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Werner knallhart
ARCHIV - 16.09.2021, Berlin: Fahrgäste gehen zu einen ICE-Zug der Deutschen Bahn im Berliner Hauptbahnhof. Fahrgäste in Fern- und Regionalzügen sowie in Bussen und Straßenbahnen müssen im Kampf gegen das Coronavirus von diesem Mittwoch an geimpft, genesen oder getestet sein. (zu dpa «Deutsche Bahn kündigt 3G-Kontrollen im Fern- und Regionalverkehr an») Foto: Carsten Koall/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Quelle: dpa

3G in der DB: Saftige Bußgelder würden Zugbegleiter entlasten

Keine Chance, so hieß es noch im Sommer. Nun gibt es den Sinneswandel bei 3G im Nahverkehr. Die Entscheidung zeigt: Die Politik muss aufhören zu behaupten, Regeln, die nicht flächendeckend kontrolliert werden könnten, seien sinnlos. Die Strafe muss nur hoch sein.

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Noch am 23. November erklärte der mehr oder weniger (eher weniger) erfolgreich geschäftsführende Bundesgesundheitsminister Jens Spahn im Deutschlandfunk, er sei gegen eine Impfpflicht, denn wie solle denn da ein Bußgeld verhängt werden? Wenn da jemand mehrfach ohne Impfung in eine Kontrolle gerate, müsse er mehrfach zahlen, das sei ja wohl ungerecht, weil es Ärmere härter treffe als Reiche.

Als wenn unsere Gesellschaft nicht schon gespalten genug wäre, macht Spahn die Frage der Impfpflicht zu einer Frage von arm und reich. Was ist dann mit dem Autofahrer, der mit 80 durch die Ortschaft brettert und an zwei Stellen geblitzt wird? Wenn jemand zweimal beim Fahren ohne Fahrerlaubnis erwischt wird? Tun ihm diese Gesetzesbrecher dann auch leid?

Schon im Sommer war eine 3G-Regel in Zügen in der Diskussion. Doch ein von Bundesverkehrsminister Scheuer geführtes Prüfverfahren kam zu dem Ergebnis: nicht umsetzbar. Ein Minister, der in der Pandemie zu dem Ergebnis kommt, dass das Durchsetzen von simpelsten Corona-Regeln nicht leistbar ist: eine Schrulle der Demokratie. In einer Stellungnahme von Gesundheits-, Innen- und Verkehrsministerium an das Kanzleramt hieß es im Sommer: „Die Einführung einer 3G-Regelung, die offensichtlich nicht oder jedenfalls nur sehr eingeschränkt kontrolliert und damit durchgesetzt werden kann, läuft ins Leere.“

Damals hieß es: Weil nicht an jeder Tür des Zuges jemand stehen kann, der sich von jedem einzelnen Fahrgast vorm Einstiegen irgendeines der Zertifikate zeigen lässt (im Berufspendelverkehr wären da tatsächlich viele Verspätungsminuten aufgelaufen), kann man 3G an Bord von Zügen vergessen. Und das sollten wir Bürger schlucken. Machen wir einen solch blöden Eindruck?

In Wirklichkeit wollte man doch wohl den Bahn-Gewerkschaften kein Futter liefern. Denn: Wenn in unserem Land die Maxime gölte, nur das verbieten oder vorschreiben zu können, wenn ausnahmslos überprüft werden kann, ob die Regeln flächendeckend eingehalten werden, ja gut, dann müsste man in der Konsequenz auch die Vergewaltigung in den eigenen vier Wänden erlauben. Wer will da flächendeckend kontrollieren? Zum Glück ist die Gesetzeslage anders.

