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Digitale Binnenmarkt Start-ups in Europa: 28 Länder, 28 verschiedene Regeln

Start-ups in Europa: 28 Länder, 28 verschiedene Regeln Quelle: imago images

Die EU-Kommission möchte, dass europäische Start-ups grenzenlos wachsen können – schnell und unbürokratisch. Doch der noch immer unvollendete digitale Binnenmarkt kostet junge Unternehmen viel Zeit und Geld.

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Zu den Sonderlichkeiten der Europäischen Union gehört, dass der digitale Binnenmarkt einen eigenen Twitterauftritt besitzt, auf dem er sich kürzlich selbst zu seinem vierten Geburtstag gratulierte. Dass die EU die Roaming-Gebühren abgeschafft habe, wurde in dem dazugehörigen Geburtstagsvideo gelobt. Ebenso, wie die Tatsache, dass von Menschen aus unterschiedlichen Ländern, wenn sie im Internet einkaufen, nicht mehr unterschiedliche Preise verlangt werden dürften. Und dass man seine digitalen Filmabonnements nun überall in der EU nutzen könne.

Das sind nützliche Verbesserungen für viele Europäer, die reisen. Tamaz Georgadze helfen sie jedoch nur bedingt. 2012 hat Georgadze in Berlin das Fintech Raisin gegründet: Das Unternehmen vermittelt vor allem Fest- und Tagesgelder bei europäischen Banken, die höhere Zinsen anbieten als Institute im eigenen Land – ohne dass beispielsweise deutsche Kunden in Schweden extra ein Konto eröffnen müssten. Die Schwierigkeit für Georgadze: Für sein Fintech gelten in jedem der 28 Mitgliedsstaaten unterschiedliche Regeln. „Es gibt eine Harmonisierung, aber keine Vereinheitlichung“, sagt er. Jedes Land lege die Vorgaben aus Brüssel eben etwas anders aus.

Zu welchen Umständen das führt, kann Georgadze lebhaft beschreiben:

Beispiel Produktdarstellung: In Frankreich müssten bei Festgeld effektiver und nominaler Jahreszins ausgewiesen werden, in Spanien die Risikoklasse.

Beispiel Einlagesicherung: Banken müssen Kunden jedes Jahr über die Regelungen informieren – in manchen Ländern genüge das per E-Mail, in anderen müsse es ein Brief sein.

Beispiel Geldwäschegesetze: Gebe es beispielsweise bei spanischen Kunden einen Verdacht, sagt Georgadze, müssten Banken den nicht nur den Behörden am deutschen Firmensitz, sondern auch ihren spanischen Kollegen melden.

Ohne Juristen kommt das junge Unternehmen daher nicht aus – und arbeitet mit Kanzleien in den jeweiligen Ländern zusammen. „All das zu erfüllen treibt unsere Kosten und geht zu Lasten unserer Geschwindigkeit“, sagt Georgadze. Beides keine Vorteile für ein junges Unternehmen.

Dabei hat sich die Europäische Kommission genau das 2015 vorgenommen: Dass europäische Start-ups wie Raisin grenzenlos wachsen können sollen, und zwar schnell und unbürokratisch. Die Strategie für einen digitalen Binnenmarkt sieht vor, dass bis 2020 Regulierungshindernisse beseitigt sind, 415 Milliarden Euro zusätzlich erwirtschaftet werden und Hunderttausende Arbeitsplätze entstehen können. Von den 30 Vorschlägen, die die EU-Kommission von der Versteigerung von Funkfrequenzen bis hin zu digitalen Verwaltungen erarbeitet hat, sind aber längst noch nicht alle umgesetzt.

Für Raisin, das in Deutschland unter der Marke Weltsparen auftritt, bedeutet das, dass sich Georgadze und seine Mitstreiter eines Tricks bedienen. Denn dass sie ihr Angebot auch außerhalb von Deutschland anbieten wollen, war für sie schnell klar – zumal das auch ihre Wagniskapitalgeber zur Voraussetzung machten, um zu investieren.

