Der lange Weg zur Arbeit Warum Stau manchmal sogar Absicht ist

Der Albtraum vieler Pendler: Stau auf dem Weg zur Arbeit, Stau auf dem Rückweg. Quelle: dpa

Nicht nur bei Unwettern ist es ein Pendler-Graus: Stau auf dem Weg zur Arbeit, Stau auf dem Heimweg. Verkehrsforscher Tobias Kuhnimhof sagt, mehr Verkehr sei nicht der Grund dafür. Und mancher Stau hat sogar einen verkehrstechnischen Sinn.

WirtschaftsWoche Online: Pendler in Deutschland verbringen viele Stunden auf den Straßen oder in Zügen – weil sie im Stau stehen, weil der Zug zu voll ist, um die Türen zu schließen. Warum dauert der Weg zur Arbeit gefühlt häufig so lange?
Tobias Kuhnimhof: Grundsätzlich ist es so, dass die Deutschen pro Tag rund 80 Minuten im Verkehr verbringen. Das ist ein Wert, der eigentlich seit Jahrzehnten in Deutschland recht stabil ist. Und das ist in etwa auch das, was wir weltweit messen. Menschen sind offenbar bereit im Durchschnitt eine gute Stunde pro Tag im Verkehr zu verbringen.

Wir sind also nicht länger unterwegs, weil einfach auch immer mehr Menschen auf den Straßen unterwegs sind? Das ist ja häufig die Annahme – gerade bei belasteten Pendlern…
Es geht in der Tat leicht nach oben, aber nur sehr, sehr langsam. Man kann jetzt nicht unbedingt sagen, dass wir dramatisch mehr Zeit im Verkehr verbringen. Insgesamt zeigt sich, dass der Alltagsverkehr in Deutschland also gar nicht mehr sonderlich stark wächst. 40 Kilometer legt der Durchschnittsdeutsche am Tag zurück.

Hat sich das Fahrverhalten von Pendlern in den vergangenen Jahren oder Jahrzehnten also tatsächlich nicht verändert?
Schon. Deutsche Pendler fahren heute weiter als vor zwanzig Jahren. Verkehrsforscher sprechen hierbei von größer werdenden räumlichen Aktionsrahmen. Dies hängt unter anderem mit der Spezialisierung der Berufe zusammen. Der nächste Job, den es von meinem Zuhause aus gibt, ist das Zahnlabor in der Straße gegenüber. Mit diesem Arbeitgeber kann ich so gut wie nichts anfangen. Also fahre ich ein wenig weiter zur Arbeit. Bei immer spezifischeren Jobprofilen ist das Jobangebot nicht mehr flächendeckend vorhanden und man muss Kompromisse finden. Häufig liegen die in weiteren Wegen. Hinzu kommt dann, dass zwei oder noch mehr berufstätige Personen in einem Haushalt im schlimmsten Fall in verschiedene Richtungen zur Arbeit fahren.

Zur Person

Dadurch dass die Gesamtmenge der Zeit, die wir im Verkehr verbringen ungefähr gleich geblieben ist, aber die Strecken länger, können wir ableiten, dass das Reisetempo der Pendler immer schneller geworden ist über die vergangenen Jahrzehnte. Nur mit höherer Geschwindigkeit erreichen wir die weiter entfernten Ziele in der gleichen Zeit.

Jetzt sagen Sie, wir seien nur schneller und gar nicht länger unterwegs als früher. Die Wahrnehmung vieler ist aber trotzdem, dass sie immer länger an ihr Ziel brauchen im Pendlerverkehr. Ist das also nur eine subjektive Wahrnehmung und so gar nicht richtig?
Also ich kenne keinen richtig guten Zahlen, die das belegen würden. Wenn wir jetzt deutliche Stauzunahmen hätten, die sich messen lassen, stellt sich zunächst einmal die Frage: Was davon ist wirklich auf zunehmenden Pendlerverkehr zurückzuführen? Eine große Zahl von Baustellen oder Unfällen sind schließlich tagtägliche Ursachen für Stau. Das ist sehr komplex.

Was sich eindeutig sagen lässt: Der Zugverkehr ist in den vergangenen zwanzig Jahren pro Person um 20 Prozent gewachsen. Das ist ein sehr massives Wachstum und das erklärt auch die volleren Züge. Das Angebotswachstum hat mit dieser Nachfrageentwicklung nicht mitgehalten. Wir haben natürlich auch nach wie vor ein Wachstum im Pkw-Verkehr. Aber das geht mehrheitlich auf den Fernverkehr zurück. Der überlagert sich natürlich auf den Autobahnen rund um und in den Ballungsgebieten auch mit dem Pendlerverkehr.

Deutschlands Stauhochburgen
Hier ist Geduld gefragt: Platz 1 bei den Stauhochburgen belegt Stuttgart - 84 Stunden verbringen Pendler in Baden-Württembergs Landeshauptstadt im Jahr zusätzlich auf der Straße. Quelle: dpa
Kurz darauf folgt Köln auf Platz 2. Pendler der Domstadt müssen 80 zusätzliche Stunden auf der Straße stehen. Quelle: dpa
Mit 78 Stunden im Stau müssen Pendler in Hamburg rechnen. Die Hansestadt belegt Platz 3 bei den Stauhochburgen. Quelle: dpa
Mit ebenfalls 78 zusätzlichen Stunden im Stau für Pendler teilt sich Frankfurt (Main) den 3. Platz mit Hamburg. Quelle: dpa
Zwei Stunden weniger müssen Pendler in München zusätzlich im Auto verbringen. Die bayrische Landeshauptstadt belegt mit 76 Stunden den 5. Platz. Quelle: dpa
Etwas besser geht es Berufspendlern in Berlin. 73 Stunden im Satu pro Jahr bringen der deutschen Hauptstadt den 6. Platz der Stauhochburgen Deutschlands ein. Quelle: dpa
Auch Pendler im Ruhrgebiet West (Duisburg-Essen) brauchen starke Nerven: Platz 7 mit 66 zusätzlichen Stunden auf dem Arbeitsweg. Quelle: dpa
Auch hier eine Geduldsprobe: Pendler in Düsseldorf müssen sich auf 65 zusätzliche Stunden auf der Straße pro Jahr einstellen. Das ergibt Platz 8. Quelle: dpa
Mit 58 jährlich durch Stau verlorene Stunden pro Pendler auf dem 9. Platz der Stauhochburgen: Bremen. Quelle: dpa
Ein entspannter Platz 10 geht an das Ruhrgebiet Ost (Bochum-Dortmund). "Nur" 56 Stunden verbringen die Pendler der Region durch Staus zusätzlich auf der Straße. Quelle: dpa

Überrascht diese Entwicklung denn oder muss man sagen, dass die deutschen Infrastruktur-Planer einfach nicht hinterher kommen?
Man könnte eher sagen, die Entwicklung wird wohl wissend so hingenommen. Wenn Menschen schneller werden, dann neigen sie dazu ihre Aktionsradien zu vergrößern. Wenn wir also die Straßen noch weiter ausbauen und den Stau beheben würden, dann würde der Verkehr noch einmal schneller werden und Menschen würden ihren Aktionsradius erneut vergrößern und wir hätten dann wieder Stau – nur auf noch höherem Niveau.

Früher wurde häufig ein Spruch zitiert: „Wer Straßen säht, wird Verkehr ernten.“ Da ist etwas Wahres dran. Verkehrsforscher sprechen hierbei von induziertem Verkehr: Überall, wo das Verkehrsnetz ausgebaut wird, weiten die Menschen ihre Handlungszone aus und der Verkehr wächst.

  • 1
  • 2
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%