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Ende der Impfpriorisierung Impfstoffversorgung „extrem unsicher und kaum planbar“

Kampf ums knappe Gut: Ab 7. Juni wird die Impfreihenfolge aufgehoben, neben Hausärztinnen wie Burgis-Michaele Heckemann, dürfen dann auch Betriebs- und Privatärzte impfen. Doch noch immer mangelt es an Impfstoff.   Quelle: dpa

Ab dem 7. Juni ist die Impfreihenfolge aufgehoben. Doch wie viele Dosen die Hersteller liefern, ist noch unklar. Die Regierung spricht von „Unsicherheiten“, Ärzte warnen vor „Resterampen“ – und Kinder müssen sich hinten anstellen.

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Tausendfach am Tag klingelt es bei der Nummer gegen den Impfkummer, der 116 117: Wie buche ich einen Impftermin? Wann bin ich endlich dran?  Kann die zweite Impfung wegen des Urlaubs vielleicht vorverlegt werden von August auf Juni?

Solche und ähnliche Fragen werden bei der bundesweiten Impfhotline seit Monaten von Bürgerinnen und Bürgern gestellt. Die Antworten: Meistens wohl unbefriedigend, denn die Hotline-Mitarbeiterinnen können nur allgemein informieren, nicht aber Termine buchen.  

Ab dem 7. Juni darf sich jeder ab 12 Jahren impfen lassen 

Rund 62 Millionen Anrufe hat es seit Jahresbeginn bisher unter der Nummer gegeben, im Vorjahr waren es gerade einmal 20 Millionen Anrufe im gesamten Jahr, erklärt die zuständige Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV). Hinzu kommen noch einmal 20.000 E-Mails unter der allgemeinen Info-Adresse.

Wenn nun am 7. Juni die Impfpriorisierung bundesweit für alle Impfstoffe aufgehoben wird, dürfte der Informationsbedarf noch einmal zunehmen. Denn dann darf sich jeder impfen lassen, auch Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren – theoretisch. Was so hoffnungsvoll klingt, dürfte praktisch für viele Impfwillige kaum möglich sein. Zumindest kurzfristig. Da hilft jetzt auch das Prinzip Windhund nicht mehr weiter. 

„Was da ist, geht sofort raus“ 

„Es gibt noch keinen Überfluss“, umschreibt Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) nach dem Impfgipfel am Donnerstagabend die Lage. „Absolute Mangelsituation“ nennt sie jemand aus Kreisen des Pharmagroßhandels, der für die Verteilung der Dosen auf die Arztpraxen zuständig ist. Vorräte gebe es nicht, „das ist alles Just-in-Time-Versorgung. Was da ist, geht sofort raus.“

Wobei das mit der „Time“ so eine Sache ist. Immer wieder müssen Praxen bereits vergebene Impftermine absagen oder verschieben, weil Hersteller doch nicht so viele Dosen liefern können, wie angekündigt. Ärgerkaskaden vom Patienten zum Arzt zum Apotheker zum Großhändler sind die Folge. Wenn nun ab dem 7. Juni auch die Betriebs- und Privatärzte mitimpfen dürfen, nimmt der Kampf ums knappe Gut nur noch weiter zu.

Ärzte warnen vor Kürzungen in den Praxen

„Es darf dadurch nicht zu Kürzungen der Liefermengen in den Praxen kommen“, warnt KBV-Vorstand Andreas Gassen vorweg. Gerade mit Wegfall der Priorisierung „brauchen die Praxen deutlich mehr und nicht weniger Impfstoff.“

Zuständig für die Verteilung ist der Bund, der die Mengen nach dem Königsteiner Schlüssel auf die Länder je nach Einwohnerzahl verteilt. Für die Impfzentren gibt es laut Gesundheitsministerium im Mai insgesamt rund 9,9 Millionen Dosen, im Juni werden es rund 12,5 Millionen Dosen sein. Von den Hausärzten, die seit der zweiten Aprilwoche in die Impfkampagne eingebunden sind, seien bisher insgesamt 12,6 Millionen Dosen verimpft worden. Fürs zweite Quartal würden insgesamt rund 68 Millionen Dosen von den Herstellern erwartet. Doch seien diese Prognosen „mit Unsicherheiten behaftet“, betont das Ministerium.

