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Hackerangriff Bundeswehr muss erstmals Cyber-Amtshilfe leisten

Bildschirme im militärischen Organisationsbereich Cyber- und Informationsraum einer Bundeswehr-Kaserne (Symbolbild) Quelle: imago images

Nach einem Hackerangriff im Landkreis Anhalt-Bitterfeld muss die Bundeswehr erstmals Cyber-Amtshilfe leisten. Mehr als 100 Verwaltungsleistungen funktionieren noch immer nicht. Bundeswehr und Landkreistag rechnen mit einer Häufung solcher Einsätze.

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Wenn die Bundeswehr um Amtshilfe gebeten wird, dann geht es oft um Spezialgeräte, Logistikexpertise und eine rasche Aufstockung der Helferzahl, so wie aktuell etwa bei der Pandemie und der Flutkatastrophe in Westdeutschland. 

Nun aber ist die Bundeswehr zu einem besonderen Einsatz in den Landkreis Anhalt-Bitterfeld gerufen worden: Das IT-System der Kreisverwaltung muss nach einem Hackerangriff quasi gerettet werden. Cyber-Amtshilfe, das hat es durch die Bundeswehr bisher nicht gegeben.

Bereich Wahlen war vom Angriff betroffen 

Doch einen Monat nach dem Angriff sind in Anhalt-Bitterfeld mehr als 100 Verwaltungsvorgänge noch immer nicht möglich. Bauanträge etwa können nicht bearbeitet, Fahrgenehmigungen nicht erteilt werden, sagt ein Sprecher. Die Server der Verwaltung waren mit Schadsoftware infiziert, Daten verschlüsselt worden. Auch der Bereich Wahlen war betroffen.

Eine Lösegeldforderung der Angreifer hatte der Landkreis abgelehnt, der Landrat rief am 9. Juli den Katastrophenfall aus. Ein Team vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) war mehrfach vor Ort. Das Landeskriminalamt ermittelt, bisher ohne Ergebnis. Nun soll die Bundeswehr helfen.

Einsatzkosten trägt der Bund

Inzwischen ist der Antrag, über den auch der Blog „Augen geradeaus!“ berichtet hatte, genehmigt. Zunächst werde ein IT-Stabsoffizier aus dem Kommando Cyber- und Informationsraum eingesetzt, sagte eine Sprecherin des Verteidigungsministeriums. Der Soldat soll die „Maßnahmen zur Wiederherstellung des IT-Systems“ koordinieren und so den Krisenstab des Landkreises unterstützen. Der Einsatz ist zunächst auf drei Monate begrenzt.

Zwischenzeitlich hatte der Landkreis mit einem kommerziellen Anbieter zusammengearbeitet, der Auftrag ist inzwischen beendet. Die Kosten für die Amtshilfe trägt nun der Bund. Wie lange der Einsatz laufen wird, ist bisher noch unklar.

Kommandochef Daum: „Relevanz und Brisanz" 

Dass es so eine Form von Cyber-Amtshilfe durch die Bundeswehr künftig häufiger geben muss, ist für Thomas Daum, Vizeadmiral und Chef des Kommandos Cyber- und Informationsraum, denkbar: „Die Entwicklungen der jüngsten Zeit in Bezug auf Cyberattacken zeigen, dass die Risiken zunehmen und das Thema weiter an Relevanz und Brisanz gewinnt“, sagt er.

Zwar sei die Bundeswehr bereit, Amtshilfe zu leisten. Doch sieht Daum das BSI und die IT-Sicherheitsabteilungen der Landesregierungen „als erste Ansprechpartner und Berater“. Allerdings seien die Regierungen und Kommunen eben offensichtlich nicht alle gleich gut aufgestellt: „Der Handlungsbedarf in den Landkreisen und Kommunen für die Planung und Realisierung resilienter IT-Infrastruktur wird sicher individuell unterschiedlich sein“, sagt Daum.

„Die Amtshilfe sollte nur ein letztes Mittel darstellen“

Umso wichtiger ist es, dass sich die Kommunen und Landkreise besser auf solche Hackerangriffe vorbereiten, fordert Kay Ruge, Vize-Hauptgeschäftsführer des Deutschen Landkreistags: „Cyberangriffe werden sich nicht vollständig verhindern lassen“, sagt Ruge. Die Verwaltung müsse sich samt ihrer IT-Systeme so aufstellen, „dass solche Angriffe keine so umfassenden Schäden auslösen“, und schnell eingedämmt werden könnten: „Die Amtshilfe der Bundeswehr sollte nur ein letztes Mittel darstellen." 

Die Kommunen und Landkreise sollten deshalb ihre eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sensibilisieren und schulen. Die Systeme sollten regelmäßig auf ihre Sicherheit getestet, „externer Sachverstand bei der Gewährleistung von IT-Sicherheit“ eingebunden werden. Das passiere zwar bereits vielfach. „Aber der Vorfall im Landkreis Anhalt-Bitterfeld war für viele auch eine Warnung“, betont Ruge. Eine Warnung, „nochmals zu prüfen, ob wir genug getan haben, ob die bestehenden Sicherheitskonzepte und Notfallpläne ausreichen“.  

Schulsanierung leichter durchsetzbar als IT-Sicherheit

Allerdings müssten die Gemeinden auch in der Lage sein, die erforderlichen Investitionen in die Technik finanziell zu stemmen. „Wer sowieso knapp bei Kasse ist, wird die Sanierung einer Schule politisch leichter durchsetzen können als die Schaffung zusätzlicher Stellen und einer neuen IT-Struktur“, fürchtet Ruge. Um die Cybersicherheit in den Kommunen zu finanzieren und durchzusetzen, müssten deshalb „auch die Bundesländer stärker in die Verantwortung genommen werden“. 

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Noch immer mangelt es den Kommunen und Landkreisen an einem kohärenten Vorgehen. Ruge fordert deshalb, „verbindliche Standards, was als Grundabsicherung zwingend in jedem Landkreis, jeder Stadt, jeder Gemeinde vorhanden und organisiert sein muss“. Bürgerinnen und Bürger sowie Unternehmen würden den Kommunen ihre Daten anvertrauen. Dass die IT-Sicherheit gewährleistet werde, würde zu Recht erwartet.

Ob die Cyber-Amtshilfe der Bundeswehr in Anhalt-Bitterfeld womöglich noch ausgeweitet werden muss, steht bisher noch nicht fest. Derweil laufen die anderen Einsätze der Bundeswehr weiter: Nach der Flutkatstrophe in Westdeutschland leisten derzeit 900 Soldatinnen und Soldaten sowie zivile Kräfte Amtshilfe, zur Bewältigung der Pandemie sind bundesweit noch rund 2300 Kräfte im Einsatz.

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