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Friedrichshafen Und der Oberbürgermeister behält doch Recht…

Andreas Brand Quelle: Stadt Friedrichshafen

Andreas Brand ist Oberbürgermeister der Stadt Friedrichshafen, der 93 Prozent des Maschinenbauers ZF gehören. Vor drei Jahren verhinderte er die Übernahme des US-Bremsenbauers Wabco – und behält damit bis heute Recht.

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Deutschlands Presselandschaft überschlug sich, als der Oberbürgermeister einer schwäbischen Provinzstadt den Vorstandschef des ortsansässigen 36,5-Milliarden-Konzerns aus dem Sattel hob. Als Oberbürgermeister vertritt Andreas Brand, 56, die Eigentümerinteressen der Stadt Friedrichshafen, der über die Stiftung Zeppelin 93,8 Prozent an dem drittgrößten deutschen Maschinenbauer ZF gehören. Und er fand, der geplante Zukauf sei zu teuer, die ZF zu überschuldet. Damals war die Häme groß, aber im Jahr drei nach dem Kraftakt behält Brand auf ganzer Linie Recht: Die damals verhinderte Übernahme des US-Bremsenbauers Wabco wurde jetzt durchgezogen, und zwar zu einem deutlich niedrigeren Preis. Das Thema ist in Friedrichshafen noch immer so toxisch, dass Brand sich jegliche Frage dazu verbittet. Aber es gibt genug zu besprechen – etwa, wie die Coronakrise der erfolgsverwöhnten Stadt zusetzt. Wie sie mit ihren üppigen Sozialprogrammen vom Erfolg des Unternehmens abhängt. Und wie Brand mit einem richtigen Schachzug in Sachen Dividende schaffte, eine Rücklage für schlechte Zeiten anzusparen.

WirtschaftsWoche: Wie geht es derzeit in Friedrichshafen?
Andreas Brand: Die Lage ist sehr angespannt. Die Coronakrise erwischt gerade die größeren Betriebe sehr. Aktuell gibt es 37000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in Friedrichshafen, 20 Prozent mehr als noch vor zehn Jahren. Von denen sind knapp 40 Prozent aktuell in Kurzarbeit. Bei der Einwohnerzahl von 62000 Menschen ist ein gutes Drittel aller Menschen in Friedrichshafen betroffen. Das wird sichtbar im Verkehr und am Leben in der Stadt. Wir spüren die Lage auch bei der Gewerbesteuer – hier erhalten wir aktuell nur 50 Prozent der geplanten Summe. Auch die Arbeitslosenzahl ist auf 3,2 Prozent im Juni gestiegen im Vergleich zu 1,1 Prozent im Vorjahresmonat. Corona ist immer noch da. Die wirtschaftlichen Folgen werden uns über das Jahr hinweg massiv begleiten. Die Unternehmer, ob klein oder groß, müssen das durchstehen.

Was ist Ihre Perspektive für nächstes Jahr? Schaffen wir ein V, wird es ein U oder sogar ein Wurzelzeichen?
Es ist zu früh zu sagen, dass es jetzt wieder nach oben geht – sowohl für die Wirtschaft vor Ort und im Land, bei der Stadt wie auch bei der Stiftung. Da fehlt das Fleisch am Knochen, um das seriös und belastbar beschreiben zu können.

Wie wichtig ist ZF für Friedrichshafen?
Die Stadt, eine im Grunde oberschwäbische Kleinstadt am Bodensee, ist nur durch Graf Ferdinand von Zeppelin das geworden, was sie heute ist. Sie ist eine Wiege der Mobilität zu Luft, zu Lande und zu Wasser. Von hier flog man mit dem Luftschiff in drei Tagen nach New York. Von Bedeutung sind die Arbeitsplätze und damit Einkommenssteuer – und Gewerbesteuereinnahmen – hier am Standort arbeiten knapp 10000 Menschen bei ZF, bei Zeppelin selbst etwa 550. Das sind schon Größenordnungen, die eine starke emotionale Bindung bringen. Die Zeppelin-Stiftung als Eigentümerin profitiert darüber hinaus von den Gewinnen, die die Stiftungsunternehmen ZF und Zeppelin erwirtschaften. Dank der Stiftung können wir uns viele Dinge im Bereich der kulturellen und sozialen Infrastruktur, wie Kindertagesstätten, Jugendhilfe und Krankenhaus leisten - alle satzungsgemäß Zwecke der Stiftung im gemeinnützigen und mildtätigen Bereich. In einer Stadt unserer Größenordnung von 60000 Einwohnern ist das einzigartig.

