Hauptstadt hat noch viel Luft nach oben Berlin holt auf – und hat doch mächtige Probleme

Der Nachfolger von Klaus Wowereit könnte bereits an diesem Wochenende feststehen.  Wer auch immer neuer Bürgermeister in der Hauptstadt werden sollte: Es bleibt reichlich zu tun.

Berlin Quelle: dpa

Anfang des Jahres 2010 erlebte Berlin einen ziemlich strengen Winter. Über mehrere Wochen krochen die Temperaturen nicht über die Nulllinie, der Schnee fiel und fiel, bis die Hauptstadt unter einer buchdeckeldicken Packeisschicht zu erfrieren drohte. Die Stadtreinigung kam irgendwann mit dem Streuen nicht mehr hinterher, die Notaufnahmen der Kliniken füllten sich. Irgendwann verging kein Tag mehr, an dem nicht aus irgendeiner Boulevardzeitung ein Rentner mit gebrochenen Knochen Anklage gegen die unfähige Verwaltung erhob.

Wer wird Wowereits Nachfolger?

Und Klaus Wowereit, der Bürgermeister? Dem fiel zu der Frage, ob nicht das Technische Hilfswerk angesichts der Not den Eisbrecher spielen sollte, folgender mitfühlender Satz ein: „Wir sind doch nicht in Haiti.“

Vielleicht war das der Anfang vom Ende. Der Moment, in dem selbst die üblicherweise hart gesottenen Berliner von der grinsenden Kodderschnauze im Roten Rathaus am Alexanderplatz nicht mehr amüsiert waren, sondern nur noch genervt. Berlin war natürlich nicht Haiti. Aber Klaus Wowereits Politik bekam irgendwann in ihrer ackselzuckenden Nonchalance selbst zu viel haitihaftes. Und vom Problem-BER ahnte damals noch nicht mal jemand was.

Nun ist bald Schluss. Am 11. Dezember soll das Abgeordnetenhaus einen neuen „Regierenden“ wählen, wie die Berliner sagen. Drei SPD-Männer wollen es werden: Der Landesvorsitzende Jan Stöß, von Beruf Verwaltungsrichter, Motto: „Arm ist nicht sexy“; der Stadtentwicklungssenator Michael Müller, gelernter Drucker, und der Fraktionschef Raed Saleh – der als Fünfjähriger als Flüchtlingskind aus dem Westjordanland nach Berlin kam. Drei Kandidaten, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Die SPD-Mitglieder entscheiden per Briefwahl bis zum morgigen Samstag, wen sie nun als Wowereit-Nachfolger wollen.

Über den scheidenden Amtsinhaber lässt sich zu diesem Anlass auch einiges Gutes und manch Schlechtes sagen, vor allem aber dies: Er hat seinem Nachfolger genügend unerledigte Hausaufgaben übrig gelassen.

Aber zunächst: Es gibt durchaus eine Menge Positives über die Entwicklung Berlins zu sagen. Seit 2005 etwa ist kein anderes Bundesland so stark gewachsen, um fast 19 Prozent nämlich, auch 2013 war die Stadt deutscher Wachstumsmeister unter allen 16 Bundesländern, vor Bayern oder Baden-Württemberg. Von niedrigem Niveau aus selbstverständlich, aber ein Ausrufezeichen ist das schon.

Leider sehen andere Zeugnisse weitaus weniger rosig aus: Die Wirtschaftsleistung pro Kopf (rund 30.600 Euro) rangiert heute immer noch fast zehn Prozent unter dem Durchschnitt der Länder, bei der öffentlichen Verschuldung liegt Berlin auch nach vielen Sparrunden nur auf Platz 15. Beim Bildungssystem attestierte ein Ranking des Instituts der deutschen Wirtschaft der Metropole jüngst sogar ein totales Schul-Versagen. Nur die Universitäten haben Niveau. Nicht zu vergessen sind die Milliardenlasten für Hartz-IV-Leistungen, die schwer auf den Haushalt drücken.

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