Ukraine-Wiederaufbaukonferenz: Bloß weg von hier! Dahin, wo Geschichte gemacht wird

Selenskyj, Scholz und von der Leyen.
Foto: imago imagesWer weiß, ob es ihm wirklich ein Trost ist – aber Olaf Scholz wäre wahrlich nicht der erste Kanzler, der in die Weltpolitik flüchtet, um der Enge einer Koalition und Häme heimischer Medien zu entkommen. Bloß weg hier. Raus. Dorthin, wo Geschichte gemacht werden kann – und kein Hinterbänkler die Vertrauensfrage einfordert.
So ernst, so furchtbar der heutige Anlass auch war: Die in Berlin ausgerichtete Wiederaufbaukonferenz für die kriegsversehrte Ukraine am Dienstag bot dem EU-Wahlverlierer Scholz deshalb ziemlich sicher das erstrebenswertere Terrain als das Foyer des Willy-Brandt-Hauses am Sonntagabend. Endlich wieder gestalten können statt grinsen müssen.
Es dürfte exakt die Hoffnung im Kanzleramt sein – das Licht der internationalen Bühne möge bitte schleunigst die Dunkelheit des 14-Prozent-Debakels der SPD vertreiben: Erst Wolodymyr Selenskyjs Besuch heute in der Hauptstadt, dicht gefolgt von G7-Gipfel in Italien und der Friedenskonferenz auf dem schweizerischen Bürgenstock.
Scholz hielt sogar eine Rede, die bemerkenswert unscholzig war: empathisch, warmherzig, ja, sogar ein bisschen pathetisch: „Wir bauen die Ukraine wieder auf – stärker, freier, wohlhabender als zuvor.“ Solch ein Versprechen ist sonst eher nicht sein Stil.
Ganz anders Ursula von der Leyen. Die deutsche Kommissionschefin hat nicht nur keine Angst vor Pathos, sie ist generell eine Frau des großen Wortes. Wer ihr am Dienstag in Berlin zuhörte ohne zu wissen, dass sie noch lange keine Mehrheit im Europäischen Parlament für ein zweite Amtszeit beisammen hat, würde es wohl auch nicht glauben: Von der Leyen sprach mit einem Selbst- und Sendungsbewusstsein, als sei sie soeben souverän wiedergewählt worden.
Zweifel? Von der Leyen doch nicht!
Die Beitrittsgespräche mit der Ukraine sollen schon in wenigen Wochen beginnen, eingefrorene russische Vermögen noch stärker zur Verteidigung Kiews genutzt werden. Dass sie erst noch komplizierte und möglicherweise schmerzhafte Kompromisspakete mit den Fraktionen des Parlaments schnüren muss, um im Brüsseler Berlaymont bleiben zu dürfen? Kein Hauch zu spüren.
Zum Besonderen dieses Tages gehört, dass auch der Ehrengast Selenskyj eine eigene Flucht nach vorn antrat. Zuhause steht der ukrainische Präsident seit Längerem unter Druck. Etwa, weil er mehr Rekruten für die Front benötigt. Auch ein umstrittener Wechsel an der Armeespitze ist noch nicht lange her. Unmittelbar vor der Berliner Konferenz war dann in Kiew ein Streit eskaliert: der oberste Wiederaufbaubeauftragte trat zurück. Der Premierminister hatte ihm die Teilnahme an der Konferenz verboten.
Doch Selenskyj blieb einfach Selenskyj: ein Redner, der seine Auftritte mit großem Gespür für sein Publikum maßschneidert – vor allem beim zweiten Auftritt des Tages in der Hauptstadt, im Bundestag. Schon einmal hatte der Präsident dort gesprochen, im März 2022, allerdings nur per Videobotschaft. Diesmal war er da, persönlich, in Armeekluft, den Kriegsbart im zerfurchten Gesicht, und er nahm sofort ein Leitmotiv von damals wieder auf: Mauer und Teilung.
„Das geteilte Deutschland war niemals glücklich“, sagte Selenskyj unter Applaus, deshalb würden gerade die Deutschen sein Land verstehen, dass von Wladimir Putin brutal getrennt worden sei. Putins Herrschaft, so Selenskyj weiter, sei nicht für die Ewigkeit. Das sei „eine Illusion, die zerstört werden kann“.
Da klatschte sogar der Kanzler – obwohl er sich einen solchen Satz selbst wohl nie trauen würde.
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