Stromnetzausbau in Deutschland Strom-Autobahnen kommen später

Die geplanten Stromtrassen von Nord nach Süd werden einem Zeitungsbericht zufolge später fertig als bislang erwartet. Der Grund: "umfangreichen Neuplanungen".

Ein Energietechniker blickt in Lingen (Landkreis Emsland) auf einen Strommasten. Quelle: dpa

Die für die Energiewende lebenswichtigen Strom-Autobahnen von Nord- nach Süddeutschland verzögern sich durch die geplante unterirdische Verlegung voraussichtlich um mehrere Jahre. Das geht aus einem Bericht der Bundesnetzagentur hervor, über den zuerst die „Süddeutsche Zeitung“ (Dienstag) berichtet hatte. Behördenchef Jochen Homann verteidigte den von Bund und Ländern gewollten Vorrang für unterirdische Kabel: „Erdkabel können uns helfen, Akzeptanz für den Netzausbau zu schaffen. Das Erdkabelgesetz verzögert den Netzausbau daher nicht, es macht ihn erst möglich“, sagte Homann der Nachrichtenagentur dpa.

Das Gesetz war Ende 2015 verabschiedet worden, um erheblichen Widerständen aus der Bevölkerung gegen große neue Stromtrassen entgegenzukommen. Die Bundesregierung hofft dadurch auf eine schnellere Umsetzung der großen Leitungsvorhaben mit weniger Klagen. Der Vorrang für Erdkabel bei Gleichstrom-Trassen, der die Baukosten für die Netze um mehrere Milliarden erhöhen werden, war auch ein Zugeständnis von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel an Bayerns Ministerpräsidenten Horst Seehofer. Der CSU-Chef hatte über Monate eine Einigung blockiert, weil er gegen vermeintliche „Monstertrassen“ mit hohen Strommasten in Bayern war. Die Verzögerungen bei den großen Trassen entstehen, weil die bereits fertigen Planungen für Überlandleitungen nun neu aufgerollt werden müssen.

Die Stromautobahnen sind nötig, um viel Windstrom aus Nord- und Ostdeutschland in die Industriezentren im Süden zu transportieren, wo 2022 die letzten Atomkraftwerke abgeschaltet werden. Schon jetzt gibt es teils erhebliche Probleme und Zwangsabschaltungen im Netz, weil für die im Norden produzierten Strommengen das Netz nicht ausreicht. Die Kosten für Eingriffe der Netzbetreiber, um „Blackouts“ zu verhindern, sind zuletzt auf jährlich etwa eine Milliarde Euro gestiegen. Bezahlen müssen das die Stromkunden.

Schleswig-Holsteins Energieminister Robert Habeck (Grüne) kritisierte: „Die Verzögerung bei Südlink ist sehenden Auges entstanden und politisch von der Bundesregierung und Bayern zu verantworten“, sagte Habeck der dpa in Kiel. Das nördlichste Bundesland habe den Ausbau der Stromnetze „so konsequent und schnell vorangetrieben wie kein anderer“. Die Netze im Norden seien bereits in wenigen Jahren fertig. „Aber die bundesweite Energiewende kann nur mit Südlink funktionieren. Der Bundesregierung hängt hier dem Zeitplan extrem hinterher.“

Kuriose Folgen der Energiewende
Schwierige Löschung von Windrad-BrändenDie schmalen, hohen Windmasten sind bei einem Brand kaum zu löschen. Deshalb lassen Feuerwehrleute sie meist kontrolliert ausbrennen – wie im April in Neukirchen bei Heiligenhafen (Schleswig-Holstein). Quelle: dpa
Tiefflughöhe steigtDie Bundeswehr hat die Höhe bei nächtlichen Tiefflügen angepasst. Wegen Windradmasten kann die Tiefflughöhe bei Bedarf um 100 Meter angehoben werden. Der Bundesverband Windenergie (BWE) begrüßt, dass dadurch Bauhöhen von bis zu 220 Meter realisiert werden können. Die Höhe des derzeit höchsten Windradtyps liegt bei etwa 200 Metern. Quelle: dpa
Dieselverbrauch durch WindräderViele neue Windkraftanlagen entstehen – ohne ans Netz angeschlossen zu sein. Solange der Netzausbau hinterherhinkt, erzeugen die Windräder keine Energie, sondern verbrauchen welche. Um die sensible Technik am Laufen zu halten, müssen Windräder bis zu ihrem Netzanschluss mit Diesel betrieben werden. Das plant etwa RWE bei seinem im noch im Bau befindlichen Offshore-Windpark „Nordsee Ost“. Quelle: AP
Stromschläge für FeuerwehrleuteSolarzellen lassen sich meist nicht komplett ausschalten. Solange Licht auf sie fällt, produzieren sie auch Strom. Bei einem Brand droht Feuerwehrleuten ein Stromschlag, wenn sie ihren Wasserstrahl auf beschädigte Solarzellen oder Kabel halten. Diese Gefahr droht nicht, wenn die Feuerwehrleute aus sicherer Entfernung den Wasserstrahl auf ein Haus richten – aber, wenn sie dabei ins Haus oder aufs Dach gehen. Stromschlagsgefahr gibt es ebenso für Feuerwehrleute, wenn sie nach einem Straßenunfall Personen aus einem beschädigten Elektroauto bergen müssen. Quelle: AP
Störende SchattenWindräder werfen Schatten – manche Anwohner sehen darin eine „unzumutbare optische Bedrängung“, wie es das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen ausdrückte. Es gab einer Klage recht, die gegen ein Windrad in Bochum gerichtet war. Im Februar wies das Bundesverwaltungsgericht die Revision des Investors ab. Das Windrad wird nun gesprengt. Quelle: dpa
Gestörte NavigationAuf hoher See wird es voll. Windparks steigern nicht nur das Kollisionsrisiko mit Schiffen. Die Rotoren stören auch das Radarsystem. Der Deutsche Nautische Verein schlägt daher vor, dass Windparks nur genehmigt werden, wenn die Betreiber auch neue Radaranlagen an den Masten installieren. Quelle: dapd
Windrad-LärmWindräder drehen sich nicht nur, dabei machen sie auch Geräusche. Je stärker der Wind, desto lauter das Windrad – und das wollen viele Bürgerinitiativen nicht hinnehmen. Ein Beschwerdeführer aus dem westfälischen Warendorf erreichte im September 2011 vorm Verwaltungsgericht Münster zumindest, dass eine Windkraftanlage nachts zwischen 22 und 6 Uhr abgeschaltet wird. Quelle: dpa

Nach dem Bericht der Netzagentur wird die sogenannte SuedLink-Trasse - die 800 Kilometer lange „Hauptschlagader“ der Energiewende - von Norddeutschland nach Bayern und weiter nach Baden-Württemberg erst 2025 fertig, drei Jahre später als bisher geplant. Genauso sieht es beim Korridor A aus, einer Leitung von Emden ins nordrhein-westfälische Meerbusch-Osterath. Die Leitung von Osterath ins baden-württembergische Philippsburg wiederum braucht dem Bericht zufolge zwei Jahre länger bis 2021. Die Trasse SuedOstLink von Sachsen-Anhalt nach Niederbayern wird erst 2025 fertig. Ursprünglich sollten die Nord-Süd-Leitungen fertig sein, wenn die letzten deutschen Atomkraftwerke 2022 vom Netz gehen.

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