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Die Folgen der Pandemie „Die goldenen Zwanziger hat es in Wahrheit nie gegeben“

Mitarbeiter des Roten Kreuzes transportieren im Oktober 1918 einen Grippekranken in St. Louis / Missouri Quelle: Getty Images

Wie kam die Wirtschaft vor 100 Jahren nach dem Krieg und der tödlichen „Spanischen Grippe“ wieder auf die Beine? Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe sieht in den „Goldenen Zwanzigern“ nur eine Scheinblüte – angeheizt durch expansive Geld- und Fiskalpolitik.

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Werner Plumpe, 66, ist Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Goethe-Universität Frankfurt und Experte für die Geschichte des Kapitalismus.

WirtschaftsWoche: Herr Plumpe, noch ist unklar, welche wirtschaftlichen Schäden die Coronakrise am Ende anrichten wird. Lassen sich aus der Spanischen Grippe, die zwischen 1918 und 1920 wütete, ökonomische Rückschlüsse ziehen?
Werner Plumpe: Die Spanische Grippe ist als historische Erfahrung von Bedeutung, aber wir wissen nicht wirklich viel darüber, was diese Pandemie ökonomisch für Schäden verursacht hat. Sie fiel ja zeitlich in eine multiple Krisensituation mit dem Ersten Weltkrieg, der anschließenden Konversion der Wirtschaft von Rüstungs- auf Zivilproduktion und politischen Unruhen wie der Revolution und später dem Kapp-Putsch. Das macht es sehr schwer, die Folgen der Pandemie von anderen Einflüssen zu isolieren. Alle Annahmen zur Bedeutung der Spanischen Grippe für die Wirtschaft sind spekulativ.

Fakt ist aber doch, dass die Spanische Grippe – anders als heute das Coronavirus – vor allem junge Menschen im arbeitsfähigen Alter dahinraffte und das Arbeitskräftereservoir der Volkswirtschaft  schrumpfen ließ
…ja, aber zugleich musste das Deutsche Reich ab November 1918 ein Millionenheer von zurückkehrenden Soldaten in den Arbeitsmarkt integrieren. Das ist bis 1920 gelungen – so reibungslos wahrscheinlich auch wegen der Dezimierung von Arbeitskräften durch die Spanische Grippe.

Werner Plume Quelle: Uwe Dettmar

Nach Krieg und Spanischer Grippe boomte die deutsche Wirtschaft Anfang der 20er Jahre. Wie war das möglich?
Es gab eine kurze Sonderkonjunktur 1919 und 1920, angefeuert durch Inflation und einen sinkenden Außenwert der deutschen Währung. Die Industrie konnte ihre Exportgüter zu Dumpingpreisen verkaufen. In anderen Ländern wie etwa Großbritannien gab es hingegen ab 1919/20 eine konjunkturelle Krise. Das Deutsche Reich hielt hingegen an seinem inflationären Kurs der Kriegsjahre fest. Letztlich übernahm die Notenpresse die Finanzierung der Kriegsfolgenkosten, der Demobilisierung, der Umstellung der Ökonomie auf zivile Produktion. Für die Inflationspolitik spielten sicher auch die Reparationsforderungen eine Rolle. Die Regierung glaubte, mit Inflation die Zahlungsunfähigkeit des Landes nach außen dokumentieren zu können. Als sich der Streit um die Reparationen zuspitzte und Frankreich und Belgien im Januar 1923 das Ruhrgebiet besetzten, hat das Deutsche Reich dann die monetären Schleusen vollständig geöffnet und den passiven Widerstand mit der Notenpresse finanziert. Da waren die positiven Wirkungen der Abwertung längst Vergangenheit. Das Ergebnis ist bekannt: eine Hyperinflation.

Nach der Währungsreform 1924 begannen die vielzitierten „Goldenen Zwanziger“. Wie golden war diese Zeit wirklich?
Die „Goldenen Zwanziger“ waren eine Scheinblüte. Diese Zeit ist uns wegen ihres Glamours bis heute symbolisch präsent, aber in Wahrheit hat es diese goldenen Jahre in Deutschland – zumindest ökonomisch – nicht gegeben.  Es herrschte im Vergleich zur Kaiserzeit eine relativ hohe Arbeitslosigkeit, im Durchschnitt über zwei Millionen. Nach der Währungsreform 1924 gab es eine Stabilisierungskrise. 1925 lief es noch gut, aber schon 1925/26 geriet die Konjunktur wieder ins Stocken.  Die Politik reagierte keynesianisch mit steigenden Ausgaben, dadurch kam es in der Folgezeit zu hochdefizitären Staatshaushalten. 1927 und 1928 waren nochmal gute Jahre, dann aber trübte sich das konjunkturelle Umfeld endgültig ein. Im Herbst 1929 brach die Weltwirtschaftskrise aus. Das klingt alles zusammengenommen nicht übermäßig golden.

Wie hat sich die Industrie in dieser Zeit strukturell weiterentwickelt?
Nach der Währungsreform und der anschließenden restriktiveren Geldpolitik hatte die Industrie ein Margenproblem. Es kam daraufhin zu einer großen Rationalisierungswelle. Die Unternehmen versuchten, ihre Kosten zu drücken und effizientere Techniken zu etablieren. Das war auch teilweise erfolgreich, etwa in der chemischen und elektrotechnischen Industrie. Hier gibt es durchaus eine Analogie zur heutigen Zeit mit dem Megatrend von Digitalisierung und Industrie 4.0.  Man bekommt effizientere Produktionsstrukturen – aber im Zweifel solche mit weniger Arbeitsplätzen. 

Hat die Spanische Grippe damals die deutsche Gesellschaft verändert?
Nein. Die Grippe ist von den Menschen als ein Übel von vielen wahrgenommen worden. Im Krieg waren zweieinhalb Millionen junge Männer umgekommen, es gab viele Hungertote in Deutschland, da hat man das Virus schlicht hingenommen. Die Seuche ging, wenn man so will, im allgemeinen Sterben unter. Es gab auch keine massiven Gegenreaktionen des Staates. Gleiches gilt für die Wirtschaft. Ich habe eine Reihe von Quellen aus der Wirtschaft gesichtet, etwa aus der Chemischen Industrie. Die zeigen, dass die Grippe auch innerhalb der Unternehmen kein großes Thema war. Das ist einer der großen Unterschiede zu unserer aktuellen Situation.

Mehr zum Thema: Taugt eine Pandemie zum Katalysator einer neuen Zeit? Manche Ökonomen spekulieren nach Corona auf eine Renaissance der Goldenen Zwanzigerjahre. Doch die historischen Erfahrungen mit der Spanischen Grippe lassen eher eine Scheinblüte erwarten.

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