Exklusive Studie: Industriejobs ade? Welche Branchen Stellen abbauen – und welche Mitarbeiter einstellen
Ein Stahlarbeiter von Thyssenkrupp in Duisburg: Seit 2019 wurden in der deutschen Industrie zehntausende Stellen abgebaut.
Foto: Rolf Vennenbernd/dpaDie einen halten sie für real, die anderen für Hysterie. Die These von der Deindustrialisierung Deutschlands entzweit die Ökonomen und erhitzt die Gemüter. Während die Warner angesichts der Krise in der Autoindustrie und in den energieintensiven Branchen das Ende des Industriestandorts Deutschland nahen sehen, betrachten die beschwichtigenden Stimmen die Entwicklung als Teil des normalen Strukturwandels, der durch neue Technologien und veränderte Faktorpreisverhältnisse ausgelöst wird.
Nun klinkt sich der Verband forschender Pharmaunternehmen (VfA) in die Diskussion ein. In einer aktuellen Studie, die der WirtschaftsWoche vorab vorliegt, haben die Ökonomen des Verbands untersucht, wie sich die Beschäftigung in der Industrie in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten entwickelt hat. Dazu haben die Autoren Daten des Statistischen Bundesamts ausgewertet. Es zeigt sich, dass es in einigen Branchen zu herben Jobverlusten gekommen ist, während andere ihr Personal aufstockten. Vor allem die besser zahlenden Industriebranchen stellten zusätzliche Mitarbeiter ein.
„Viele Beschäftigungsverluste wurden in der Vergangenheit mit höherwertiger Beschäftigung in anderen Industriebranchen kompensiert“, sagt Claus Michelsen, Geschäftsführer Wirtschaftspolitik beim VfA und Co-Autor der Studie. Dieses Muster könnte sich in Zukunft fortsetzen. „Der Wandel ist natürlich eine Herausforderung für einzelne Branchen und Beschäftigte, aber er lässt sich gestalten“, so Michelsen.
Nimmt man die mehr als zwei Jahrzehnte von 1996 bis 2019 ins Visier, erscheint die Entwicklung wenig dramatisch. Die Anzahl der Beschäftigten in der Industrie hat sich der Studie zufolge insgesamt kaum verändert. 2019 waren dort 7,5 Millionen Menschen beschäftigt – so viele wie 1996. Allerdings hat sich die Beschäftigungsstruktur zwischen den einzelnen Sektoren verschoben. So wurden in der Holz- und Papierindustrie sowie der Textilindustrie insgesamt knapp 400.000 Arbeitsplätze gestrichen. Der Maschinen- und der Fahrzeugbau sowie die Lebensmittelbranche haben hingegen ihren Personalbestand erhöht.
Seit 2019 hat sich die Situation jedoch eingetrübt. Zehntausende Stellen im verarbeitenden Gewerbe wurden seither abgebaut. Nach dem kräftigen Einbruch im ersten Pandemie-Jahr hatte sich die Beschäftigung in der Industrie nur teilweise erholt. 2023 nahm die Anzahl der Beschäftigten laut Statistischem Bundesamt leicht zu. Aktuell liegt die Anzahl der Industriearbeitsplätze noch immer unter dem Niveau vor der Coronapandemie.
Dabei hat sich die Beschäftigungsstruktur gewandelt. „Seit 2019 sehen wir einen neuen Zyklus der technologischen Veränderung“, sagt Michelsen, der zuvor die Abteilung Konjunkturpolitik am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) leitete. Beispielsweise treibe in der Automobilindustrie die Umstellung auf Elektroantriebe den Wandel. Die energieintensiven Branchen müssten sich strukturell an höhere Energiepreise anpassen.
Mit der Automobilindustrie hat in den vergangenen Jahren eine Branche Stellen abgebaut, die die Beschäftigung in Deutschland jahrzehntelang stabilisiert hatte. Im Juli 2018 waren noch 842.000 Menschen in der Branche angestellt. Bis Anfang 2022 wurden 70.000 Stellen abgebaut, seitdem stieg die Zahl nur leicht um 10.000 Beschäftigte. Auch die energieintensiven Branchen, zu denen neben der Chemieindustrie unter anderem Glas- und Keramikhersteller zählen, haben Arbeitsplätze abgebaut.
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Einen breiten Trend zum Beschäftigungsabbau, der alle Industriebranchen betrifft, finden die Studienautoren jedoch nicht. So ist die Anzahl der Beschäftigten in der Pharmaindustrie, deren Unternehmen der Verband vertritt, den Daten zufolge in den vergangenen Jahren stetig gewachsen – wenn auch auf vergleichsweise niedrigem Niveau. „Es gibt wieder Branchen, die den Abbau kompensieren können“, sagt der VfA-Forscher. Dazu zählten neben der Pharmabranche auch High-Tech-Bereiche wie IT oder der spezialisierte Maschinenbau.
Vor allem die Branchen, die hohe Gehälter zahlen, stellen Mitarbeiter ein – wie neben der Pharma- auch die Elektroindustrie. Eine Ausnahme ist hier der Fahrzeugbau. Die Autobauer zahlen zwar gut, bauen jedoch Arbeitsplätze ab. Insgesamt hat der Stellenabbau in der Autoindustrie nach Berechnung des VfA zwischen 2019 und 2023 zu Einkommensverlusten von mehr als vier Milliarden Euro geführt. Der Stellenaufbau in der Pharmaindustrie glich etwa ein Viertel dieses Betrages aus. In der Lebensmittelindustrie, in der die Gehälter niedrig sind, haben die Unternehmen in den vergangenen Jahren ihren Personalbestand zudem ausgeweitet.
Insgesamt belege die Studie einen Trend zugunsten höherwertiger Jobs, sagt Michelsen: „Industriebeschäftigung wird dort aufgebaut, wo gute Löhne gezahlt werden und hohe Qualifikation nachgefragt wird.“ Für die Zukunft erwartet Michelsen bei der Industriebeschäftigung insgesamt weiter Schwierigkeiten. Das liege auch am Fachkräftemangel. Vielen Industriebetrieben werde es schwerfallen, geeignete Arbeitskräfte zu finden. Der Forscher sieht deshalb die Bundesregierung in der Pflicht: „Die Politik sollte Bereiche stärken, in denen Innovationskraft und Produktivität hoch sind. Das gilt auch für die Weiterbildung.“
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