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Yanis Varoufakis zur Wirtschaft in der Coronakrise „Den Finanzjongleuren ist die Realwirtschaft völlig egal“

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Abkopplung der Aktienkurse von der Realwirtschaft

Der Elektromagnetismus führte zum Aufstieg der ersten vernetzten Unternehmen, die alles herstellen konnten – von Kraftwerken über das Leitungsnetz bis hin zu Glühbirnen für jeden Raum. Der gigantische Finanzierungsbedarf dieser Unternehmen führte zum Entstehen der Großbanken – gemeinsam mit der bemerkenswerten Fähigkeit, aus heißer Luft Geld zu erschaffen. Die Agglomeration riesiger Firmen und Banken erzeugte eine Technologie-getriebene Struktur, die die Märkte, die demokratischen Institutionen und die Massenmedien an sich riss. So entstand das Wirtschaftswunder der 1920er, das mit dem Crash von 1929 endete.

Zwischen 1933 und 1971 wurde der globale Kapitalismus durch immer neue Runden einer Verwaltung im Rahmen des New Deal zentral geplant. Zu dieser Planung gehörten auch die Kriegswirtschaft und das System von Bretton Woods. Als dieser Rahmen Mitte der 1970er weggefegt wurde, zog sich die Technostruktur die Kleider des Neoliberalismus an und konnte so ihre Macht wiedergewinnen. Nun folgte eine an die 1920er Jahre erinnernde Welle „irrationalen Überschwangs“, die in der globalen Finanzkrise von 2008 kulminierte.

Um das Finanzsystem wieder flüssig zu machen, leiteten die Zentralbanken dann eine Flut spottbilliger Liquidität in den Finanzsektor – gegen die Auflage allgemeiner fiskalischer Sparmaßnahmen, die die Ausgaben der Haushalte mit geringem und mittlerem Einkommen bremsten. Die Investoren, die von den zur Sparsamkeit gezwungenen Verbrauchern nicht profitieren konnten, wurden dann von den ständigen Liquiditätsspritzen der Zentralbanken abhängig – eine Sucht mit erheblichen Nebenwirkungen für den Kapitalismus selbst.

Betrachten wir die folgende Kettenreaktion: Die Europäische Zentralbank stellt der Deutschen Bank zu Zinsen nahe Null neue Liquidität zur Verfügung. Um davon zu profitieren, muss die Deutsche Bank das Geld weiter verleihen, aber nicht an die „kleinen Leute“, deren Rückzahlungsfähigkeit durch die schlechteren Rahmenbedingungen geschwächt wurde. Also verleiht sie das Geld beispielsweise an den Volkswagen-Konzern. Dieser hat aber bereits genug Geld, da seine Vorstände aus Angst vor mangelnder Nachfrage nach neuen, hochwertigen Elektroautos wichtige Investitionen in neue Technologien und gut bezahlte Arbeitsplätze aufgeschoben haben. Obwohl die Chefs von Volkswagen das Geld nicht brauchen, bietet ihnen die Deutsche Bank derart niedrige Zinsen, dass sie es trotzdem nehmen und damit sofort Volkswagen-Aktien kaufen. Natürlich gehen die Aktienkurse dann durch die Decke, und damit auch die Bonuszahlungen an die Volkswagen-Chefs (die an die Marktkapitalisierung des Unternehmens gekoppelt sind).

Zwischen 2009 und 2020 trugen solche Praktiken dazu bei, die Aktienkurse von der Realwirtschaft abzukoppeln, was zu einer umfassenden Zombifizierung der Konzerne führte. Dies war der Zustand des Kapitalismus, als Covid-19 kam. Indem die Pandemie gleichzeitig den Konsum und die Produktion lähmte, zwang sie die Regierungen, die Einkommensausfälle zu ersetzen – in einer Zeit, in der die Realwirtschaft am wenigsten dazu in der Lage war, in die Erzeugung nichtfinanziellen Wohlstands zu investieren. Daher wurden die Zentralbanken dazu aufgerufen, die Schuldenblase, die bereits zur Zombifizierung der Konzerne geführt hatte, noch unglaublich viel stärker aufzublasen.

Die Entwicklung, die den Kapitalismus bereits seit 2008 untergräbt, wurde also durch die Pandemie noch verstärkt: die Verbindung zwischen Gewinnen und der Anhäufung von Kapital. Die momentane Krise hat eine postkapitalistische Wirtschaft freigelegt, in der die wirtschaftliche Entscheidungsfindung nicht mehr von Märkten für reale Waren und Dienstleistungen koordiniert wird. Die aktuelle (von Hochtechnologie und der Wall Street bestimmte) Technostruktur manipuliert in massivem Maße unser Verhalten, und das Volk (Demos) wird aus der Demokratie verbannt.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

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