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Stephans Spitzen

Die Lust des Westens an der Unterwerfung

Cora Stephan Politikwissenschaftlerin

Michel Houellebecq entwirft in seinem Roman „Unterwerfung“ das Szenario der Machtübernahme eines verführerischen Islams. Und persifliert einen müden Westen, dem alles gleichgültig ist.

Michel Houellebecq Quelle: dpa

Reden wir mal nicht über den gewalttätigen Islam. Sondern vom Islam als süßester Verführung seit der Erfindung von Religion.

Michel Houellebecq, der wohl merk- und denkwürdigste unter den französischen Intellektuellen, zeichnet in seinem neuen Buch „Unterwerfung“ die Blaupause, nach der es dem Islam gelingen könnte, Westeuropa im wahrsten Sinne des Wortes zu überwältigen: indem ein kluger Muslim den Westen an seinen schwächsten Gliedern packt.

Diese sind einerseits die entwurzelten, abgeklärten Metropolenbewohner, denen alles egal ist - sogar der Sex. Und andererseits die politische Elite, die den wachsenden und mittlerweile „bodenlosen Graben zwischen dem Volk und jenen, die in seinem Namen sprachen – also Politikern und Journalisten“ übersehen hat.

In dem Roman schreiben wir das Jahr 2022. In Frankreich gibt es zwei starke Parteien: den Front National unter Marine Le Pen und die Partei der Muslimbruderschaft unter dem charismatischen Mohammed Ben Abbes. Weil Linke und Bürgerliche einen Sieg der Rechten um Marine Le Pen verhindern wollen, ebnen sie der Partei des Islam den Weg.

Der Protagonist des Romans, ein missmutiger, vom Leben und dem Sex enttäuschter Literaturprofessor namens François, der sich mit zunehmendem Alter Nietzsche annähert, - „was zweifellos unvermeidlich ist, wenn man untenrum Probleme hat“ – ist der zunächst stille Beobachter einer allmählichen Veränderung der französischen Gesellschaft.

Die wichtigsten Fakten zu "Charlie Hebdo"

"Werte des Patriarchats"

Der Roman zeichnet seine schrittweise Konversion zur wahren Lehre nach, denn die intellektuellen Weggefährten und Wegbereiter der neuen Regierung unter Ben Abbes haben überzeugende Argumente. Etwa jenes, dass Menschen, die an den „Werten des Patriarchats“ festhalten, mehr Kinder bekommen – und wer die Kinder hat, kontrolliert die Zukunft.

Der liberale Individualismus habe sich verabschiedet, „als er die Kernstruktur der Gesellschaft, die Familie, und damit den Bestand der Bevölkerung angegriffen habe“, darauf folge logischerweise der Islam. „Die von ihrem grundsätzlichen Antirassismus gelähmte Linke“ hat nie begriffen, dass der Feind keineswegs nur rechts steht.

Die Karikaturen für "Charlie Hebdo"
Karikatur von 2006: Ein Rahmen um ein weißes Stück Papier. Überschrift: "Please enjoy this culturally, ethnically, religiously, and politically correct cartoon responsibly. Thank You." Quelle: Twitter
Ein Terrorist schießt auf einen Bleistift, der entzwei bricht. Doch ein Spitzer spitzt den abgebrochenen Stift wieder an. Dieser radiert mit seinem Radiergummi den gezeichneten Terroristen weg. Quelle: Twitter
Ein Flugzeug fliegt auf zwei nebeneinander stehende Bleistifte zu. Das Bild erinnert an die Anschläge auf die Zwillingstürme des World Trade Centers im September 2001. Quelle: Twitter
Ein von hinten gezeichneter Terrorist hat einen Zettel auf dem Rücken, auf den ein Bleistift schreibt: "You lost!" ("Du hast verloren!") Quelle: Twitter
Eine Zeichnung der Zeitschrift Charlie Hebdo. Aus der Titelseite der Zeitung erhebt sich eine Hand mit Feder, die dem Betrachter den Mittelfinginger zu zeigen scheint. Quelle: Twitter
Ein Gewehr und ein Stift nebeneinander. Auf dem Gewehr: "Murderous assault on french satirical newspaper". Auf dem Stift: "Free Expression". Bildunterschrift: "But the Pen Will Endure" Quelle: Twitter
Ein Terrorist mit Krummsäbel hat einer Person (T-Shirt: "Charlie Hebdo") den Kopf abgeschlagen. Aus dem Hals streckt sie dem Terroristen noch die Zunge entgegen. Bildunterschrift: "Onsterfelijk" Quelle: Twitter

Sinngebung und Entlastung

Die Religion der gemäßigten Muslime lockt Houellebecqs Helden mit Sinngebung und Entlastung: Hat nicht freiwillige Unterwerfung auch ihre erotischen Seiten? Frauen dürfen den Kampf um Selbstbestimmung aufgeben und sind gleich viel entspannter, männliche Konvertiten werden mit Geld und Frauen belohnt.

Die Vielehe beendet mit einem Schlag die Arbeitslosigkeit, weil Frauen nun wieder zu Hause bleiben dürfen: Als 15-jährige Sexgespielin oder als 40-jährige Köchin. Weitere Rollenverteilungen sind denkbar. Der Protagonist erliegt schließlich der Verlockung und dem Versprechen, als einer der wenigen Männer seine wertvollen Gene weitergeben zu dürfen.

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