Wie kam es, dass die Stadt Eigentümer des größten Unternehmens am Ort wurde?
Graf Zeppelin selbst verfügte, dass das Vermögen der Zeppelin Stiftung an die Stadt Friedrichshafen fallen soll, wenn der Betrieb von Berufsschifffahrt nicht mehr möglich ist. Das war 1947 der Fall, die Stiftung wurde daher an die Stadt übertragen. So wurde die Zeppelin Stiftung zum Sondervermögen der Stadt Friedrichshafen. Dabei war der Graf auf der anderen Seite des Sees in Konstanz geboren. Seine Vision war, vom See aus Luftschiffe starten zu lassen, doch die Konstanzer haben ihm kein Grundstück am See gegeben. Dann war es der württembergische König, der ihm am westlichen Stadtrand seiner Sommerresidenz Friedrichshafen ein Grundstück gab. Und dort fand dann auch der legendäre Erstflug statt. Dass der Konstanzer in Friedrichshafen sesshaft wurde, war also die glückliche Fügung. Hier hat er auch alle seine Unternehmen gegründet. So erklärt sich, dass wir mitten in der Stadt Industriebetriebe haben. Der Luftschiffbau damals war die Keimzelle.

Leidet Friedrichshafen aktuell doppelt? Neben der Coronakrise macht der ZF die Strukturkrise der Autobranche zu schaffen.
Die Branche war schon vor der Coronakrise in einem Transformationsprozess hin zur Elektromobilität und zum automatisierten Fahren. Diesen Trend gestaltet ZF mit zwei großen, guten Zukäufen zum jeweils richtigen Zeitpunkt maßgeblich mit. Der Umsatzanteil des Verbrennungsmotors macht bei ZF jetzt nur noch 30 Prozent aus. Im Moment beutelt es alle Fahrzeughersteller und Automobilzulieferer. Sie sind massiv betroffen von Umsatzrückgängen und Arbeitsplatzabbau, wenngleich das bei der ZF sehr sozialverträglich von den Tarifpartnern verantwortet wird. Die Tarifpartner reden und streiten miteinander, aber die Gespräche sind schon immer geprägt davon, gemeinsam Lösungen zu finden.

Wie schätzen Sie das Klumpenrisiko für Friedrichshafen ein?
Das ist schon enorm. Von 37000 sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten sind etwa 12000 unmittelbar Mobilitätskonzepten, Luft- und Raumfahrt sowie Motoren, Turbinen und Aggregate tätig. Es ist interessant mit dem Cluster: Es hängt natürlich davon ab, wo im Zyklus man sich befindet. Im Aufschwung ist ein Cluster gut. In der Krise weniger.

Ist selbst ein Cluster in der Krise besser als nie ein Cluster gehabt zu haben?
Natürlich! Friedrichshafen wäre ohne die Zeppelin-Stiftung nicht das Friedrichshafen, das wir lieben. Was hätte Friedrichshafen an Infrastruktur, an Kultur oder an Sozialleistungen, wenn Graf Zeppelin doch in Konstanz das Grundstück bekommen hätte? Dann hätten wir kein Zeppelin Museum und wahrscheinlich auch ein deutlich kleineres Graf-Zeppelin-Haus als Veranstaltungsort. Viele der Leistungen im gemeinnützigen und mildtätigen Bereich müssten wir streichen oder aus dem städtischen Haushalt stemmen – sei es für Bedürftige die Zuschüsse zu Wasser- und Stromrechnungen, verbilligte Eintritte oder Weihnachtsaktionen.

Und was ist da konkret in Gefahr?
Unsere Haushalte sind klar getrennt zwischen Stadt und Stiftung. Aber bei beiden werden die Einnahmen deutlich sinken. Alle Pflichtaufgaben der Stadt werden aus dem städtischen Haushalt finanziert, auf der anderen Seite steht der Stiftungshaushalt für Gemeinnütziges und Mildtätiges, der wesentlich aus der Dividende der Stiftungsunternehmen finanziert wird. Die ausgeschütteten Dividenden waren in den vergangenen Jahren robust, so dass wir Rücklagen bilden konnten. Die helfen uns jetzt durch die Krise. In 2017 und 2018 konnten wir mit je 85 Millionen Dividenden in der Zeppelin-Stiftung planen, der Rest ging in die Rücklage. Mit 74 Millionen ist fürs vergangene Jahr ist schon etwas weniger geplant. Wir alle brauchen keine Propheten zu sein, um zu ahnen, dass diese Dividenden für die nächsten Jahre deutlich weniger werden.

„Plan war, innerhalb von fünf bis zehn Jahren ein Vermögen von einer Milliarde Euro anzusparen“

Wie viele Rücklagen haben Sie in der Stiftung denn gebildet? Sie haben das ja 2017 sehr plakativ mit einem Sparschwein illustriert.
Wir haben zweckgebundene Rücklagen in der Summe von 300 Millionen Euro gebildet. Die Initiative zu diversifizieren, begann schon vor meiner Zeit in den Jahren 2006 und 2007. Plan war, innerhalb von fünf bis zehn Jahren ein Vermögen von einer Milliarde Euro anzusparen. Die Kapitalerträge aus diesem Vermögen sollten dann neben den Dividenden zur Finanzierung von gemeinnützigen und mildtätigen Zwecken dienen. Warum das so lange gedauert hat? Weil es erst 2014 eine Gesetzesnovelle gab, die es uns erlaubte, so eine Rücklage zu bilden. Auf unsere Rücklagen erzielten wir vergangenes Jahr eine Rendite von 5,6 Prozent. Mit seriösen Anleihen – nichts mit riskanter Spekulation. Dieses Jahr kommen wir noch ganz gut durch die Krise. Den Wertverlust seit März haben wir bis auf einen halben Prozentpunkt nahezu ausgeglichen. Aber dank dieser Möglichkeit haben wir jetzt glücklicherweise etwas im Sparschwein.