Um alle europäischen Kunden auf einen Schlag zu erreichen, hat das Team daher eine englischsprachige Plattform aufgesetzt – bewirbt diese aber nicht. Solange das Angebot nicht aktiv auf sich aufmerksam macht, sondern Kunden es zufällig finden, muss Raisin nur die deutsche Regulierung befolgen, die ohnehin als eine der strengsten gilt. Lediglich in Österreich, Frankreich, den Niederlanden, Spanien und Großbritannien bietet das Start-up ein länderspezifisches Portfolio an – und darf deshalb Werbung machen. Dies war bereits kosten- und vor allem auch zeitintensiv. Um mit den spanischen Behörden die Details der Geldwäscheüberwachung abzustimmen, hat Raisin allein drei Jahre gebraucht.

Dabei, sagt Georgadze, könnte alles viel leichter sein. Zum Beispiel, wenn sich die EU entschließe, Vermittler, wie sein Unternehmen, europaweit zuzulassen, wenn es sich zusätzlich zu seiner Heimatlizenz einer europarechtlichen Prüfung unterziehe. Große Hoffnungen hat allerdings Georgadze nicht. Zwar sei er zu einer Anhörung der Kommission eingeladen gewesen, am Ende habe die aber nur die Regulierung für Crowdfunding angepackt – „ein eher kleiner Bereich“.

Auch Frédéric Mazzella kennt die Schwierigkeiten, die junge Unternehmen bekommen, wenn sie in Europa ihr Geschäft in andere Länder ausweiten. Sein Unternehmen BlaBlaCar koordiniert Autofahrer und Reisende zu Fahrgemeinschaften und verdient an den Vermittlungsgebühren. Das Start-up bietet seine Dienste in 22 Ländern an, vor allem in Europa. Die EU mache es ihren Digitalunternehmen alles andere als leicht, sagt auch Mazzella: „Es ist, als müssten wir jedes Mal, wenn wir in ein anderes europäisches Land gehen, eine neue Firma gründen.“

Mazzellas Einschätzung hat durchaus Gewicht. Europäische Politiker zeigen gern auf BlaBlaCar, wenn sie belegen wollen, dass neue Ideen und digitale Geschäftsmodelle nicht nur im Silicon Valley oder im chinesischen Shenzhen entstehen, sondern auch in Europa. Experten schreiben dem Unternehmen einen Wert von mehr als einer Milliarde Euro zu. Damit fällt es unter den europäischen Digitalfirmen immer noch auf.

Mazzella lobt auch durchaus Argumente aus dem Geburtstagsvideo: Dass die EU die Roaming-Gebühren abgeschafft habe, „war notwendig und ist für Dienste wie uns gut“. Er wünscht sich aber dringend weitere Vereinheitlichungen. Je nach Standort sei ein anderer Mehrwertsteuersatz fällig, ein anderes Arbeitsrecht einzuhalten. Natürlich, das trifft nicht nur Digitalunternehmen – aber es bedeutet für sie oft besondere Probleme, weil sie sich von Anfang an international aufstellen wollen.

BlaBlaCar ist zuletzt in seinen außereuropäischen Märkten, in Russland und Brasilien, besonders schnell gewachsen. Auch deshalb glaubt Mazzella: Ohne digitalen Binnenmarkt verliert Europa junge Unternehmen. „Wenn ein französisches Start-up glaubt, in den USA erfolgreich sein zu können, auf einem echten, einheitlichen Markt – warum sollte es hier bleiben?“

Tamaz Georgadze hat gerade bekannt gegeben, Raisin auch in die USA zu bringen. Das bedeute nicht, dass er Deutschland den Rücken kehre, sagt er – der Heimatmarkt sei für ein Unternehmen immer der stärkste und er werde in den kommenden Jahren auch deutlich wichtiger bleiben. Aber in den USA gebe es eben auch die Chance, „mit dem gleichen Aufwand einen größeren Return“ zu erreichen. Georgadze sieht in den USA im Bereich der Einlagen ein Marktpotenzial von insgesamt fast 13 Billionen Dollar. In Europa sind es gut zehn Billionen Euro.

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