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Flut-Spenden „Unterversicherten die Existenz zu retten, ist nicht ungerecht“

Quelle: Thomas Häfner/Malteser

500 Millionen Euro Spenden können gemeinnützige Organisationen an die Opfer der Flutkatastrophe in Deutschland vergeben. Welche Rolle dabei Vermögenslage, Versicherungsstatus und Missbrauchskontrolle spielen, erklärt einer der erfahrensten deutschen Nothilfe- und Katastrophen-Manager, der Malteser-Flutbeauftragte Ingo Radtke.

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WirtschaftsWoche: Herr Radtke, mehr als eine halbe Milliarde Euro privater Spenden sind nach der Flut in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen bei den Hilfsorganisationen eingegangen. Wie sorgen Hilfsorganisationen wie die Malteser für Fairness und Transparenz bei der Verteilung dieser Gelder?
Ingo Radtke: Bei der Soforthilfe zahlen wir pro Haushalt 2500 Euro als Handgeld aus, damit Menschen, denen das Wasser den kompletten Hausrat zerstört hatte, die Dinge bezahlen können, die ihnen im Moment nach ihrem eigenen Ermessen am meisten weiterhelfen. Bei der Ermittlung der Betroffenen stimmen wir uns eng mit den Ortsbürgermeister/innen ab, da diese am ehesten wissen, wer in ihrer Gemeinde betroffen ist. Außerdem tauschen wir uns zwischen den Hilfsorganisationen aus, um uns einerseits nicht zu doppeln, andererseits alle Orte abzudecken.

Werden auch Schäden an Gebäuden bis hin zum Totalverlust aus Spendengeldern bezahlt?
Ja, denn wer keine Elementar-Versicherung hat, kriegt vom Bund nur 80 Prozent der Kosten ersetzt, um Haus und Hof wieder herzurichten. Wir kümmern uns, wenn Bund und Land und Versicherung gezahlt haben und trotzdem eine Lücke bleibt zur Vollfinanzierung des Schadens. In der Zwischenzeit müssen wir uns darum kümmern, dass insbesondere für die Menschen, deren Wohnung nicht winterfest gemacht werden kann, vernünftige Unterkünfte beschafft werden.

„Wir nehmen alle Anträge gründlich unter die Lupe“

Ingo Radtke, 66, ist derzeit Fluthilfekoordinator der Malteser in Deutschland. Der frühere Generalstabsoffizier der Bundeswehr führte ab 1999 den Malteser-Auslandsdienst und war von 2005 bis 2020 Generalsekretär von Malteser International. Er leitete unter anderem Nothilfeeinsätze nach dem Krieg im Kosovo, nach dem Tsunami in Asien 2004/2005, nach dem Erdbeben in Haiti 2010 sowie während der Flüchtlingskrise im Nahen Osten und in Europa seit 2015. Quelle: Frank Lütke/Malteser

Welche Rolle spielt dabei die Vermögenslage der Geschädigten und andere Faktoren?
Die Unterstützung beim Wiederaufbau soll zügig auf den Weg gebracht werden. Dennoch nehmen wir alle Anträge gründlich unter die Lupe. Bei den weiterführenden Anträgen wird die Lage des Hauses einbezogen, die Antragssteller müssen ihre Vermögenslage offenlegen. Um die genauen Bedarfe zu ermitteln, müssen zunächst eventuelle Versicherungsleistungen und die staatlichen Hilfen berücksichtigt werden. Bei dem verbleibenden Eigenanteil können wir dann gemäß der gesetzlichen Vorgaben unterstützen. Hierzu können die Betroffenen einen Antrag auf Unterstützung aus Spendengeldern stellen.

Wer noch was auf der hohen Kante hat, bekommt also weniger Hilfe?
Die Prüfung des Antrags beginnt immer mit einer Bedürftigkeitsprüfung, das heißt. wir müssen feststellen, ob es für die Betroffenen zumutbar ist, alles oder zumindest einen Teil der Restfinanzierung aus eigenem Vermögen zu leisten. Letztlich ist das eine Frage der Solidarität mit den Schwächeren, die ohne Unterstützung nicht klar kommen können.

Was sagen Sie Betroffenen, die sich im Vergleich zum Nachbarn ungerecht behandelt fühlen bei der Vergabe der Spendenmittel?
Natürlich versuchen wir alle, die Hilfen gerecht an die Betroffenen zu verteilen. Dafür werden auch alle Instrumente und Prüfungen eingesetzt, die sinnvoll sind.

„Zu sagen, Ihr bekommt nichts, weil Ihr keine Versicherung habt, wäre total zynisch“

Aber mancher hat jahrelang für eine teure Elementarschadenversicherung bezahlt, die ihn nun vor horrenden Kosten rettet – und dem unversicherten Nachbarn zahlen die Malteser den Wiederaufbau von Haus und Hof.
Die Frage nach der Versicherung stellen wir uns nicht, weil es um Bedürftigkeit geht. In einem Ortsteil von Bad Neuenahr zum Beispiel habe ich mit einem jungen Ehepaar gesprochen. Die Leute haben mit viel Eigenleistung gerade ihr Haus gebaut, müssen ihr Baudarlehen abbezahlen – und nun ist es nach der Überflutung schwer beschädigt. Denen zu sagen: Ihr bekommt nichts, weil ihr keine Elementarschadenversicherung habt, das wäre total zynisch. Zur Solidarität gehört, dass wir denen helfen, die die Finanzierungslücke nicht schließen können.

Manche Ökonomen finden es grundsätzlich ungerecht, dass die einen Hausbesitzer auf eigene Kosten selbstverantwortliche Versicherungs-Vorsorge betreiben, die anderen aber mit Staat und Spenden am Ende aber genauso gestellt werden, als hätten sie diese Versicherung auch abgeschlossen.
Einer unterversicherten Familie die Existenz zu retten, das ist nicht ungerecht, nur weil nebenan jemand diese Rettung nicht nötig hat. Gerade weil in schicksalhaften und existenziellen Situationen nach einer Naturkatastrophe die üblichen Maßstäbe und Systeme nicht ausreichen, geben Menschen doch Geld für andere. Die Spender erwarten, dass wir ihr Geld mit Verstand und kontrolliert weitergeben – aber auch mit Herz. Die Spender würden uns zurecht verurteilen, wenn wir die Unversicherten mit dem Hinweis „selber schuld“ von der Spendenzuwendung ausschlössen.

Im Kern wollen wir dafür sorgen, dass obdachlos gewordene Menschen wieder ein Dach über dem Kopf haben und ihre Lebensqualität wieder erreichen können. Das schließt auch Zusatzkosten ein, die zu einem besseren Schutz in der Zukunft beitragen, wie zum Beispiel für eine Rückstauklappe, die beim nächsten Hochwasser den Keller trocken hält. Wenn zum Haushalt ein Gehbehinderter gehört, dann bezahlen wir auch den Treppenlift, auch wenn es vorher keinen gab. Allerdings ist es zumutbar, dass jemand kleiner baut, wenn das Haus besonders groß war und den aktuellen Lebensverhältnissen nicht mehr entspricht.

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