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Kandidatur für den Parteivorsitz Merz und die schwärende Wunde der CDU

Kommt die alte CDU zurück? Fraktionschef Friedrich Merz und Parteichefin Angela Merkel im Juli 2001. Quelle: imago images

Friedrich Merz' Rückzug aus der Politik war in all den Merkel-Jahren ein wunder Punkt für CDUler, die ihre alte Partei vermissten. Jetzt wird er zur Projektionsfläche für den Freund und Feind. Um so besser!

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In Gesprächen mit innerparteilichen Kritikern Angela Merkels in der CDU fiel nicht erst seit 2015 mit höchster Wahrscheinlichkeit sein Name. Wenn es um personelle Alternativen zu Angela Merkel ging, lautete die Standardantwort: Wer soll es denn sonst machen? Ja, Friedrich Merz könnte es besser als sie, aber der ist ja nicht mehr in der Politik. Ach, wenn doch bloß Merz wiederkäme. Und jetzt kommt er tatsächlich.

„Die Partei ist geradezu elektrisiert von dem Gedanken, dass Friedrich Merz Parteivorsitzender werden kann“, sagte der Chef des Parlamentskreises Mittelstand in der Unionsfraktion, Christian von Stetten. Jüngere Menschen inner- und außerhalb der CDU werden das vermutlich nicht so ganz nachvollziehen können. Denn hier meldet sich die alte, vormerkelsche Partei zurück. Dass der einstige Fraktionsvorsitzende Angela Merkel 2002 nicht nur den Fraktionsvorsitz notgedrungen überließ, sondern sich daraufhin schrittweise aber relativ sang- und klanglos in die Privatwirtschaft verabschiedete, war in all den Merkel-Jahren danach eine nie ganz verheilte, schwärende Wunde der Wirtschaftsliberalen und Konservativen in der Partei.

Merz blieb unvergessen. Das gilt vor allem, aber auch nicht nur für die Parteibasis. Kein Geringerer als Wolfgang Schäuble hat, glaubt man dem Spiegel, Merz schon seit Wochen ermutigt, im richtigen Augenblick sofort seine Kandidatur bekannt zu machen. Der war am Montag gekommen.

Viele, die durch Merkels Kurs der programmatischen Selbstaufgabe enttäuscht wurden, projizieren nun ihre politischen Wünsche und Träume auf Merz. Für die einen ist es vor allem sein damaliger Plan einer radikal systemvereinfachenden Steuerreform, für andere die Erinnerung an seine Forderung nach der Durchsetzung einer „deutschen Leitkultur“ gegenüber Migranten.

Innerhalb der CDU wird ihm sein Geld und sein Ruch als Angehöriger der Finanzelite vermutlich nicht schaden. Außerhalb des Politikbetriebs erfolgreich zu sein und viel Geld zu verdienen, stört CDU-Anhänger nicht, sofern es dabei mit rechten Dingen zugeht.

Anders sieht es vielleicht aus, wenn Merz dereinst tatsächlich noch höher hinaus will und das Kanzleramt ins Auge fasst. Darum drückt vermutlich sogar in der SPD manch einer Merz die Daumen. Denn seine zwischenzeitliche Tätigkeit als höchst erfolgreicher Wirtschaftsanwalt und vor allem sein Aufsichtsratsmandat bei der Vermögensverwaltung Blackrock haben Merz nicht nur ein ansehnliches Privatvermögen eingebracht, sondern machen ihn auch zum willkommenen Feindbild für linke Heuschreckenpolemik.

Mit Merz, so muss man hoffen, könnten Kontroversen und Konflikte, die durch Merkels unpolitisch-überparteiliche Regierungstaktik unter den Teppich gekehrt wurden, endlich wieder ins Zentrum des Parteiensystems zurückkehren. Eine große Koalition mit Merz im Kanzleramt – kaum vorstellbar. Andererseits: Auch Angela Merkel hatte sich auf dem CDU-Parteitag von Leipzig 2003 gemeinsam mit Merz als scharfe Anti-Sozialdemokratin und Anhängerin radikal-marktfreundlicher Reformen präsentiert, um dann nach 2005 dem sozialdemokratischen Koalitionspartner einen Wunsch nach dem anderen zu erfüllen.

Was Merz jenseits der Macht wirklich will, werden wir erst erfahren, wenn er sie hat.

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