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Rezession Griechenlands Jugend sucht Wege aus der Krise

Kein Job, kaum Geld, keine Perspektive: junge Griechen leiden unter der Krise. Doch statt mit dem Schicksal zu hadern, kämpfen sie. Einige gründen Unternehmen, andere wandern aus. Auch nach Deutschland.

In keinem europäischen Land ist die Jugendarbeitslosigkeit so hoch wie in Griechenland. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie junge Griechen versuchen, ihren eigenen, ganz persönlichen Weg aus der Krise zu finden und den pessimistischen Zukunftsaussichten zu trotzen. Quelle: dpa

Kein Job, kaum Geld, die Zukunftspläne gehen den Bach runter... Und wann es im Land wieder besser wird, weiß man nicht... "Was tue ich jetzt?" ist die Frage, die sich zahlreiche junge Griechen seit der Krise stellen müssen. Denn in einem Land wie ihrem, in dem mehr als jeder Vierte arbeitslos ist, gibt es wenig Hoffnung für die junge Generation. In keinem Land ist die Jugendarbeitslosigkeit so hoch wie dort: Über die Hälfte der unter 25-Jährigen haben keinen Job.

Die desaströse Stimmung im Land ist bei solchen Aussichten nicht überraschend: Die Griechen blicken sehr pessimistisch in die Zukunft, sagt Dr. George Tzogopoulos, Politikwissenschaftler und Mitarbeiter der Griechischen Stiftung für Europa- und Außenpolitik. "Sie glauben nicht mehr daran, dass die Sparauflagen Griechenland retten können. Sie sagen, okay, wir haben unter den Maßnahmen viel gelitten, und sie haben nicht geholfen. Bis hier hin in Ordnung. Aber jetzt sollen wir noch mehr leiden... aber warum? Es scheint ja nichts zu bringen!"

Das produzieren die Griechen
Sinkendes BIP, steigende ExporteDas griechische Bruttoinlandprodukt sank 2011 laut Internationalem Währungsfonds zum dritten Jahr in Folge – und jedes Mal wird der Rückgang größer. 2009 sank die Wirtschaftsleistung erstmals um 2,34 Prozent, vergangenes Jahr waren es schon fünf Prozent. Insgesamt trägt die Industrie nur ein Zehntel zur Wirtschaftsleistung bei. Immerhin steigen die Exporte. Lag das Saldo der griechischen Handelsbilanz laut der Welthandelsorganisation vor vier Jahren noch bei -66,2 Milliarden US-Dollar, waren es 2010 nur noch -41,76 Milliarden. Nun veröffentlichte das griechische Statistikamt, das vergangenes Jahr die Exporte um 9,4 Prozent gestiegen seien – ausgelassen haben die Statistiker dabei Mineralölprodukte und Schiffe. Doch was macht die griechische Industrie eigentlich aus? WirtschaftsWoche Online wirft anhand von kürzlich veröffentlichten Zahlen des Deutschen Instituts für Weltwirtschaft (DIW) einen Blick auf die zehn größten verarbeitenden Gewerbe Griechenlands. Quelle: dpa
10. MaschinenMaschinen haben für die griechische Produktion nicht die gleiche Bedeutung, wie in Deutschland. Sie liegen laut DIW lediglich an zehnter Stelle der griechischen Industrien. Ihr Anteil macht gerade mal zwei Prozent an der Bruttowertschöpfung im verarbeitenden Gewerbe aus. In der gesamten Europäischen Union beträgt der Anteil 10,9 Prozent. 2010 betrugen die Exporte griechischer Maschinen 1,9 Millionen Euro, gleichzeitig wurden Maschinen im Wert von 11,5 Millionen Euro importiert. Das macht ein Saldo von -9,6 Millionen Euro. Das Bild zeigt einen BMW auf der Automesse in Athen. Quelle: AP
9. Elektrische AusrüstungenElektrische Ausrüstungen liegen für die griechische Industrie an neunter Stelle. Ihr Anteil an der Bruttowertschöpfung des verarbeitenden Gewerbes in Griechenland macht 2,5 Prozent aus – in der EU sind es insgesamt 5,4 Prozent. Quelle: dpa
8. Chemie4,3 Prozent der griechischen Produktion sind chemische Erzeugnisse – ausgenommen ist dabei Mineralöl. In der EU beträgt der Produktionsanteil chemischer Waren generell 6,9 Prozent. Die griechischen Chemie-Ausfuhren sind 2010 laut DIW auf 2,4 Milliarden Euro gestiegen. 2009 waren es noch 2,1 Milliarden Euro. Das Handelsbilanzsaldo chemischer Erzeugnisse aus Griechenland sank somit auf -4,9 Milliarden. Quelle: dapd
7. Textilien und LederwarenBei Stoffen, Leder und Bekleidung ist der Anteil an der griechischen Produktion größer als in der Gesamt-EU. Sie stellen 4,7 Prozent der Bruttowertschöpfung des verarbeitenden Gewerbes, der Anteil ist generell in der EU nur 4,1 Prozent. Quelle: dpa
6. Medizin Der einzige griechische High-Tech-Zweig, der international mithalten kann, ist die griechische Pharmaindustrie, die sich hauptsächlich rund um Athen befindet und auf Generika spezialisiert ist. Pharmazeutika stellen 5,6 Prozent an der griechischen Produktion, in der EU sind es insgesamt nur 4,6 Prozent. Quelle: dpa
5. Gummi- und Kunststoffwaren, Glas, Keramik, Steine und ErdenAcht Prozent am verarbeitenden Gewerbe in Griechenland macht die Produktgruppe rund um Gummi-, Glas- und Steinprodukte aus. In der EU sind es allgemein neun Prozent. Quelle: dpa/dpaweb