2016 wurde die Dividendenpolitik geändert. Sie wurden für diesen Eingriff in die Unternehmensgeschicke ganz schön angegangen. Fühlen Sie sich jetzt in der Krise bestätigt?
Das war eine sehr bewegte Zeit. Wir haben als Eigentümer nie in das Unternehmen eingegriffen. Ziel war, die Beziehung als Eigentümer komplett über die Dividende klarer und eindeutig zu strukturieren. Das haben wir auch erreicht.

Damals wurde kritisiert, Sie würden zu viel Geld aus dem Unternehmen abgreifen. Jetzt enden Sie mit deutlich weniger.
Früher war die Dividende ein Fixbetrag – in den vergangenen Jahren meist 50 Millionen Euro. Jetzt fluktuiert sie mit den Unternehmensergebnissen – wir erhalten stets 18 Prozent des Nachsteuergewinns. Mit einem Blick in die in die Bilanz wissen wir schwarz auf weiß, wie viel das ist. Dieses atmende Prinzip ist uns wichtig. In den letzten Jahren haben wir mit den Überschüssen nicht nur viel investiert, wir haben auch gut gewirtschaftet. Die Stiftung ist schuldenfrei, und hat die 300 Millionen Rücklagen. Der städtische Haushalt hat von der positiven Entwicklung der vergangenen 15 Jahre profitiert, wir konnten unsere Schulden abbauen auf nur noch sieben Millionen Euro. Das ist ein respektabler Wert.



Führt diese Strategie jetzt zu Beschwerden? Jetzt müssen Sie den Gürtel enger schnallen.
Wir können nur das verteilen, was vorher erwirtschaftet wurde. Was die 10000 Mitarbeiter in Friedrichshafen und 160.000 Mitarbeiter weltweit erwirtschaften, wird zunächst in den Unternehmen investiert und fließt zu einem geringen Teil über die Dividende an die Eigentümer – die Zeppelin-Stiftung und Ulderup-Stiftung. Auch die Zeppelin-Stiftung kann nur das leisten, was vorher in den Unternehmen geleistet wurde. Wir haben aktuell den städtischen und den Stiftungshaushalt pauschal gekürzt, auch beim Personal. Zukunftsprojekte wie das Innovationszentrum RITZ, den Tunnel für die Umgehungsstraße B31 und Kindergärten finanzieren und bauen wir weiter. Wir investieren in den Ausbau der Schieneninfrastruktur und über unseren Stadtverkehr in eine neue Busflotte.Aber wenn die Zukunft von Arbeitsplätzen ungewiss ist, kann man im Haushalt keine Kür einplanen.

Waren Sie enttäuscht, dass Berlin sich nicht zu einer Kaufprämie für Autos durchringen konnte?
Als Eigentümervertreter habe ich persönlich die Entscheidung aus Berlin nicht verstanden. Eine klug konzipierte Neustart-Prämie, wie sie die IG Metall konzipiert hat, hätte Signale gesetzt. Immerhin ist es jetzt entschieden. Aber für mich hat es schon Fragen aufgeworfen, ob die Automobilindustrie noch im Bewusstsein der Bundespolitik die Bedeutung hat, die sie für die Menschen, für die Arbeitsplätze und für die Wirtschaftskraft Deutschlands hat. Das hat bei mir schon bisschen gewackelt. Mein Eindruck ist, dass das Standing der Automobilindustrie ein anderes geworden ist.

Achten die Wähler in Friedrichshafen wegen der Sonderstellung darauf, dass sie einen Bürgermeister wählen, der Sachverstand mitbringt und sich in solch einer Aufsichtsratssitzung gut behaupten kann?
Der vorherige Oberbürgermeister hat als Lehrer eine andere Qualifikation und Schwerpunkte mitgebracht als ich mit meinem Verwaltungsstudium. Bei allen Unterschieden: Mein Vorgänger hat seine Funktionen wahrgenommen, genau wie ich heute. Letztlich entscheidet die Persönlichkeit und die Frage, ob man als Wähler der Person vertrauen will. Ich hoffe, dass ich mir schon eine Reputation aufgebaut habe. In den elf Jahren seit meiner ersten Wahl zum OB habe ich viel Wissen und Kompetenz aufgebaut. Nicht allein, sondern im Team mit externer und interner Unterstützung. Wir sind hier professionell aufgestellt und haben eine eigene und gut funktionierende Beteiligungsverwaltung.

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