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    Nun gilt in den Zügen also ab sofort 3G. Huch! Was ist in der Zwischenzeit geschehen? Antwort: Es sterben wieder mehr Menschen auf überlaufenen Intensivstationen. Die Angst vor der Triage wirkt wie ein Denkbeschleuniger. Mal ehrlich – wenn Sie ein zehnjähriges Kind gefragt hätten: „Wie könnte man es hinkriegen, dass alle Leute im Zug geimpft, wieder gesund oder getestet sind, selbst dann, wenn nicht immer alle überprüft werden können?“ – Wäre das Kind nicht auf die Antwort gekommen: „Wie in der U-Bahn“?

    Ja, guten Morgen. Im öffentlichen Bus- und Bahnverkehr setzt ausgerechnet das alte Geht-nicht-Deutschland zur Verwunderung vieler unserer europäischen Nachbarn auf das Prinzip Stichprobenkontrollen mit Strafandrohung (statt auf Drehkreuze oder Klapptür-Schleusen am Bahnhofseingang). Die Angst, erwischt zu werden, reicht als Antrieb für die meisten aus. Um den Rest kümmert sich im Zweifel die Polizei.



    Die Einhaltung der 3G-Regel soll also stichprobenhaft kontrolliert werden. Durch das Sicherheits- und Kontrollpersonal. Na also. Die Deutsche Bahn teilt mit: „Allein im Fernverkehr sind in den ersten Tagen nach Inkrafttreten der neuen Regeln Kontrollen auf 400 Verbindungen geplant. Sollte die DB einen Beförderungsausschluss aussprechen müssen, kann sie die Bundespolizei bei Problemen um Unterstützung bitten.“ Was für eine fantastische Lösung. Wir haben es doch noch drauf. Es muss eben immer erst etwas Schlimmes passieren. Knapp zwei Drittel der Bürger hätten das laut einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag des „Handelsblatts“ schon im Sommer begrüßt.

    Natürlich bedeutet die 3G-Kontrolle mehr Arbeit an Bord. Wenn gerade mal wieder eine Hälfte eines Doppel-ICE ausfällt und alle sich in die eine verbliebene Hälfte quetschen, werden die Zugbegleiter nicht als erstes anfangen müssen, die Impfzertifikate von allen einzeln zu kontrollieren (auch wenn es bei der Enge besonders hilfreich wäre).

    Aber es gibt eben neben stressigen Phasen am Tag auch Zeiten mit Leerlauf für die Mitarbeiter an Bord. Das ist keine Schande und gilt für viele Jobs. Das ist dann die Zeit für Ticketkontrollen mit „und dann bitte noch eins der G-Dokumente mit Ausweis. Danke. Gute Fahrt noch.“

    Wer die Zugbegleiterinnen und Zugbegleiter bei ihrer Arbeit unterstützen möchte, der führt ganz einfach saftige Bußgelder für 3G-Verweigerer ein. Richtig saftige. 1000 Euro? Warum nicht noch mehr? Jeder, der befürchten muss, dass ihm sein weltfremder Egoismus das Konto auf null setzt, ordnet sich eher dem repräsentativ umgesetzten Bürgerwillen unter, als bei symbolhaften Summen im niedrigen dreistelligen Bereich. Wann, wenn nicht in einer todbringenden Pandemie, darf ein Bußgeld richtig weh tun? Die Angst vor dem Horror-Knöllchen erspart dem Bordpersonal sicherlich einige lästige Diskussionen.

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    Aber noch schöner wäre es, es ginge der Wunsch von Berthold Huber, Vorstand Personenverkehr bei der DB, in Erfüllung. Er setzt „vor allem auch auf die Mitwirkung der Fahrgäste beim Umsetzen der neuen gesetzlichen Regeln.“

    Heikel. Vernunft ist laut aktueller Impfquote nur bei 68 Prozent von uns eine Stärke.

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    Mehr zum Thema: Die Deutsche Bahn hält trotz Coronakrise am Deutschlandtakt fest. Fernverkehrschef Michael Peterson über die Probleme bei der Pünktlichkeit, Folgen einer möglichen Ampel-Koalition – und einen neuen Am-Platz-Service im ICE.

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