Junge Griechen wählen verschiedene Möglichkeiten, um ihren eigenen Weg aus der Krise zu finden. Manche verlassen ihre Heimatland, andere versuchen auszusitzen und hoffen weiterhin und wieder andere nehmen allen Mut zusammen und starten ihr eigenes wirtschaftliches Abenteuer: die Selbstständigkeit.

Auf nach Deutschland

Rund 958.000 Menschen zogen allein 2011 nach Deutschland, so das Statistische Bundesamt. 20 Prozent mehr als im Vorjahr. Aus Griechenland kamen 90 Prozent mehr Einwanderer: rund 23.800. Eine davon ist Christina Ntouni. Sie wuchs in einer Familie der oberen Mittelklasse auf. Dadurch erhielt sie schon zu Schulzeiten eine besonders gute Ausbildung, besuchte eine Privatschule. "Ich habe sowohl in meiner Kindheit als auch während meines Studiums ein wohlhabendes Leben geführt mit vielen Privilegien," sagt Ntouni.

Trotz erfolgreichem Studium ist Christina Ntounis genauso unsicher wie viele andere junge Griechen. Anfang 2012 fiel die Entscheidung ins Ausland zu gehen. Quelle: Presse

Sie schrieb sich für "Internationale und Europäische Studien" an der Panteion Universität in Athen ein, besuchte zudem Kurse in Englisch, Französisch und Spanisch. Heute spricht sie alle drei Sprachen auf einem hohen Level und beendete ihr Studium erfolgreich. Aber auch ihre Zukunft ist genauso unsicher wie die vieler anderer junger Griechen.

Nach der Schule entschied sie sich aus ihrer Heimatstadt Patras zum Studieren nach Athen zu gehen. "Mein Plan war es meinen Universitätsabschluss zu bekommen und dann für ein europäisches Forschungsinstitut in Athen zu arbeiten."

Zukunftspläne aufgeben müssen

Von diesem Plan ist nicht allzu viel geblieben: "Fakt ist, dass mein jetziges Leben überhaupt nichts mit dem zu tun hat, was ich mir vor einigen Jahre gewünscht habe", sagt Ntouni. Mit dem Bachelor in der Tasche wollte sie sich eigentlich für einen Masterplatz bewerben, aber aufgrund der schwierigen finanziellen Situation entschied sie sich 2011 stattdessen eine Arbeit zu finden.

Mit ihren Fremdsprachenkenntnissen hoffte sie, eine entsprechende Anstellung finden zu können. Monatelang habe sie Bewerbungen geschrieben, aber die steigende Arbeitslosenrate machte die Chancen auf einen Job immer schwieriger. "Ich habe kein einziges Jobangebot bekommen", so ihr bitteres Fazit. Die Folge: Eine eigene Wohnung in Athen ohne jegliche Einnahmen war nicht zu finanzieren.

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