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Karl Marx statt Ludwig Erhard Der Prüfungsstoff für das Abitur 2019 irritiert

Marx statt Erhard: WirtschaftsWoche-Redakteur Bert Losse half seinem Sohn bei der Abiturvorbereitung im Fach Sozialwissenschaften – und war über den Prüfungsstoff irritiert. Quelle: imago images

WirtschaftsWoche-Redakteur Bert Losse half seinem Sohn bei der Abiturvorbereitung im Fach Sozialwissenschaften – und war über den Prüfungsstoff irritiert. Deshalb schreibt er einen offenen Brief an die nordrhein-westfälische Schulministerin Yvonne Gebauer.

Liebe Frau Ministerin, mein Sohn macht gerade an einem Kölner Gymnasium sein Abitur. Vor einigen Tagen war die Klausur in Sozialwissenschaften/Wirtschaft dran. In dem Bereich kenne ich mich als Volkswirt ein bisschen aus; mein Sohn und ich haben daher in den vergangenen Wochen die Köpfe zusammengesteckt und zusammen gelernt.

Doch je länger ich mich mit dem von Ihrem Ministerium vorgegebenen Prüfungsstoff beschäftigte, umso irritierter war ich. Ihr Haus hat vier so genannte Inhaltsfelder mit diversen Unterpunkten festgelegt, und um es überspitzt zu sagen: Die Themenauswahl wirkte auf mich streckenweise, als hätten sich der Weltverband der Soziologen mit dem Stuhlkreis Postkeynesianismus und der wirtschaftspolitischen Abteilung des Deutschen Gewerkschaftsbunds zusammengehockt.

Die Grundlagen der sozialen Marktwirtschaft? Die Quellen unseres Wohlstands? Die Bedeutung von Eigenverantwortung und Subsidiarität für die Stabilität einer Gesellschaft, bei der nicht jedermann in allen Lebenslagen nach dem Staat ruft? Die Bedeutung der Freiheit? Das ökonomische und ökologische Versagen der Planwirtschaft? Konnte ich alles nicht finden.

Immerhin ein Viertel des gesamten Prüfungsstoffes beschäftigt sich stattdessen mit „Strukturen sozialer Ungleichheit, sozialem Wandel und sozialer Sicherung“. Die angehenden Abiturienten müssen sich mit „sozialstaatlichem Handeln“ auskennen, sie müssen die „Erscheinungsformen und Auswirkungen sozialer Ungleichheit“ herunterbeten können, ergänzt um „Modelle und Theorien gesellschaftlicher Ungleichheit“. Nicht nur Hardcore-Marktwirtschaftler könnten das durchaus als Übergewichtung empfinden angesichts der Tatsache, dass die Sozialausgaben im Bundeshaushalt über 40 Prozent der Gesamtausgaben ausmachen und in diesem Jahr auf einen neuen Rekordwert von 144,2 Milliarden Euro steigen.

Den Boom am Arbeitsmarkt, steigende Realeinkommen und Renten und die historisch hohen Erwerbstätigenzahlen habe ich gedanklich im Prüfungsstoff nirgendwo unterbringen können. Stattdessen müssen die Prüflinge lernen, welche „aktuellen Tendenzen der Prekarisierung von Arbeits- und Lebensverhältnissen“ es im Lande gibt. Damit bei dem Thema auch nichts schief geht, wurden im Inhaltsfeld Wirtschaftspolitik noch „Auseinandersetzungen im Zusammenhang mit dem Arbeitslohn und seiner gesellschaftlichen Bedeutung“ angehängt.

Im Inhaltsfeld Europäische Union schreibt der Prüfungskanon unter anderem Wissen über die „Perspektiven einer vertieften und erweiterten EU“ vor, was ich, obgleich großer Europa-Fan, komisch finde in einer Zeit, in der die Fliehkräfte dramatisch zunehmen und der Brexit bevorsteht. Auch „Auseinandersetzungen über die Staatsverschuldung“ zählen zum ministeriell erwarteten Prüfungswissen, und explizit wird dabei die Kenntnis „alternativer Bewältigungsmöglichkeiten“ gefordert. Ich nehme an, dass mit „Alternative“ zum Beispiel eine Transferunion und Schuldenschnitte gemeint sind (anstelle der Konsolidierung maroder Staatshaushalte). Muss man als Schüler das Konzept der Austerität verdammen, um eine gute Note zu bekommen?

Im Inhaltsfeld „Globale Strukturen und Prozesse“ geht es um „Merkmale, Dimensionen und Auswirkungen der Globalisierung“ und es gibt einen eigenen Unterpunkt für „Globalisierungskritik“. Es heißt nicht „Pro und Contra Globalisierung“. Es heißt „Globalisierungskritik“, was impliziert, dass Globalisierung irgendwie von Übel ist. Ich hatte daher ein latent schlechtes Gefühl, als ich mit meinem Sohn darüber sprach, dass in Asien und Lateinamerika durch die internationale Arbeitsteilung viele Millionen Menschen der Armut entkommen sind.

Geradezu grotesk wird es, wenn man sich die Unterlagen anschaut, die das Schulministerium für die Lehrer erstellt, die die Abiturklausuren bewerten. Das zeigt eine Beispielklausur („Nur für den Dienstgebrauch“), bei der es darum geht, wie die Bundesregierung einen gefährdeten Aufschwung stabilisieren kann. Die Kultusbürokratie nennt als möglichen Lösungsvorschlag allen Ernstes eine „Lohnerhöhung für staatliche Bedienstete“. Diese Maßnahme „könnte helfen, die Binnennachfrage zu stärken und den Aufschwung zu stabilisieren“. Schüler, die das schreiben, sollen acht Punkte erhalten; sie hätten damit in dieser Aufgabe bereits ein Viertel der Maximalpunktzahl erreicht. Ebenfalls acht Punkte kann einfahren, wer die „Erhöhung der Einkommensteuer für Spitzenverdiener“ vorschlägt.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Die Vermittlung ökonomischen Wissens in der Schule darf keine kritiklose Feierstunde für Kapitalismus und Markwirtschaft sein. Die Debatte über die offenkundigen Defizite unserer Wirtschaftsordnung ist auch in der Schule ein Muss. Ich fände es nur schön, wenn umgekehrt im geforderten Prüfungswissen nicht unterschwellig suggeriert würde, als sei Deutschland, eines der wohlhabendsten Länder der Erde, ein vom Eishauch des Kapitalismus umwehter Elendsstaat.

Mein Sohn hatte in der Abiklausur übrigens ein Globalisierungsthema, es ging, klar: um Globalisierungsverlierer. Sein Gefühl ist „ganz gut“. Noch immer kann er mit Walter Eucken und Ludwig Erhard wenig anfangen. Aber immerhin: Er kennt sich jetzt mit Karl Marx aus.

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