Keine Lieferangaben ab Juli – außer von Moderna

Zwar hat das Impftempo auch dank der Hausärzte inzwischen erheblich angezogen, sodass laut dem Robert-Koch-Institut inzwischen mehr als 40 Prozent der Bevölkerung eine erste Impfung erhalten haben – doch nicht nur im Juni ist die Kampagne von großen Unsicherheiten geprägt.

So hat bisher keiner der Hersteller eine Lieferprognose für das dritte Quartal abgegeben, nur Moderna für die ersten drei Wochen im Juli, teilte das Gesundheitsministerium am Donnerstag mit: „Die Hersteller sind gefordert, diese so zeitnah als möglich zu übersenden“. Erwartet würden für das zweite Quartal 2021 insgesamt mehr als 120 Millionen Dosen der bereits zugelassenen Impfstoffe – aber wie viel genau von wem wann kommt, ist eben offen.



Wünsche bitte bis dienstags um 12 Uhr 

Insbesondere die Ärzte können nur kurzfristig planen. Bis dienstags um 12 Uhr müssen sie ihre gewünschten Impfstoffmengen bei ihrer Bezugsapotheke bestellen. Die Wunschmenge wird dann an den Großhändler weitergereicht. Beliefert wird der Händler dann am Wochenende direkt von Biontech und zu Wochenbeginn über das Verteilzentrum des Bundes in der Artland-Kaserne Quakenbrück mit AstraZeneca und Johnson & Johnson.

Vom Großhandel gehen die Dosen an die Apotheken. Dass Biontech nun einen Monat im Kühlschrank gelagert werden kann bei einer Temperatur von zwei bis acht Grad Celcius (inklusive Zeit für Auftauen und Transport), erleichtert die Logistik. Am Donnerstag – manchmal auch erst am Freitag – erfahren die Praxen dann, wie viel Impfstoffe sie in der Folgewoche tatsächlich bekommen. Oft könne wegen der Knappheit nur 50 Prozent des angemeldeten Bedarfs gedeckt werden, heißt es aus dem Pharmagroßhandel. Für die Arzthelferinnen bedeutet das häufig: Absagen erteilen, Ärger ertragen.

Diese Woche gab es laut KBV für die Praxen bundesweit rund 2,7 Millionen Dosen: rund 1,6 Millionen von Biontech, etwa 500.000 von Johnson & Johnson und etwa 600.000 von AstraZeneca. Kommende Woche werden es etwa 3,2 Millionen Dosen sein: rund 2,2 Millionen von Biontech, 720.000 von Johnson & Johnson und 300.000 von AstraZeneca. Geteilt durch die rund 70.000 Kassenärzte sind das pro Praxis im Schnitt 38 Dosen beziehungsweise rund 31 Dosen – wobei ein Großteil von Biontech für anstehende Zweitimpfungen reserviert ist.

 „Das lässt den Impfturbo stocken“

Die Situation sei „enttäuschend“, sagt KBV-Chef Gassen. „Entgegen der politischen Zusagen“ sei die Versorgung „extrem unsicher und kaum planbar. Das lässt den Impfturbo stocken“. Die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte seien „keine Resterampe“, Impfstoffmengen dürften „nicht einseitig aus Beständen der Praxen gekürzt werden, um sie umzuverteilen“, warnt sein KBV-Vorstandskollege Stephan Hofmeister.



Auch für Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren, die sich ab dem 7. Juni impfen lassen können, wird es kein Sonderkontingent geben, wie Kanzlerin Angela Merkel (CDU) auf dem Impfgipfel am Donnerstagabend erklärte – was im Klartext bedeutet: hinten anstellen.

Mehr zum Thema: Bundesweit wird zum 7. Juni die Impfpriorisierung aufgehoben, haben Bund und Länder beschlossen. Damit werden falsche Erwartungen geweckt, warnen Hausärzte. Sie fürchten Chaos – auch wegen des digitalen Impfausweises.

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