden ist das Buch wohl zum Teil schon vor der Entscheidung über ihre Kandidatur.

An diesem Sommertag sitzt die Grünenvorsitzende also plaudernd auf der Terrasse des Hauses der Kulturen der Welt, der ehemaligen Kongresshalle im Berliner Tiergarten. Direkt hinter ihr liegt das Grundstück des Bundeskanzleramtes. Da will sie hin. Auf der anderen Seite, auf die sie blickt, wehen eine große Europa- und eine Deutschlandfahne im warmen Wind.

Also alles eher staatstragend. Sie selbst nimmt einmal auf die flatternde Europafahne Bezug und betont, dass Deutschland und Europa wieder eine starke Stimme finden müssten, um in der Welt weiter bestehen und den Wohlstand sichern zu können.

Das Buch und die Kandidatin bewegen sich mit der Inszenierung auf schmalem Grat, das ist ihr bewusst. Einerseits setzt sie sehr gezielt und oft Häppchen aus ihrem persönlichen Leben und aus ihrer Familie ein, um sich als Politikerin darzustellen, die sehr wohl weiß, was die Menschen bewegt und wo Politik ansetzen müsse. Sie erzählt von ihrer Oma, der sie das Buch sogar gewidmet hat, von ihrer Mutter und von ihren Töchtern. Immer wieder flicht sie Alltagsepisoden ein und Häppchen aus der Kindheit, die sie in Schulenburg, 25 Kilometer südlich von Hannover verbrachte, in einem alten Haus und in einer größeren Familie, wo immer was mit anzupacken gewesen sei. „Wenn ein Nagel einzuschlagen war, habe ich das ausprobiert und dabei gelernt mitzuhelfen.“

Damit soll aus einem Mangel an Erfahrung in Ämtern, auf die die politische Konkurrenz zielt, wohl auch ein Bonus der Bodenständigkeit erzeugt werden. Andererseits betont Baerbock, das Buch sei „keine Autobiografie, sondern meine Vorstellung von den Dingen und wie wir sie in Zukunft besser machen können“. Privates solle bitte weiter privat bleiben dürfen. Es geht also um Politik.

Während die Moderatorin immer wieder auf die Person Annalena Baerbock abzielt, auf ihre Rolle als Mutter und Angriffe auf sie, die Männer so eher nicht abbekommen, will die Kandidatin andere Schwerpunkte setzen. Wirtschaft, Klimaschutz und Außenpolitik. Sie weiß, dass ihr da von politischen Gegnerinnen der meiste Wind entgegenschlägt, dass sie hier Wählerinnen wird am meisten noch überzeugen müssen.

Dabei übt sie einen Spagat zwischen Menschlichkeit und Machtbewusstsein. Den Schwachen und hier vor allem Flüchtlingen müsse man empathisch entgegentreten. „Wenn man das Leid in den Flüchtlingslagern sieht, kann man es unmöglich ganz lindern“, aber man müsse es zumindest angehen, fordert sie. Ganz anders in der Außenpolitik gegenüber Russland, China oder wenn es international um Wirtschaft und Finanzen gehe. „Dann muss man Stärke haben und zeigen“, formuliert Baerbock. „Auch wenn man oft nur die Wahl zwischen Pest und Cholera hat.“

Wie Deutschland seinen Weg in Richtung Klimaneutralität gestalte, sei die entscheidende Weichenstellung der nächsten Jahre. „Das ist industriepolitisch DIE Frage für uns“, betont sie. Damit der Wohlstand erhalten bleibe, „müssen wir uns auch technologisch ganz nach vorn bewegen“.

Weisheiten aus dem Sport

Zugleich müsse der Sozialstaat neu aufgestellt werden für die, die in diesem Wandel nicht immer Vorteile hätten und jene, die Sicherheit bräuchten im Umbruch. Offen blieb hier, wie der Staat beides – enorme Unterstützung beim Klima-Umbau der Wirtschaft und zusätzliche soziale Abfederung – leisten kann. Der Oberbegriff steht aber schon: sozial-ökologische Marktwirtschaft, ganz in Anlehnung an Ludwig Erhard und das Wirtschaftswunder im Nachkriegsdeutschland.

Baerbock lässt durchblicken, dass sie womöglich noch nicht auf alle nächsten Fragen in der Politik eine Antwort hat. Sie sagt, für sie sei Politik Teamarbeit. Streit sei gut, es müsse aber um die Sache gehen. „Wahlkampf kommt ja auch von kämpfen“, sagt Baerbock. „Ich will einen Wahlkampf mit Respekt und Anstand, nicht mit Hass und Hetze.“

Das habe sie der Sport gelehrt, blickt Baerbock auf ihre Erfahrung als Trampolinspringerin mit Turniererfahrung und als Fußballerin zurück: „Große Erfolge gehen immer nur gemeinsam.“ Damit nimmt sie zugleich ihr Team in Schutz, dem bei den um Ungenauigkeiten in ihrem Lebenslauf und um spät gemeldete Nebeneinkünfte ebenfalls Kritik zu teil wurde. Zweite Weisheit der Kandidatin aus dem Sport: „Man muss den Mut haben, immer was Neues zu wagen.“ Das könnte als Werbung für ihr Alleinstellungsmerkmal „jüngere Frau bereitet sich auf hohes Amt vor“ durchgehen.



Und schließlich formuliert sie die dritte Maxime aus dem Sport, die Baerbock nach eigenen Angaben fürs Leben in der Politik verinnerlicht hat: „Wenn es Tiefschläge gibt, wenn man Fehler macht, dann soll man draus lernen, es abhaken und was besser machen.“ Alle drei Eigenschaften wird sie im Wahlkampf brauchen.

Mehr zum Thema: PR-Profi soll Wahlkampftour von Grünen-Chefin Baerbock leiten.

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