WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Ökonom Hülsmann „Der Sozialstaat ist in Wahrheit unsozial“

Seite 2/2

„Privateigentum ist Voraussetzung, dass ich Geschenke machen kann“

Unterscheidet sich die Spendenbereitschaft der Menschen nach Ländern?
Es gibt Indizien, dass hohe Steuern die Spendenbereitschaft mindern. In Amerika waren Steuerlast und staatliche Sozialleistungen historisch gesehen geringer als in Europa. Das hat dazu beigetragen, dass sich in den USA eine weit stärker ausgeprägte Spendenkultur entwickelt hat als in Europa. Der Ausbau des Sozialstaates im 20. Jahrhundert hat allerdings auch in Amerika die Spendenbereitschaft sinken lassen. Zudem hat sich der Kreis der Empfänger geändert. Bis Anfang der Siebzigerjahre floss fast das gesamte Spendenaufkommen an kirchliche Organisationen. Heute ist es noch etwa die Hälfte, die andere Hälfte fließt in Bereiche wie Wissenschaft und Kunst.

Kapitalismus und Philanthropie sind also kein Widerspruch?
Ganz und gar nicht. Das Privateigentum als konstituierendes Merkmal des Kapitalismus ist die Voraussetzung dafür, dass ich Geschenke machen kann. Man kann nichts verschenken, wenn man kein Eigentum hat. Studien zeigen, dass bei steigendem Vermögen die Spendenbereitschaft zunimmt. Spenden sind nicht nur finanzielle Zuwendungen, sondern auch Zuwendungen in Form von Lebenszeit, die man anderen Menschen schenkt. Etwa indem man unentgeltlich Sportvereine leitet, Schachturniere organisiert oder alte Menschen betreut.

Wer wie Sie auf freiwillige Spenden statt auf staatliche Sozialleistungen setzt, kann nicht sicher sein, ob das Aufkommen reicht, den Hilfsbedürftigen ein erträgliches Leben zu ermöglichen.
Wer Sicherheit will, setzt auf staatliche Sozialleistungen. Aber die werden durch Zwangsabgeben finanziert. Zudem ist das Resultat staatlicher Interventionen meist das Gegenteil dessen, was beabsichtigt war. Schauen Sie sich unseren Sozialstaat an. Die Profiteure sind nicht die Armen, sondern die Mittelschichten, die das Gros der Wähler stellen. Die Arbeiter finanzieren mit ihren Steuern das kostenlose Studium der Mittelstandskinder. Das ist Umverteilung von Unten nach Oben. Der Sozialstaat ist in Wahrheit unsozial. Er entfremdet die Menschen voneinander und untergräbt die Solidarität.

Übertreiben Sie da nicht etwas?
Wenn die Menschen wissen, dass der Sozialstaat einspringt, wenn andere in Not sind, sinkt die Bereitschaft, sich persönlich um seine Mitmenschen zu kümmern. Staatliche Transfers verdrängen die Bereitschaft zum Schenken und Spenden. Die kalte Bürokratie des Sozialstaats tritt an die Stelle der zwischenmenschlichen Solidarität. Dazu kommt, dass die ausufernde Bürokratie zur Ausbeutung des Sozialstaats einlädt. Werden Leistungen auch von jenen in Anspruch genommen, die nicht wirklich bedürftig sind, sind Konflikte in der Gesellschaft vorprogrammiert.

Eine auf Spenden beruhende Gesellschaft macht die Armen zu Bittstellern.
Die persönliche Abhängigkeit ist ein unentbehrliches Regulativ. Sie übt Druck auf die Empfänger aus, alles zu unternehmen, um wieder auf eigenen Füßen zu stehen. Im 19. Jahrhundert, als es noch keinen Sozialstaat gab und die Armen auf Spenden von Stiftungen und reichen Bürgern angewiesen waren, haben diese sich um die Hilfsbedürftigen gekümmert, sie ermahnt und ihnen geholfen, ihr eigenes Leben wieder in den Griff zu bekommen. Die heutigen staatlichen Sozialleistungen hingegen, auf die die Empfänger einen Rechtsanspruch haben, fließen ohne persönliche Zuwendungen. Der Staat legt dem Empfänger keine Verantwortung auf. Die Hilfeempfänger entwickeln dadurch zum Teil zerstörerische Verhaltensweisen, die nicht nur ihnen selbst sondern auch ihren Familien schaden.

Wenn der Sozialstaat die Menschen voneinander entfremdet, wie Sie behaupten, warum übernehmen dann immer noch so viele Bürger ehrenamtliche Tätigkeiten?
Der Wohlfahrtsstaat hat erst in den Siebzigerjahren seine heutigen Dimensionen erreicht. Zuvor hatten wir eine Kultur, die auf Nachbarschaftshilfe und ehrenamtliches Engagement setzte. Noch ist unsere Denk- und Verhaltensweise von dieser Kultur geprägt. Doch das ändert sich in dem Maße, in dem der Sozialstaat wächst. Wir betreiben einen kulturellen Kapitalverzehr. Der Sozialstaat, der dem Eigennutz der Menschen entgegenwirken sollte, hat in Wahrheit die zwischenmenschliche Solidarität zerstört. Es ist wie so oft: Der staatliche Interventionismus schafft die Probleme, die er zu bekämpfen vorgibt.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Zur Startseite
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%