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Kalkutta, Venlo und Wien Was macht eine nachhaltige Großstadt aus, Herr Bürgermeister?

Das neue Gebäude der Stadtverwaltung von Venlo. So könnte ein nachhaltiges Bauwerk aussehen. Quelle: Presse

Der Klimawandel beschäftigt die Gesellschaft. Und auf der ganzen Welt stehen Bürger vor der Frage: Wie kann eine nachhaltige Stadt der Zukunft aussehen? Die Stadtoberen von Kalkutta, Venlo und Wien geben eine Antwort.

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Es war ein Treffen von Bürgermeistern aus der ganzen Welt: Auf dem zweiten internationalen „Mayors Summit“ haben sich in Düsseldorf rund 75 Delegierte aus 28 Ländern zusammengefunden, um über Chancen und Herausforderungen für Städte zu diskutieren. Ein wichtiger Diskussionspunkt: die Nachhaltigkeit in Großstädten. Drei Blickwinkel auf das Thema.

Kalkutta, Indien
Atin Ghosh, Vize-Oberbürgermeister: „Der Klimawandel ist natürlich auch in Kalkutta ein riesiges Thema. Durch die gestiegenen Temperaturen breiten sich potenziell tödliche Krankheiten wie Malaria und das Dengue-Fieber enorm aus. Die werden vor allem durch Moskitos übertragen. Um zu brüten, brauchen Moskitos konstant hohe Temperaturen. Mittlerweile können sie das fast das ganze Jahr über. Ein weiteres Problem sind die vermehrten Gewitter, die durch das veränderte Klima aufziehen. Durch die vielen Blitzeinschläge sind letztes Jahr einige Menschen ums Leben gekommen. Wir pflanzen jetzt vermehrt Kokosnussbäume an, die als natürlicher Blitzableiter dienen.

Um Kalkutta nachhaltiger zu machen, haben wir den öffentlichen Nahverkehr ausgebaut. Außerdem setzen wir auf E-Mobilität: E-Autos, E-Busse bis hin zu E-Rikschas. Bei Neubauten von Gebäuden erlassen wir einen Teil der Steuern, wenn 20 Prozent der Grundstücksfläche mit Bäumen bepflanzt wird.“

Die Metro von Kalkutta Quelle: imago images

Venlo, Niederlande
Antoin Scholten, Oberbürgermeister: „Wir haben schon im Jahr 2006 gesagt, dass wir das Thema Nachhaltigkeit angehen wollen. Dabei gehen wir das Problem vom Konsum aus an. Fossile Brennstoffe reduzieren, nachhaltige und natürliche Materialen nutzen. Wenn wir über Verkehrsinfrastruktur nachdenken, kommt immer zuerst die Frage: Wo fährt das Fahrrad? Wir bauen Fahrradautobahnen, die man auch mit schnellen E-Fahrrädern nutzen kann. Danach machen wir uns erst über Autos Gedanken. Parkplätze werden bewusst reduziert. Autofahren soll umständlicher werden. Frische Luft, sauberes Wasser, kein Müll, eine biodiverse Welt – unserer Meinung nach ist das ist kein politisches Problem: Jeder will so leben.

In Venlo arbeiten wir an innovativen Baukonzepten. Mit dem neuen Verwaltungsgebäude haben wir ein Paradebeispiel für ein nachhaltiges Gebäude der Zukunft entworfen. Jahrelang lag der Fokus auf Schuld und Reduzierung. Weltweit wurden von den Städten Milliarden von Euro darin investiert, Gebäude perfekt abzudichten. Das hat Heizkosten minimiert, auf der anderen Seite ist die Luftqualität innerhalb der Gebäude zehn Mal schlechter geworden. Durch die hohe CO2-Konzentration sind die Menschen krank geworden. Wir haben unseren Ansatz überdacht: Es geht um Effektivität, nicht um Effizienz. Wir schauen nicht, wie wir die einzelnen negativen Umweltfaktoren minimieren, sondern, dass das Gebäude in der Summe einen positiven ökologischen Fußabdruck hat.

Bepflanzte Hausfronten säubern die Luft, bringen Biodiversität und kühlen die Umwelt im Sommer. Das Gebäude reduziert den Feinstaubanteil in der Luft um 30 Prozent, in einem Umkreis von 500 Metern. Alle Materialien sind wiederverwertbar. Das Gebäude hat 50 Millionen Euro gekostet. Das entspricht circa den jährlichen Kosten für die Verwaltungsmitarbeiter. Nur ein Prozent der jährlichen Kosten zahlen wir für die Energie. Der Fokus darauf, ein gesundes Arbeitsumfeld zu schaffen, macht sich auch wirtschaftlich bezahlt. Nur ein Prozent Krankmeldungen weniger bedeuten 500.000 Euro Produktivität extra, jedes Jahr. Mitarbeiter, die im Umkreis von 10 Kilometer von der Verwaltung wohnen, müssen eine Gebühr zahlen, wenn sie mit dem Auto zur Arbeit fahren wollen. Dafür stellen wir ihnen auf der anderen Seite ein Fahrrad zur Verfügung. Nur 15 Mitarbeiter zahlen die Gebühr um mit dem Auto zu kommen, 500 fahren mit dem Rad, der Rest nutzt öffentliche Verkehrsmittel oder kommt zu Fuß.“

Fahrräder prägen das Stadtbild von Venlo. Quelle: imago images

Wien, Österreich
Jürgen Czernohorszky, Stadtrat für Bildung, Jugend, Integration und Personal: „Nachhaltigkeit ist eins der wichtigsten Themen unserer Zeit. Und es ist ganz klar: Das Problem muss vor allem in den Städten gelöst werden. Die Klimaneutralität bis 2050 wird eine Herausforderung. Dafür müssen wir in der internationalen Gemeinschaft schon weit vorher klare Ziele abstecken und diese auch einhalten. In Wien haben wir als eine der ersten Maßnahmen den Nahverkehr massiv ausgebaut. Bei allen Ideen muss aber darauf geachtet, die Bürger der Stadt nicht zu bestrafen. Alternativen müssen attraktiv genug gestaltet werden, damit die Menschen freiwillig umsteigen.“

Skyline von Wien. Die Reichsbrücke führt über die Donau in die Stadt. Quelle: imago images

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