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Werner Plumpe „1931 waren die Menschen völlig hoffnungslos“

Die große Depression von 1929-32: Eine Menschengruppe vor der Sparkasse der Stadt Berlin, aufgenommen am 13. Juli 1931. Quelle: Getty Images

Vor 90 Jahren endete der Börsenboom in einem großen Knall. Der Historiker Werner Plumpe erklärt, wie es zur Weltwirtschaftskrise kommen konnte und warum wir daraus für gegenwärtige Probleme kaum Lehren ziehen können.

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Werner Plumpe ist Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Goethe-Universität in Frankfurt und Buchautor.

WirtschaftsWoche: Am 24. Oktober 1929 endete in New York ein bis dahin ungekannter Börsenboom in einem großen Knall. Was zunächst wie eine normale Rezession wirkte, entpuppte sich als Katastrophe. Wie konnte es so weit kommen?
Werner Plumpe: Es gibt nicht die eine Ursache, die die Tiefe und den sich hinziehenden Verlauf der Krise hinreichend erklären könnte. Der Wirtschaftswissenschaftler Paul Samuelson sprach von einer Vermischung von ungünstigen Umständen. Die USA erlebten eine konjunkturelle Delle, die das Land während einer spekulativen Börsenhausse traf. Hinzu kam, dass die Weltwirtschaft aufgrund der Folgen des Ersten Weltkriegs insgesamt sehr angeschlagen war, darüber konnten auch die Goldenen Zwanziger nicht hinwegtäuschen. Das war eher eine Scheinblüte.

Die Weimarer Republik und die USA traf die Krise besonders hart. Was hat das mit den Menschen gemacht?
In den USA war vor allem die Landbevölkerung, in der Weimarer Republik zusätzlich zu dieser die Arbeiterbevölkerung in den Industriezentren stark betroffen. Deutschland erlebte schon während den Zwanzigerjahren eine hohe strukturelle Arbeitslosigkeit. Das kannten die Menschen nicht, aus dem Kaiserreich waren sie Vollbeschäftigung gewöhnt. Im Laufe der Krise nahm die Arbeitslosigkeit massiv zu. Im Winter 1932/33 war in Deutschland im Grunde genommen die Hälfte der beschäftigten Bevölkerung mehr oder minder hart von der Arbeitslosigkeit betroffen.

Wie das? In Deutschland waren offiziell rund sechs Millionen Menschen arbeitslos.
Diese Zahl spiegelt nur die direkte Arbeitslosigkeit wider. Kurzarbeit und Lohnkürzungen standen ebenfalls an der Tagesordnung. Zu Beginn der Krise war da noch so etwas wie Optimismus. 1931 waren die Menschen bereits völlig hoffnungslos und verzweifelt. Ein Wirtschaftswissenschaftler der damaligen Zeit sprach von einer regelrechten Krisenneurose, die die ganze Gesellschaft im Griff hatte und zu unberechenbarem politischen Verhalten führte, das schließlich in der Wahlentscheidung für die NSDAP oder Kommunistischen Partei mündete. Die Regierungen der späten Weimarer Republik erschienen den Bürgern entsprechend weitgehend handlungsunfähig.

Welche Rolle spielte es, dass die Menschen aus der Euphorie der Goldenen Zwanziger in eine tiefe, langanhaltende Krise schlitterten?
Die Zwanziger waren eine hektische und durchaus moderne Zeit, aber vor allem in den USA und weniger in Deutschland. Deutschland war durch die Folgen des Ersten Weltkriegs weitgehend verarmt, das galt auch für das Bürgertum. Die Menschen der Weimarer Jahre erlebten die Goldenen Zwanziger daher vor allem als Zuschauer aus der Ferne. Die neue Welt des Konsums genossen andere. In den USA war der Bruch der Krise daher deutlich härter.

Beinahe ikonischen Status erlangten in den USA die Bilder der aus den Fenstern stürzenden Börsenhändler. Gab es Vergleichbares in Deutschland?
Die Weimarer Republik war arm und es fehlte an Kapital, deswegen gab es hier nicht solche spekulativen Übertreibungen wie in den USA. Die Volatilität der Kurse und die Kursverluste waren auch in Deutschland bedeutend, aber all das war nicht mit den USA zu vergleichen. Insofern waren auch Suizide unter Börsenhändlern, die sich Geld geliehen hatten und bei fallenden Kursen ihre Kredite nicht bedienen konnten, eher die Ausnahme und kein verbreitetes Phänomen in Deutschland.

Wie schwer trafen die Reparationszahlungen die Weimarer Republik?
Weniger hart als gemeinhin angenommen wird. Die Reparationszahlungen wurden 1932 beendet. Schaut man rückblickend, welche Summen bis dahin flossen, wird klar: Die Reparationszahlungen waren keine existentielle Gefahr für die deutsche Wirtschaft der Zwanzigerjahre.



Die Menschen jener Zeit hatten einen anderen Eindruck.
Die Reparationsforderungen erschienen den Zeitgenossen exorbitant hoch. Hinzu kam ein weiteres Problem: Wollte die Weimarer Republik die Reparationskosten mit Devisen begleichen, mussten diese vorher erwirtschaftet werden, es bedurfte also des Exports deutscher Güter. Gerade dieser Export – in die USA, nach Großbritannien oder Frankreich – war politisch von ebenjenen Ländern aber weitgehend ausgeschlossen. Deutschland konnte seinen Verpflichtungen nur dadurch nachkommen, dass es sich an den internationalen Geld- und Kapitalmärkten erheblich verschuldete. Damit wurde ein Schuldenkarussell in Gang gesetzt, das verheerende Auswirkungen auf den Krisenverlauf hatte.

Inwiefern?
In den USA herrschte in den Zwanzigern eine große Bereitschaft, europäischen Staaten mit hohen Zinsen Geld zu leihen, namentlich Großbritannien und Deutschland. Die deutschen Reparationszahlungen flossen dann zumindest zum Teil als Rückzahlung der interalliierten Kriegsschulden zurück in die USA, um von dort aus wieder nach Europa zurückzukehren. Als die USA 1928/29 aufhörten, Geld zu verleihen, gerieten insbesondere Deutschland und Großbritannien in Schwierigkeiten. Als dann 1930/31 zu der Wirtschafts- eine Finanzkrise hinzukam und die Amerikaner ihre Gelder fluchtartig erst aus Deutschland und dann auch aus Großbritannien abzogen, verschärfte das die Krise abermals. Hinzu kam, dass die Staaten im Goldstandard gefangen waren, also keine Möglichkeit hatten, ihre Währungen abzuwerten.

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