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Existenzgründungen „Corona beschädigt die Lust auf Selbstständigkeit“

Nachdem sich das Gründerklima in Deutschland verbessert hat, könnte Corona dem Trend ein Ende bereiten. Quelle: Getty Images

Laut einer Vergleichsstudie hat sich das Gründungsklima in Deutschland verbessert. Corona könnte dem Trend ein schnelles Ende bereiten, befürchtet Studien-Mitautor Rolf Sternberg, Professor an der Universität Hannover.

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Rolf Sternberg ist Professor für Wirtschaftsgeografie an der Universität Hannover. Er leitet seit vielen Jahren das Deutschland-Team des „Global Entrepreneurship Monitor“, der weltweit größten Vergleichsstudie über die Gründungsaktivitäten und die Rahmenbedingungen für Start-ups.

WirtschaftsWoche: Herr Sternberg, der neue „Global Entrepreneurship Monitor“ attestiert den Deutschen die höchste Lust auf Existenzgründungen seit rund 20 Jahren. Werden wir etwa wieder zur Gründernation?
Rolf Sternberg: Da wäre ich vorsichtig. Der hohe Wert, der aus einer Befragung von 3000 Bundesbürgern resultiert, ist erfreulich. Er kommt aber sehr überraschend. Es mag sein, dass langsam diverse Fördermaßnahmen der Politik greifen. Auch ist der Begriff „Start-up“ gerade in der jungen Generation mittlerweile sehr positiv besetzt. Als Wissenschaftler kann ich aber auch nicht ausschließen, dass es sich bei dem guten Ergebnis um einen Ausreißer handelt, der in einigen Jahren in der Rückschau wie ein einsamer Turm in der Landschaft steht. Wir können wohl erst in etwa zwei Jahren urteilen, ob das 2019er-Ergebnis Indiz für eine Trendwende war. Denn die Befragungsdaten wurden 2019 ermittelt, also vor Corona. Die Pandemie wird die Gründungsquote in diesem Jahr verzerren und höchstwahrscheinlich nach unten treiben.

Man könnte auch anders argumentieren: dass nämlich die Corona-Seuche die Gründungszahlen sogar erhöht. Wer seinen Job verliert, für den ist Gang in die Selbstständigkeit oft eine nahliegende Option.
In normalen Rezessionen kommt es in der Tat mit einer gewissen Verzögerung zu solchen Gründungen aus der ökonomischen Not heraus. Zudem sie auch durch politische Maßnahmen gefördert werden. Bei der Wirtschaftskrise 2008/2009 etwa sank die gesamte Gründungsquote zwei Jahre ab, ging danach aber spürbar nach oben. Dieser Effekt ist in der Corona-Krise möglich, aber derzeit nicht wahrscheinlich. Ich halte es vielmehr für denkbar, dass dieser exogene Schock die Lust auf Existenzgründung nachhaltig beschädigt. Jeder bekommt doch aktuell mit, in welch prekäre Lage gerade Soloselbstständige und kleine Firmen völlig unverschuldet geraten. Wenn es bald zu einer großen Pleitewelle kommt, dürften die Vorzüge des Angestelltendaseins umso heller erstrahlen. Insofern kann der Verlauf der Corona-Pandemie auch die Haltung der Deutschen zur Selbstständigkeit prägen.

Aber bietet eine große Krise nicht immer auch Chancen – und Potenziale für neue Geschäftsideen?
Sicher, keine Krise hat nur Verlierer. Es kann nach der Coronakrise zu sektoralen Umstrukturierungen in einzelnen Branchen kommen – und damit auch zu Chancen für neue Gründungen. Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass man mit findigen Ideen in Branchen wie digitaler Lehre oder anderen personenbezogenen Dienstleistungen unternehmerisch durchaus Erfolg haben könnte. Ob unter dem Strich ein positiver Saldo – mehr coronabedingter Gründungszuwachs als coronabedingter Gründungsschwund – oder ein negativer Saldo zustande kommt, kann derzeit niemand vorhersagen.

Die neue GEM-Studie halt weltweit die Rahmenbedingungen für Existenzgründer verglichen. Mal unabhängig von Corona: Wo ist Deutschland richtig gut und wo schneiden wir im internationalen Vergleich schlecht ab?
Wir haben für die GEM-Studie weltweit fast 2200 Gründungsexperten befragt, insgesamt in 34 Staaten. Aggregiert man alle Antworten und Bewertungen, liegt Deutschland bei den Rahmenbedingungen auf Platz 9 und damit im oberen Drittel. Insgesamt haben wir uns in den vergangenen Jahren verbessert, es gibt aber weiterhin eine Reihe von Schwachstellen. Außerordentlich gut schneiden wir bei der öffentlichen Förderung von Start-ups ab (Platz 1) und dem Zugang zu unternehmensbezogenen Dienstleistungen (Platz 2). Ordentlich sind wir auch beim Wissens- und Technologietransfer sowie bei den (geringen) Markthemmnissen junger Unternehmen (jeweils Platz 8). Sehr schlecht sieht es hingegen - und das seit vielen Jahren ¬- bei der schulischen Gründungsausbildung aus (Platz 24). Den schlechtesten Wert gibt es für die physische Infrastruktur, also etwa die Qualität der Kommunikationsnetze, den Zustand der Verkehrswege oder die Verfügbarkeit von Gewerbeflächen. Hier liegen wir unter 34 Nationen nur auf Rang 26 – hinter Staaten wie Chile oder Katar.

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