Werner knallhart

Leitungswasser - Verschwendung ist das neue Vernünftig

Früher galt: Wer seine Zahnbürste eine Sekunde lange unter den Wasserstrahl hält, ist schuld, dass jetzt die Welt untergeht. Heute heißt es: Hau Wasser raus, was die Rohre hergeben. Wir sollen umdenken, sagen Experten.

Wasser. Quelle: dpa

Wir Menschen sind schon komische Leute. Wenn wir uns einmal was in den Kopf gesetzt haben, ist es schwer, es wieder zu korrigieren. Je nachdem, was man uns in jungen Jahren mal erzählt.
So kommt es etwa, dass wir westlichen Menschen andere Weltregionen dafür verachten, dass sie Hunde und Katzen essen, weil die doch so niedlich sind. Dafür vertilgen wir massenhaft Rinder, die von anderen religiös verehrt werden, und Schweine, die wieder andere für unrein halten. Und Kaninchen, die bei uns ebenfalls auf dem Esstisch landen, werden sich dagegen verwahren, weniger niedlich zu sein als eine Katze. Aber keines der Geschöpfe kann da auf die menschliche Vernunft setzen.

Genauso ist es mit unserem Leitungswasser.

Das sollten Sie über Wasser wissen
2010 erklärten die Vereinten Nationen sauberes Trinkwasser zu einem Menschenrecht. Quelle: dpa
Je nach Alter, Geschlecht und Kondition besteht der Mensch zu etwa 60 Prozent aus Wasser. Ohne zu trinken, überlebt er nur wenige Tage. Quelle: dpa
Knapp drei Viertel der Erdoberfläche sind mit Wasser bedeckt. Experten warnen, dass der Klimawandel den Meeresspiegel steigen lässt. Quelle: dpa
„Rokko No Mizu“ heißt das teuerste Mineralwasser, das weltweit verkauft wird. Quelle: dpa/dpaweb
Mehr als die Hälfte der weltweit verwendbaren Süßwasservorkommen finden sich laut der Umweltorganisation WWF in gerade einmal neun Ländern Quelle: AP
Indien hat die meisten Menschen ohne Zugang zu sauberem Wasser Quelle: dpa
Krankheitserreger im Trinkwasser verursachen jährlich den Tod von mehr als 1,5 Millionen Kindern. Quelle: dpa
Weltweit fließen 80 Prozent des städtischen Abwassers unbehandelt in Flüsse, Seen oder ins Meer. In Entwicklungsländern sind es bis zu 90 Prozent. Quelle: dpa
verschwenderischen Umgang mit Medikamenten und Reinigungsmitteln Quelle: dpa
Fließgewässer in Deutschland Quelle: dpa
Um ein Kilogramm Rindfleisch zu bekommen, benötigt man durchschnittlich 15.000 Liter Wasser. Quelle: AP
Das Wort "Wasser" stammt aus dem Althochdeutschen. Der ursprüngliche Begriff "wazzar" heißt so viel wie "das Feuchte" oder "das Fließende". Quelle: dpa

Da ist zum einen die Sache aus Frankreich. Wie ist es möglich, dass wir es uns intellektuell durchgehen lassen, in Plastikflaschen abgefülltes stilles Wasser tausende Kilometer aus Kleinstädten wie Vichi oder aus der Gegend um Évian-les-Bains über die Autobahn herkutschieren zu lassen, um diese dann in schweren Kästen mit zarten Ärmchen auf dem Supermarktparkplatz in den Kofferraum des Mini zu hieven und zuhause in den dritten Stock?
Nur weil die Etiketten so hübsch rosa sind und da Worte drauf stehen wie "fit" und "natürlich". Wenn doch immer wieder in Tests nachgewiesen wird: Das bessere Wasser ganz ohne Plastik-Rückstände ist das, das uns bequem, kühl, umweltfreundlich und fast kostenlos aus der Leitung in den Mund sprudelt.
Wer ausreichend Wasser trinkt und seinen Durst allein mit Schnickschnack-Wasser stillt, kann bei einer Menge von zwei Litern 1 Euro 20 am Tag ausgeben. Das sind aufs Jahr hochgerechnet 438 Euro. Würde man aber immer nur Leitungswasser trinken, käme man auf Getränkekosten von rund 1 Euro 50 - pro Jahr. Eine Ersparnis von gut 99 Prozent. Da kann die schwäbische Hausfrau nicht meckern.

Und während wir einerseits das teure Plastikwasser mit seiner traurigen CO2-Bilanz trinken, liegen wir andererseits Nächte lang wach, weil wir versehentlich an der Toilette einmal die Taste für den großen Spülgang gedrückt haben, obwohl bei genauerer Betrachtung die Betätigung der kleinen Wasserspar-Taste völlig ausreichend gewesen wäre.

In Deutschland werden Kinder von klein an zurecht gewiesen, das kalte Wasser abzustellen, während sie sich die Zähne putzen. Bis sie ab dem Alter von fünf anfangen, im Gegenzug ihre Eltern in Diskussionen zu verwickeln, ob es denn tatsächlich nötig gewesen wäre, die Tomatenkerne im Spülbecken noch mit einem Stoß Wasser wegzuspülen, die wären doch wegen ihrer Glitschigkeit auf kurz oder lang von selber hinabgerutscht.

Da trauen sich verschämte Menschen aus Umweltschutzgründen morgens nicht, nach dem Aufstehen das Wasser dreißig Sekunden lang in den Abfluss ablaufen zu lassen, bis es richtig kalt kommt, wie es Experten empfehlen, bevor man es trinkt. Stattdessen riskieren sie, mit dem über Nacht abgestandenen Wasser Schadstoffe wie Blei aus den womöglich veralteten letzten Leitungsmetern des eigenen Hauses mitzutrinken.

Und alles nur, weil vor dreißig Jahren die Zuständigen in unseren Wasserwerken hochgerechnet haben: Wenn der Wasserverbrauch der Bevölkerung weiter ansteigt, dann liegt er bald nicht mehr bei 150 Litern pro Kopf und Tag, sondern bei 200, und dann müssen wir teuer die Netze nachrüsten. Ab da hieß es: Wasser sparen.

Und nun stellt sich raus: Unser deutscher Wasserspar-Tick hat teure Folgen für die Infrastruktur. Statt der 150 Liter verbrauchen wir heute durchschnittlich 120 Liter täglich. Mit der Folge, dass das frische Wasser länger in den Rohren steht und droht, an Qualität zu verlieren. Und mit der anderen Folge, dass die Abwasserleitungen mitunter nicht stark genug geflutet werden. Die verstopfen dann und müssen extra aufwändig gespült werden - mit Leitungswasser. Und mit Kosten für Personal und Spezialgeräte.

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