Energiewende Pragmatismus statt Perfektionismus: Mit fünf Punkten gegen Putin

Unternehmer Max Viessmann fordert eine smarte Industriepolitik. Quelle: imago images

Klimakrise, Corona und jetzt der Krieg: Deutschland steht vor einer Jahrhundertaufgabe – auch mit Blick auf die Energieversorgung. In nur 20 Monaten soll der Heizungsindustrie ein großer Strukturwandel gelingen. Ein Gastbeitrag von Unternehmer Max Viessmann.

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Es sind besorgniserregende Zeiten, in denen wir aktuell leben. Uns droht eine weltweite Klimakrise, dazu die anhaltende Coronapandemie und nun der brutale Überfall Wladimir Putins auf die Ukraine. Bundeskanzler Olaf Scholz sprach zu Beginn des Konflikts von einer „Zeitenwende“ und bringt es damit auf den Punkt. Nicht nur im Hinblick auf die geopolitische Lage – sondern insbesondere auch, wenn es um die Versorgungssicherheit geht.

Schmerzlich erkennen wir, wie wenig selbstverständlich ein gesundes Klima, global funktionierende Lieferketten, stabile sicherheitspolitische Verhältnisse oder gar eine gesicherte Energieversorgung sind. All diese Faktoren betreffen uns ganz persönlich und appellieren an unsere Verantwortung.

Als Familienunternehmer stellt sich mir diese Verantwortung in mehrerlei Hinsicht ganz konkret. Zum einen: Wie stellen wir in dieser Unsicherheit die soziale Verantwortung für die direkten und indirekten Mitarbeiter:innen sicher? Zum anderen: Welchen Beitrag können wir als Unternehmen leisten, um unsere Gebäude noch schneller zu dekarbonisieren und uns von geopolitischen Abhängigkeiten zu befreien.

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Die deutsche Heizungsindustrie steht für 19 Milliarden Euro direkte und gut 80 Milliarden Euro indirekte Wirtschaftsleistung, für 80.000 direkt und rund eine Million indirekt Beschäftigte. Sie hat ähnlich wie die Automobilindustrie einen Strukturwandel zu bewältigen – mit einem feinen Unterschied: Während der Autobranche bis zum geplanten Verbrenner-Aus 2035 noch 13 Jahre bleiben, werden der Heizungsindustrie durch den Koalitionsausschuss vom 23. März 2022 lediglich 20 Monate eingeräumt. Denn ab dem 1. Januar 2024 soll möglichst jede neu eingebaute Heizung zu 65 Prozent mit erneuerbaren Energien betrieben werden.

Die Ampelkoalition will zugleich einen Rahmen dafür schaffen, dass Eigentümerinnen und Eigentümer von Immobilien ihre über 20 Jahre alten Heizungsanlagen erneuern, das Gaskesselaustauschprogramm soll dafür optimiert werden. Bei Industrie, Handwerk und Privathaushalten will die Regierung eine Wärmepumpen-Offensive starten.

Wir tun alles dafür, damit dieser Wandel möglich wird. Wir investieren Millionen Euro in unsere Entwicklungs- und Produktionskapazitäten, bilden gemeinsam mit unseren Partnerunternehmen Tausende Handwerker:innen in den neuen, erneuerbaren Technologien weiter. Allerdings müssen die politischen Entscheidungsträger auch den Rahmenbedingungen Rechnung tragen. Hier müssen wir alle zusammenarbeiten, fünf Punkte sind entscheidend:

1. Menschen begeistern

Nur wenn Menschen hinter den von der Politik forcierten Lösungen stehen, kann die Wärmewende gelingen. Dafür müssen wir sie mitnehmen. Wir brauchen Begeisterung in der Bevölkerung, einen Beitrag leisten zu wollen.

2. Wertschätzung des Zukunftsjobs Fachhandwerker

Um die Wärmewende in der noch größeren Dimension und in noch kürzerer Zeit bewältigen zu können, wird es entscheidend sein, wie viele Menschen wir für das Fachhandwerk gewinnen können. Wir brauchen pragmatische Weichenstellungen, insbesondere für die Weiterbildung aus angrenzenden Berufsfeldern, zum anderen eine weitsichtige Migrationspolitik sowie ein öffentliches Hervorheben der Bedeutung und der langfristigen Chancen des Berufsfeldes.

3. Den Lösungsraum voll ausschöpfen

Alles, was uns jetzt hilft – so klein die Lösung auch sein mag –, die energetische Abhängigkeit zu reduzieren und gleichzeitig einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten, muss jetzt Teil des Lösungsraums werden. In der Heizungsindustrie gilt das Spektrum Maximallösung Wärmepumpe über Solarthermie und Fernwärme bis hin zu digitalen Maßnahmen, die kurzfristig die Energieeffizienz steigern können.

4. Schluss mit ideologischen Diskussionen

In der jetzigen Situation ist es völlig unangemessen, weiter auf Deutungshoheit zu pochen. Nein, wir werden leider nicht kurzfristig mit erneuerbaren Energien 100 Prozent unseres Primärenergiemixes abdecken können. Und ja, die erneuerbaren Energien sind ein wesentlicher Schlüssel für die Steigerung der Unabhängigkeit Deutschlands und der EU. Und ja, dabei wird Wasserstoff, insbesondere grüner Wasserstoff, ein wichtiger Hebel sein. Aber auch der wird nicht primär in Deutschland produziert werden, und die Kostenstruktur wird unter einer reglementierten Nachfrage leiden. Was jetzt zählt, sind pragmatische Lösungen. Energiepartnerschaften, die lösungsorientiert funktionieren, und vor allem Ehrlichkeit darüber, was möglich ist und was nicht.

5. Smarte Industriepolitik

Wenn US-Präsident Joe Biden vor der EU das Angebot macht, amerikanische Wärmepumpen an Europa zu liefern, dann hat das nicht nur etwas mit ernst gemeintem Support zu tun, sondern auch mit klaren industriepolitischen Absichten. Die Heizungsindustrie in Deutschland und der EU ist stark. Wir müssen jetzt diese Stärken stärken und die Kapazitäten sowie das Angebotsportfolio sofort ausweiten, anstatt die nächsten geopolitischen Abhängigkeiten zu schaffen.

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Die vor uns liegende Jahrhundertaufgabe wird uns allen alles abverlangen. Lassen Sie uns dafür jetzt unsere Kräfte bündeln, um gemeinsam mit allen gesellschaftlichen Akteuren unseres Landes die Zeitenwende zu einem Erfolg zu machen. Es gibt viel zu tun, lassen Sie uns anfangen!

Jetzt anhören: Max Viessmann, Co-CEO der gleichnamigen Heizungsdynastie, im Podcast Chefgespräch

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