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Studie aus Dänemark Das bedeutet der Mindestlohn für die Jobaussichten Jugendlicher

Mindestlohn-Ausnahmen: Bessere Jobaussichten für Jugendliche? Quelle: dpa

Verschärft die Einführung des Mindestlohns die Jugendarbeitslosigkeit? In Deutschland gibt es aus der Sorge davor Ausnahmen, Dänemark macht es anders – mit beträchtlichen Folgen, wie eine Studie zeigt.

9,19 Euro Mindestlohn müssen Arbeitgeber ihren Angestellten seit dem 1. Januar zahlen, doch auch mehr als zwei Jahre nach der Einführung gibt es Ausnahmen. Auszubildende, Praktikanten und minderjährige Arbeitnehmer ohne abgeschlossene Berufsausbildung haben keinen Anspruch auf den Mindestlohn. Zwar sind immer weniger 15- bis 17-Jährige in Arbeit, 2017 waren es 252.000. Doch wegen der Ausnahmen hält die Mindestlohnkommission es für „unwahrscheinlich“, dass daran der Mindestlohn schuld ist.

Wie aber wirkt sich der Mindestlohn auf die Beschäftigung speziell junger Menschen aus? Das haben die Ökonomen Claus Thustrup Kreiner, Daniel Reck und Peer Ebbesen Skov in einer gerade erschienenen Studie über den dänischen Arbeitsmarkt für die Fachzeitschrift „Review of Economics and Statistics“ untersucht. Ergebnis: Der durchschnittliche Stundenlohn steigt um durchschnittlich 40 Prozent, wenn Arbeitnehmer 18 werden. Allerdings verlieren 33 Prozent an der Altersgrenze zunächst ihren Job.

Der Hintergrund ist eine Besonderheit der dänischen Arbeitsmarktpolitik. Dort erhalten junge Berufstätige unter 18 Jahren niedrigere Mindestlöhne. Sie variieren nach Branche und Tarifabschluss, einen einheitlichen Mindestlohn gibt es nicht. Im Durchschnitt verdienen Jugendliche in Dänemark den Berechnungen zufolge 46 Kronen pro Stunde weniger als volljährige Arbeitnehmer, das entspricht etwa sechs Euro.

Taugt das dänische Modell als Alternative zu unseren Ausnahmen beim Mindestlohn? Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) blockt ab. Vorstandsmitglied Stefan Körzell hält nichts von einem niedrigeren Mindestlohn für junge Arbeitnehmer. „Davon sollte Deutschland tunlichst die Finger lassen, das ist mit uns auf keinen Fall zu machen“, sagte Körzell der WirtschaftsWoche. Er verweist auf Erfahrungen aus den Niederlanden. Der dortige Mindestlohn wird inflationsbereinigt und nach Alter zwischen 20 und 22 Jahren gestaffelt errechnet. Die Folgen seien „Mini-Gehälter, Unterbietungswettkämpfe am unteren Ende der Lohnskala und ein Drehtüreffekt für junge Menschen“.

Dieser Sorge, Arbeitnehmer würden gegen jüngere, billigere Arbeitskräfte ausgetauscht, widmen sich auch die dänischen Ökonomen. Demnach dauert es zwei Jahre, bis die Beschäftigungsrate wieder den Stand an der Altersschwelle von 18 Jahren erreicht. Und auch dann wirkt ein früherer Jobverlust nach: Unter jenen, die mit 18 arbeitslos wurden, liegt die Beschäftigungsrate 15 Prozent niedriger als bei jenen, die ihren Job trotz Sprung beim Mindestlohn behalten haben.

Die Autoren widmen sich auch der Annahme, der Mindestlohn führe zu höherer Jugendarbeitslosigkeit. Tatsächlich würde selbst in konservativen Szenarien die Beschäftigungsquote Jugendlicher zwischen elf und 15 Prozent sinken, gälte statt dem reduzierten gleich der volle Mindestlohn. „Die Einführung eines niedrigeren Mindestlohns für junge Arbeitnehmer“, folgern Kreiner, Reck und Slov, „dürfte die Jugendarbeitslosigkeit in europäischen Ländern mit relativ hohem Mindestlohn senken“.

Ausgerechnet in Griechenland, dem Land mit der höchsten Jugendarbeitslosigkeit in der Europäischen Union, gibt die linke Syriza-Regierung das dänische Modell aber nun auf. Rund 15 Prozent geringeren Mindestlohn bekamen Arbeitnehmer unter 25 Jahren dort bislang. Trotzdem waren im Januar laut der Statistikbehörde Eurostat 39,1 Prozent von ihnen arbeitslos. Angesichts dessen nennt Premierminister Alexis Tsipras den verringerten Mindestlohn eine „unwürdige Maßnahme, die nichts gebracht hat, um die Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen“.

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