SPD-Parteitag: Doppelspitze? Von wegen spitze

Saskia Esken hat den SPD-Parteivorsitz verlassen. Das hätte eine Chance für die SPD sein können. Ein Neuanfang. Eine Wiederbelebung unter Lars Klingbeil wäre möglich gewesen. Der gilt ohnehin als gefühlter Solo-Parteichef, als starker Mann der SPD, der den Sozialdemokraten Orientierung, Einigkeit und neue Zuversicht vermitteln könnte.
Gerade jetzt hätte die SPD das dringend nötig. Was die Partei aber wieder bekommt: eine Doppelspitze. Und damit Proporz, verteilte Verantwortung und Unklarheit.
Dabei standen in den vergangenen Wochen die Zeichen auf Neuanfang: Nach Klingbeils Koalitionsverhandlungen steht die Partei deutlich mächtiger dar, als ihr nach dem Wahlergebnis zustünde. Er zog eine Trennlinie zwischen der verschmähten Streitampel und der neuen Regierung. Unausweichlich dafür: Personalwechsel. Aus der Riege der ehemaligen Ampel-Minister blieb nur noch Verteidigungsminister Boris Pistorius.
Nach Klingbeils starkem Beginn lässt sich nun die Frage stellen: Warum wieder zwanghaft ein SPD-Führungsduo? Am Freitag wählten die Genossen Arbeitsministerin Bärbel Bas mit 95 Prozent ins neue Amt und an seine Seite. Klingbeil selbst erhielt 64,9 Prozent der Stimmen – das zweitschlechteste Ergebnis eines SPD-Chefs aller Zeiten.
Die Befürworter sagen: Doppelspitzen sind ein Mittel, um Führung paritätisch zu besetzen und mehr Geschlechtergerechtigkeit herzustellen. Die Work-Life-Balance der Politik quasi. Die zeitliche Belastung des Führungspersonals soll reduziert und mehr Zeit zum Nachdenken und für die Familie geschaffen werden, womöglich sogar für Erholung. Einen Sauerteig züchten ist sicherlich auch noch drin.
Richtig ist: Müde, überarbeitete Chefs nützen niemandem. Erst recht nicht in der Politik. Aber ineffiziente, handlungsbeschränkte und womöglich wöchentlich wechselnde Chefs im Doppelpack nützen auch niemandem.
Geteilte Macht ist nicht zwangsläufig bessere Macht. Im schlechtesten Fall wird die Arbeit doppelt erledigt oder die Macht erodiert. Die Effektivität bleibt zwangsläufig auf der Strecke. Egal ob in der Politik oder in Unternehmen. Ein spontanes Abnicken der Führungskraft im Fahrstuhl gehört für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Vergangenheit an. Stattdessen müssen sie warten, bis die Co-Führung Zeit hat. Am besten mit einem festgelegten Teams-Call in drei Tagen.
Denn Absprachen sind das A und O einer Doppelspitze. Jeder und jede Co-Chefin muss über die Schritte des anderen Bescheid wissen, wo er ist, welche Termine er hat und wo welche Projekte – oder Gesetze – stehen.
Wohl unausweichlich und eine weitere Schwäche dieses Modells sind interne Machtkämpfe und Streit. Gerade in der Politik. Am Ende muss nun mal entschieden werden. Und in der SPD wird das im Zweifelsfall der Vizekanzler sein und niemand anderes. So viel zum Versprechen Doppelspitze.