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Regierung erlässt Kontaktverbot Was uns die Coronakrise in Deutschland lehrt

Bayern verhängte als erstes Bundesland weitreichende Ausgangsbeschränkungen. Das Verlassen der eigenen Wohnung ist dann nur noch mit triftigen Gründen erlaubt. Quelle: dpa

Nun kommen sie doch: bundesweite Ausgangsbeschränkungen. Auch wenn sie offiziell nicht so heißen. Dass die handelnden Politiker vernünftiger sind als ein Teil der Bevölkerung, ist nicht die einzige Lehre aus der Krise.

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Der Kampf gegen das Coronavirus wird auch in Deutschland noch einmal deutlich verschärft. Das haben Bund und Länder an diesem Sonntagnachmittag beschlossen, während Tausende bei herrlichem Frühlingswetter draußen spazieren gingen - vielerorts bereits unter mehr oder weniger streng überwachten Abstandsregeln - einigten sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten der Länder auf ein Kontaktverbot von mehr als zwei Personen. Ausgenommen davon sind Familien und Personen, die in einem Haushalt zusammen leben.

Wie die rigiden Maßnahmen wirken, lässt sich frühestens in zehn Tagen beurteilen. Und wahrscheinlich wird es danach noch viele weitere Wochen dauern, bis absehbar ist, wann es wieder Lockerungen geben kann. Wie es weitergeht, ist also offen. Doch aus dem Krisenmanagement der vergangenen Wochen lassen sich bereits erste Schlüsse ziehen. Hier sind drei (und natürlich gibt es zahlreiche weitere):

1. Die Gewählten sind vernünftiger als die Wähler

Es wird ja in normalen Zeiten gern geschimpft über „die da oben“: Politiker, die vermeintlich ihre Sache nicht im Griff haben, zu spät handeln, Reformen nicht anpacken. Die aktuelle Krise zeigt jedoch einmal mehr, dass die Menschen, die in Deutschland politische Verantwortung tragen, damit in der Regel vernünftig umgehen. Leider lässt sich das nicht von allen Wählern behaupten.
Eines zumindest kann man den verantwortlichen Politikern in Bund, Ländern und Kommunen nicht vorwerfen: Dass sie den Deutschen nicht eine Chance gegeben hätten, harte Maßnahmen zu verhindern. Sie gaben ihnen sogar mehrere Chancen. Seit mindestens zwei Wochen wird ge- und ermahnt, soziale Kontakte möglichst zu meiden und im Fall der Fälle auf Abstand zu bleiben.

Natürlich ist diese Botschaft in einem freien Land mit weit mehr als 80 Millionen Einwohnern nicht innerhalb von 24 Stunden bei allen angekommen. Aber sie verbreitete sich zu langsam. Deshalb wurden die Maßnahmen nach und nach schärfer. Und deshalb hielt Angela Merkel vor wenigen Tagen erstmals in ihrer Amtszeit eine Fernsehansprache – sieht man vom Silvesterritual ab.
All das hat bei den meisten Menschen zwar verfangen. Aber es gab und gibt noch immer zu viele Unbelehrbare. Deshalb sind weitreichende Ausgangsbeschränkungen nun die logische Konsequenz.

2. Unser Blick auf Südeuropa ist verzerrt

Die Deutschen gelten als sehr gründlich und auch etwas streng (mit anderen und mit sich selbst). Sie zögern häufig, aber wenn sie sich zu etwas entschlossen haben, dann tun sie es auch richtig. So ist, natürlich grob vereinfacht, das Bild von uns im Ausland. Und so sehen wir uns auch gern selbst.

Allerdings offenbart die derzeitige Krise, dass dieses Bild korrigiert werden muss. Auch wenn es Gründe dafür geben mag, warum Deutschland erst nach und nach schärfere Maßnahmen ergriffen hat – eine Tatsache ist unübersehbar: Andere Länder sind deutlich entschlossener vorgegangen.

Das gilt gerade für jene Staaten, von denen wir es angesichts unserer eigenen Vorurteile eher nicht erwartet hätten. Weil dort unserer Überzeugung nach dolce vita und savoir vivre dominieren. Länder wie Italien, Spanien und Frankreich werden bei uns gern unter „Club Med“ zusammengefasst. Anerkennend ist das nicht gemeint.

Allerdings haben Italien, Spanien und Frankreich durchaus unsere Anerkennung verdient: Sie reagierten schneller und verhängten rigorosere Maßnahmen als wir. Und genauso wichtig: Sie kontrollieren deren Einhaltung auch. Wie lautete dagegen in Deutschland ein zentrales Argument gegen Ausgangssperren? Sie ließen sich doch gar nicht durchsetzen.

3. Die Sehnsucht nach ernsthafter Führung wächst

Dass wir bei unseren Entscheidungen Südeuropa hinterherhinken, hat auch damit zu tun, dass die Lage dort bereits vor einer Woche bedrohlich war – und die (Minister)Präsidenten entsprechend harte Entscheidungen treffen mussten. Inzwischen ist Deutschland jedoch ebenfalls stark betroffen. Deshalb hat auch Angela Merkel ihren Führungsanspruch klar gemacht – sofern ihr der Föderalismus entsprechende Spielräume lässt.

Die meisten Deutschen sind unabhängig von ihrer parteipolitischen Präferenz wohl dankbar, dass sie eine Regierungschefin haben, die selbst möglichst viele Details verstehen will, um fundierte Entscheidungen treffen zu können. Und Angela Merkel ahnt wohl auch, dass ihr aktuelles Krisenmanagement für die Gesamtbilanz ihrer Kanzlerschaft entscheidend sein wird.

Überhaupt gibt es angesichts des Ausmaßes dieser Krise eine beträchtliche Sehnsucht nach Ernsthaftigkeit in der Politik. Es ist wahrlich nicht die Zeit für Clowns und Unterhaltungskünstler. Selbst in Washington und London nicht. Von dieser Stimmung profitieren in Deutschland nicht nur Angela Merkel, die schon immer ein seriöses Image hatte, sondern vor allem auch Markus Söder und Jens Spahn. Beide hatten nicht immer den besten Ruf.

Der bayerische Ministerpräsident Söder galt früher als Superkarrierist, der allen alles verspricht, so lange es ihm nützt – und jedes Hindernis aus dem Weg räumt. Auch Bundesgesundheitsminister Spahn stand lange im Verdacht, vor allem auf eigene Rechnung unterwegs zu sein.

Nun versuchen beide, sich möglichst an die Spitze der Bewegung zu setzen, um von ihr nicht überholt zu werden. Dabei treffen sie auch harte, unpopuläre Entscheidungen. Das ist natürlich nur eine Momentaufnahme. Auch Söder und Spahn können noch Fehler unterlaufen. Doch nach heutigem Stand würde es einen wundern, wenn sie in der deutschen Politik nicht schon bald eine größere Rolle spielen würden, als es sich noch im Februar abgezeichnet hat.

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